Rising Storm - Tempest - Cover
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Rising Storm Tempest


  • Label: Saol/H'ART
  • Laufzeit: 71 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Meer wütet, die Stürme toben – vier Berliner halten das Ruder fest in den Händen.

Metal mit Hochsee-Thematik ist so angesagt wie noch nie. Nachdem Savatage mit ihrem „The Wake Of Magellan“ (1997) den Stein ins Rollen brachten, kamen nach und nach Bands, die entweder auf Piraten machten oder das Seefahrer-Konzept musikalisch verarbeiteten. Wieso auch nicht? Die Unbarmherzigkeit und Härte der See gibt immerhin eine Menge her, dient als Inspirationsquelle für Härte und Melancholie gleichermaßen. Das steht vielen Bands einfach gut. Der Genreprimus Ahab baute von Anfang an darauf, neue junge Bands wie Coal & Crayon setzen sich vom Gros der Szene ab. Man könnte fast sagen, dass Matrosen die neuen Ritter, Harpunen die neuen Schwerter und Meere die neuen Fantasiezyklen sind - nur cooler und sehr viel unverbrauchter. Rising Storm aus Berlin setzen genau da an und interpretieren diesen Trend eigenständig. Ihre Ästhetik spricht eine klare Sprache, doch wissen die vier Knaben ohne Frage, dieser ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Irgendwie merkt man Rising Storm schon an, dass alle Mann an Bord echte Vollblutmusiker sind, die nur darauf gewartet haben, mit ihrem ersten eigenen Album so richtig zuzuschlagen. Nicht nur sind die über 70 Minuten Spielzeit für ein Debüt überdurchschnittlich lang, auch an Ideen mangelt es den Berlinern nicht. Kaum zu glauben, dass Karl Bormann (Gesang, Bass), Erik Haus (Schlagzeug), Eric Grothkop und Tony Schumacher (beide Gitarre) noch Jungspunde sind, denn was sie auf ihrem Debüt „Tempest“ abziehen, könnte genauso gut von einer Band mit jahrzehntelanger Erfahrung eingespielt worden sein. Dass sich Rising Storm selbst als Progressive Power Metalband sehen, ist stellenweise aber kaum nachvollziehbar. Dafür sind die Kompositionen doch zu verschachtelt und erfordern höchste Aufmerksamkeit. Stattdessen wagt man sich in Thrash-Gefilde und verleiht dem Album eine gesunde Härte.

Dadurch erinnert die Band stark an die Platzhirsche Atheist oder die Death-Progger von Extol, wenn diese einen Gang runter schalten. „Shine“, „Anxiolytic“, „Conquer The Sea“ sowie die hervorragenden „Iron Faith“ und „The Tool“ machen da keine Gefangene - die Songs zeigen klar, dass es sich beim Material auf „Tempest“ um Prog Metal der zünftigeren Sorte handelt. Auf Anhieb zündet kaum eine Komposition, doch wer sich Zeit nimmt, erkennt stets die wahren Qualitäten. Auf melodische Einsprengsel wird zwar nie verzichtet, doch für die Nackenmuskulatur kennen die Jungens auch kein Erbarmen. Wenn es dann mal balladesk oder ruhiger wird, beweisen Rising Storm ihr wahres Talent. Besonders „Revival“ und „Dreamwalker“ wissen mit ihren herbstlich-melancholischen Grundstimmungen zu überzeugen. Vereinzelte Intermezzi wie „Of Starving Eagles“ und „Memories Of A Lost“ sind dann weitaus mehr als bloßes Füllmaterial, sondern als klare Kontraste zum jeweils folgenden, brachialen Material zu verstehen und lockern das Erlebnis deutlich auf. Die Kompositionen „Animan“ und „Storm Of Thoughts“ stechen schließlich nochmal besonders hervor. Ersteres ist sogar eine leicht symphonisch angehauchte Nummer, die stark an die Symphony X in ihrer mittlerweile thrashigen Phase erinnert. „Storm Of Thoughts“ kombiniert dann den erlösenden Ahab-Bombast mit galoppierendem Riffing.

Somit schütteln Rising Storm ein Debütwerk aus dem Ärmel, welches Thrash- und Progheads gleichermaßen gefallen dürfte. An allen Ecken und Enden finden sich Einfälle, die keine Langeweile aufkommen lassen - wenn man sich gezielt darauf einlässt! Für einen Act, der streng genommen im Prog beheimatet ist, sind die Herren auch überraschend hart unterwegs und sollten vor allem live richtig gut funktionieren. Lediglich die Länge von „Tempest“ könnte kritisiert werden. Es ist immer schön, wenn man viel Musik fürs Geld kriegt; manche Bands erdreisten sich sogar, Longplayer mit einer knappen halben Stunde Spielzeit auf den Markt zu werfen, aber für eine erste Duftmarke in Albumform ist das schon harter Tobak, was Rising Storm da abziehen. Das mag zwar ein echtes Luxusproblem sein, aber gerade wenn man so knackig zugange ist wie Rising Storm, läuft man Gefahr den gemeinen Thrash Metaler abzuschrecken und viele Progger zu überfordern. Wer sich aber die Zeit nimmt, wird mit einem überaus empfehlenswerten Album beglückt. Und wenn es so gut weiter geht, werden Rising Storm noch oft in See stechen dürfen.

Anspieltipps:

  • Dreamwalker
  • The Tool
  • Revival
  • Storm Of Thoughts
  • Memories Of A Lost
  • Iron Faith

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