Witherscape - The Inheritance - Cover
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Witherscape The Inheritance


  • Label: Century Media/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 44 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Dan Swäno sorgt mit seinem neuen Projekt nicht nur für Gänsehaut, sondern stellt ganz nebenbei noch den legitimen Nachfolger zu „Blackwater Park“.

Wer die Laufbahn des schwedischen Multitalents Dan Swäno auch nur ansatzweise verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass der 40-Jährige nicht nur seit einem Vierteljahrhundert sein komplettes Leben dem Heavy Metal widmet und bereits mit unzähligen klein- wie auch großkalibrigen Acts im Studio als Produzent oder instrumentales Backup zu finden war, sondern auch das eine oder andere Soloprojekt ins Leben gerufen hat. Mit dem ebenfalls multiinstrumental ausgerichteten Ragnar Widerberg hat er nun ein Duo geformt, das nicht nur aus einer Laune heraus entstanden ist, sondern die stilistische Vielfalt seines bisherigen Schaffens in einen wilden, progressiven Ritt, unter Einbindung der gemeinsamen Vorbilder wie Judas Priest, King Crimson, Rush, Mercyful Fate, Queensryche oder Marillion, bündeln soll. Herausgekommen ist nicht weniger als eine süchtig machende Progressive Death Metal-Platte, die ganz im Zeichen des Genreklassikers „Blackwater Park“ (02/2001) von Opeth steht.

„,The Inheritance´ ist ein ziemlich mächtiges Konzeptalbum, das in verschiedene Episoden unterteilt ist und, um die Geschichte kurz zu umreißen, in einem entlegenen Dorf im Nordschweden des späten 19. Jahrhunderts spielt. Die Hauptfigur lebt in Stockholm, hat einen reichen Familienhintergrund und erfährt nach dem Tod seiner Familie vom Testamentsverwalter, dass er ein großes Anwesen im Norden geerbt hat, von dessen Existenz er nichts gewusst hatte. Er entschließt sich, der Sache auf den Grund zu gehen, und als er dort ankommt, passiert laut Swanö ,der verrückteste Scheiß´“, weiß der beiliegende Waschzettel zu berichten. Damit ist aber nicht im Ansatz die grandios-dynamische Berg- und Talfahrt des Witherscape´schen Erstlings umrissen, denn was Swäno und Widerberg in der guten Dreiviertelstunde an Ideen dem Hörer anbieten, entbehrt jedem Vergleich, auch wenn die offensichtlichen Vorbilder stets omnipräsent über den Häuptern der Kompositionen kreisen.

Die Lyrics wurden übrigens nicht von Dan geschrieben, stattdessen hat er Paul Kuhr von Novembers Doom gebeten, diese ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen. „Ich weiß, dass er ein richtig guter Texter ist, weil er an sein eigenes Können glaubt, und das ist ziemlich wichtig, wenn du jemandem acht Songs mit groben Textbruchstücken gibst, die dann Silbe für Silbe zu einer erstklassigen Geschichte passen sollen. Und er hat den Vogel abgeschossen: Paul hat sogar eine kleine detailliertere Kurzgeschichte geschrieben, um etwas genauer zu
erklären, was hier vor sich geht. Die Special Edition des Albums beinhaltet die gesamte Kurzgeschichte, so dass man sich hinsetzen und sie lesen kann. Oder man schert sich alternativ einen feuchten Kehricht darum und hört einfach nur die Musik“, erklärt Mastermind Swäno und während man durch das dunkel gehaltene Booklet blättert und die brachiale Attacke des Openers „Mother of the soul“ stattfindet, die nichts anderes ist als die musikalische Reinkarnation einer Daumenschraube, befindet man sich, ehe man sich versieht, bereits in den Fängen von „The Inheritance“.

Dabei ist es dann eigentlich egal, ob „Astrid falls“ lediglich als faszinierendes Stimmungsgebilde funktioniert, das keine Scheu vor abrupten, aber genial gesetzten Rhythmuswechseln und 70er-Jahre-Keyboards hat, „Dead for a day“ ein Song ist, für den Poisonblack ohne mit der Wimper zu zucken Massenmord begehen würden oder „Crawling from validity“ und „To the calling of blood and dreams“ zwei Nummern sind, welche aufgrund ihrer Mischung aus der raspeligen Stimme von Swäno, den warmen Gitarrenklängen und einzigartigen Solos eine Atmosphäre heraufbeschwören, die am besten mit der eines alten Schwarz/Weiß-Horrorfilms zu vergleichen ist. Inmitten dieser musikalischen Extravaganz strahlt jedoch ein Höhepunkt heller als alle anderen und dieser Track nennt sich „Dying for the sun“, denn neben diesem Monolithen an Perfektion verkommen selbst das epische „The wedlock observation“ mit seinen unvorhergesehenen Falltüren und kleinen Details, sowie der stark keyboardgesteuerte Einfluss von Rainbow oder die technisch versierte Zielgerade Marke Dream Theater in „The math of the myth“ zur Nebensache.

Ruhig, fast trocken beginnt das Meisterstück, wechselt mit Hilfe einer Akustikgitarre in eine wärmere Umgebung, wo sie psychedelische Knospen trägt, die alsbald mit einem angedeuteten Herzschlagbass verschmelzen, bis in der Ferne eine zaghafte E-Gitarre ihren Auftritt hat und ein paar Sekunden später mit einem Knall das Monster von der Leine gelassen wird. Anschließend folgen 4½ der einfallsreichsten Minuten im Metal (ein kurzes Schnippen sorgt z.B. für eine ganze Wagenladung Endorphine), was durch einen grandiosen Refrain, dem sich Swäno voller Emotionen annimmt, einer minimalistischer Flötenmelodie und einem stets unberechenbaren, brutalen Gegenpol manifestiert, welcher oftmals ungebremst in die sorgsam inszenierte Idylle hereinbricht. Vom einnehmenden Schlagzeug/Gitarrenfinale mal ganz zu schweigen. „The Inheritance“ ist einfach nichts anderes als der Nachweis für die Genialität von Dan Swäno, gepresst auf CD. Wer dieses epochale, süchtig machende Meisterwerk verpasst, ist eindeutig selber schuld!

Anspieltipps:

  • Dead For A Day
  • Dying For The Sun
  • Mother Of The Soul
  • The Wedlock Observation

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