Gibonni - 20th Century Man - Cover
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Gibonni 20th Century Man


  • Label: Saol/H'ART
  • Laufzeit: 45 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Das musikalische Aushängeschild Kroatiens kommt endlich in unseren Breiten an und zeigt sich mit Radio- bis hin zu Art-Pop erstaunlich facettenreich.

Kaum zu glauben, dass man in unseren Breiten bisher kaum etwas von Zlatan Stipisic, genannt Gibonni oder Gibo, gehört hat. Dabei ist der Kroate alles andere als ein Geheim- oder Insidertipp. Bei sich zu Hause ist Gibonni ein Superstar, der ungefähr den Beliebtheitsgrad und das Ansehen eines Herbert Grönemeyer in Deutschland hat. Sein Erfolg spricht Bände. Vier von Gibonnis Soloalben wurden in seiner Heimat zu den meistverkauften des jeweiligen Veröffentlichungsjahres. Neben unzähligen Auszeichnungen schrieb Gibonni an einer Neuinszenierung von Shakespeares Hamlet mit, ist nationaler UNICEF-Botschafter und füllt mit seinen Auftritten mal eben ein ganzes Fußballstadion. Sicher, dass man in unseren Breiten wirklich noch nie etwas von dem Herrn gehört hat? Wie dem auch sei - spätestens jetzt soll sich das mit „20th Century Man“ ändern. Der neunte Streich seit den Soloanfängen des Herrn Stipisic, ist das erste komplett in Englisch eingesungene Album und somit prädestiniert, den Schritt aus den Balkan-Staaten heraus zu wagen und eine neue Hörerschaft für sich zu gewinnen.

Schwierig, schwierig wenn man es mit einem Künstler zu tun hat, der in seiner Heimat ein musikalisches Idol und Phänomen ist, letztendlich aber nur folgenden Ersteindruck vermittelt: nett. Aber das soll auch gar kein Kriterium sein, denn unter der Oberfläche von gefälligem Pop versteckt sich gottlob mehr. Wer „20th Century Man“ hört, weiß genau, warum Gibo in Kroatien so beliebt ist. Sein Material deckt ein breites Feld ab - sowohl die ruhigen Töne als auch die rotzige Rockröhre beherrscht Gibonni. Kein Wunder, schließlich hatte er noch vor dem Beginn seiner Solokarriere im Jahre 1990 genug Zeit, sich in der kroatischen Metal-Band Osmi Putnik auszutoben und Erfahrungen zu sammeln. Sein äußert warmes Organ scheint wie geschaffen für kraftvollen Pop, Stadionrock und das eine oder andere sensible Ballädchen. Zugegeben: Gibonnis gibt es auch bei uns schon zur Genüge (man denke nur an Rea Garvey) und deshalb wird der Kroate wohl nicht den Impact erreichen, den er sich wohl gerne wünscht und auch verdient hätte. Seine Nische könnte er aber durchaus finden.

Das hört sich negativer an, als es wirklich ist. „20th Century Man“ ist an und für sich ein wirklich ordentliches Album geworden. Und mit einem hervorragenden Sound und gleich mehreren professionellen Musikern an den Instrumenten hat der Longplayer sogar zwei ganz dicke Trümpfe in der Tasche. Die Produktion ist allererste Sahne und extrem sauber, wovon die zehn Kompositionen enorm profitieren. Jene sind recht unterschiedlich und abwechslungsreich geworden und gehen nicht selten über einfachen Pop hinaus. Außer den wirklich kitschigen „She Said“ und „My Cloud“, ist nur noch das erschreckend vor sich her dudelnde „Kids In Uniform“ völlig belanglos. Letzteres nimmt zudem durch einen grausigen Kinderchor seiner eigentlich wichtigen Aussage jede Bedeutungsschwere und beweist, dass der Umgang mit den lieben Kleinen etwas ist, das nur die allerwenigsten Musiker wirklich beherrschen. Ansonsten lässt sich der gute Gibo nicht lumpen und präsentiert einen Pop-Rock, der zwischen „tut keinem weh“ und „wirklich gut“ rangiert. Da wären zum Beispiel der schöne Feel-Good-Song „Broken Finger“ samt Ethno-Violinen und melancholischer Atmosphäre, der Titeltrack oder „Ain't Bad Enough For R'n'R” in Form fetziger Old-School-Rock-'n'-Roller sowie „Hide The Mirror“, welches recht nachdenklich daherkommt und mit elegischen Gitarren die Liebe Gibonnis zu Pink Floyd klar dokumentiert.

Der Opener „Hey Crow“ und „My Brother Cain“ sind die großen Highlights. Ersteres verbindet mit angefolktem Retro Prog, Gypsy Swing und symphonischen Pop drei eigentlich völlig unterschiedliche Welten und mausert sich zu einem echten Art-Popper. „My Brother Cain“ ist - verglichen mit diesem Ausbruch, aber auch im Vergleich zu den anderen Songs auf dem Album - regelrecht zurückhaltend und spielt geschickt mit der Intimität und dem gezielt eingesetzten Kitsch eines Nick Cave. Wirklich großartig, tieftraurig und eines Weltstars mit echten künstlerischen Ambitionen würdig. Und genau letztere sind es, die Gibonni immer wieder retten und ihn aus dem Sumpf eines 08/15-Pops ziehen. Das Rad erfindet „20th Century Man“ sicherlich nicht neu, aber das muss es auch nicht. Mit etablierten Acts kann Gibo ohne Probleme mithalten und würde auch im Radio eine gute Figur machen. Letztendlich sind es aber die Ecken und Kanten, welche die ganze Sache spannend und ansprechend halten. Und von denen hat Gibonni doch schon einige in der Hinterhand.

Anspieltipps:

  • Hey Crow
  • Hide The Mirror
  • Broken Finger
  • My Brother Cain

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