Sirenia - Perils Of The Deep Blue - Cover
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Sirenia Perils Of The Deep Blue


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 68 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine echte Überraschung! Dieser Perlentaucher-Metal überstrahlt Sirenias Back-Katalog mit Leichtigkeit und wird zum späten Referenzalbum der Norweger.

Was in den 80er-Jahren für den Thrash Metal der rothäutige Dämon war, ist für den Symphonic Metal die Meerjungfrau. Amorphis singen über solche, Nightwish sowieso und bei Arielle könnte man gut und gerne die Tin Drums mit Stromgitarren austauschen und keiner würde sich großartig daran stoßen. Ja, selbst im Gottesglauben eines Nick Cave haben Nixen seit kurzem einen Platz. Grund genug für Morten Veland, seinen Sirenia den längst überfälligen Meerjungfrauen-Topos zu spendieren. Immerhin kommt der Name der norwegischen Gothic- und Symphonic-Metal-Kapelle ja nicht von ungefähr, selbst wenn böse Zungen bis heute behaupten, dass er seine eigene Band als offensichtliches Nightwish-Plagiat anlegte und die Sirenengesang-Assoziation zupass kam. Elf Jahre nach dem Debüt „At Sixes And Sevens“ hockt nun endlich eine Frau mit Fischunterleib auf dem von Anne Stokes gestalteten Coverartwork des immerhin schon sechsten Studioalbums - die schummerige Atmosphäre einer Wassergrotte mit einem Schiffswrack im Hintergrund gibt’s gratis dazu!

Musikalisch kann Mastermind Veland seine selbst angelegten Fesseln sprengen und nach langer Zeit wieder zur alten Form finden. Nach dem grauenhaft uninspirierten „The Enigma Of Life“ (2011) wusste er anscheinend, dass Sirenia selbst für die eigentlich recht regelkonformen Genres des Symphonic- und Gothic-Metals in einer kreativen Sackgasse angelangt waren. Kritiker und auch Fans straften seine Innovationsarmut. Jetzt legt er nach! Auf „Perils Of The Deep Blue“ findet sich gleich ein ganzer Batzen an Kompositionen, welcher demonstriert, dass es der ehemalige Sänger und Axtschwinger Tristanias immer noch drauf hat und die vielleicht beste songwriterische Leistung seit „Beyond The Veil“ (1999) beweist. Dafür macht Veland ordentlich Druck und baut auf zwei Kontraste. Zum einen haben Sirenia nun vollends einen High-Class-Symphonic-Metal erreicht, der sich keineswegs mehr hinter dem des Genreprimus Nightwish verstecken braucht. Dann wiederum zaubert man pompöse Stampfer mit einem bislang selten dagewesenen Härtegrad aus dem Hut.

Was man auch immer gegen die spanische Frontfrau Pilar Giménez García aka Aylin sagen wollte - entgegen der Unkenrufe der jüngeren Vergangenheit setzt sich die einstige Teilnehmerin der spanischen Version von The X Factor durch. Ihre mädchenhaftes Organ ist ein solches geblieben, doch kommt es trotz aller Zerbrechlichkeit gegen Härte und Bombast an. Das Material auf „Perils Of The Deep Blue“ ist dabei aber keinesfalls auf sie zugeschnitten. Vielmehr passt sich die Dame diesem an und meldet sich eine ganze Ecke reifer und professioneller zurück. Somit beherrscht sie zum ersten Mal seit ihrem Einstieg im Jahre 2008 mehr als nur Balladen oder ruhige Töne. Ob nun im donnernden und sogar leicht progressiven „Seven Widows Weep“, im düster-melancholischen „Darkling“ oder in der Symphonic-Metal-Hymne „The Funeral March“ - Aylins Stimme hat sich definitiv entwickelt und geht nicht unter. Lediglich dann, wenn man in „Decadence“ Elektroklänge mit Kamelot-Ästhetik zu verbinden versucht, wirkt die Frontelfe stellvertretend für den Hörer ein wenig ratlos. Dafür beherrscht sie die typischen Symphonic-Brecher aus dem Effeff und lässt sich bei solchen mittlerweile auch nichts mehr vormachen: alleine „My Destiny Coming To Pass“ oder das aberwitzige „Profound Scars“ gehören zum ausgereiftesten, was Sirenia jemals auf Silberling gebannt haben.

Die absoluten Höhepunkte sind allerdings das Intro (!) „Ducere Me In Lucem“, der Longtrack „Stille Kom Døden“ sowie „Ditt Endelikt“. „Ducere Me In Lucem“ und „Stille Kom Døden“ werden als wunderbare und vielfältige Oden an den Symphonic Metal präsentiert, die beinahe im Alleingang den bandeigenen Klassikerstatus von „Perils Of The Deep Blue“ festigen. Nach all den Aufs und Abs der Vergangenheit könnten Sirenia damit ganz oben angelangen und dem Genre endlich ihren eigenen Stempel aufdrücken. Das erwähnte „Ditt Endelikt“ setzt schließlich noch einen drauf, ist ohne Frage das große Highlight des Longplayers und schon jetzt ein heißer Anwärter, der Vorzeigetitel der Band zu werden.

Die melancholische Nummer verbindet eigene Trademarks mit der Hymnenhaftigkeit von Amorphis, was den Norwegern unglaublich gut steht. Interessanterweise hat man sich für einen Gastsänger entschieden, der „Ditt Endelikt“ komplett im Alleingang stemmen kann. Der noch völlig unbekannte Joakim Næss lässt sogar die gute Leistung von Aylin alt aussehen und gibt einen Eindruck davon, wie sich Sirenia mit einem Frontmann anhören würden. Vielleicht macht sich Mastermind Morten Veland mal Gedanken darüber. In ihrer aktuellen Phase sind Sirenia allerdings bereits so gut wie nie, entschädigen für Halbgares und haben sich fest vorgenommen, den Symhponic Metal voll und ganz zu erobern. Wenn sie die Qualität von „Perils Of The Deep Blue“ halten, sollte dem auch nichts im Wege stehen. Ein Referenzwerk - eindeutig!

Anspieltipps:

  • Ditt Endelikt
  • Ducere Me In Lucem
  • My Destiny Coming To Pass
  • Stille Kom Døden
  • Profound Scars

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