Annihilator - Feast - Cover
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Annihilator Feast


  • Label: UDR/EMI
  • Laufzeit: 12 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Beinahe-Klassiker und Standardkost halten das Gleichgewicht - viele Chancen bleiben auf schmerzhafte Weise ungenutzt.

Es ist immer besonders schwer, wenn man Referenzen des 80er-Thrashs nennen will und einfach kein Ende findet, weil so viele Bands so gut und so viele Alben so klassisch und stilprägend waren und bis heute prima funktionieren. Neben der Bay-Area- und Ruhrpott-Fraktion wären da die nicht zu einem lokalen Emporkömmling zu zählenden Annihilator, welche letzten Endes die wichtigste und erfolgreichste Metal Band aus Kanada werden sollten. Zwischen Stillstand und Entwicklung standen Jeff Waters und Dave Padden schon immer. Neben herrlichen Klassikern wie „Alice In Hell“ (1989) und „Never, Neverland“ (1990), gab es auch den einen oder anderen Ausflug in Prog-Gefilde und sogar Industrial („Remains“, 1997) - irgendwie einzigartig und unverkennbar blieb der Sound aber dennoch. Allerdings scheinen sich Annihilator besonders in den letzten Jahren irgendwie nicht mehr weiterentwickeln zu wollen. Das nun vorliegende „Feast“ ist somit das Album, welches man von Annihilator erwartet hat. Nicht mehr und nicht weniger. Will heißen: Das ohne Frage sehr hoch angelegte Mindestniveau wird zu keiner Zeit unterboten. Dafür halten sie sich mit richtigen Krachern ebenso zurück - zumindest dann, wenn sie Fanservice betreiben.

Schon „Metal“ (2007) und das selbstbetitelte „Annihilator“-Album (2010) waren allenfalls solide. Das mittlerweile 14. Studioalbum setzt genau an diesen beiden Vorgängern an. Kollege Jeff und seine Mannen ziehen das typische Thrash-Gewitter ab und sollten damit die meisten Fans glücklich machen, die genau das von der Gruppe erwarten. Songs wie „Deadlock“, „No Way Out“, „Smear Campaign“ und „Wrapped“ legen die Karten klar auf den Tisch und werden als klassische Headbanger präsentiert, die von der Band schon weitaus besser (aber definitiv auch schlechter) zu hören waren. Ob der Anhänger des kanadischen Geschwaders in jenem Falle zum Gähnen neigt oder sich einfach über eine neue Brise für die Windmühle freut, ist pure Geschmackssache. Tatsache ist, dass Genrevertreter wie Voivod, Kreator und besonders Testament mit ihren jeweils letzten Longplayern weitaus mehr Akzente setzen konnten und deshalb auch länger im Gedächtnis bleiben. Annihilator? Sie machen viel richtig, aber nur im seltensten Falle ist „Feast“ auch richtig gut. Komisch, wenn man bedenkt, dass die Band gerade durch innovativen Thrash Metal einst bekannt wurde.

Dafür lassen einige Kompositionen klar aufhorchen und geben immer wieder einen Eindruck davon, was Annihilator doch alles sein könnten, wenn sie sich nicht selbst im Wege stünden. Hinsichtlich der einen oder anderen Komposition auf „Feast“ erscheinen die angesprochenen Up-Tempo-Nummern erst recht wie ein Abarbeiten von Schema F. „No Surrender“ zündet ein wahres Feuerwerk an teilweise sogar leicht angejazztem Alternative Metal und sorgt für eine ordentliche Portion Laune. Die recht kitschige Ballade „Perfect Angel Eyes“ ist zwar nicht wirklich das, was man als großartig bezeichnen möchte, beweist aber wieder, dass Annihilator die ruhigen Töne sehr viel besser als so manch anderer Thrasher beherrschen. Für die rotierende Trommel von Megadeths Super Weichspüler („Super Collider“) verschwenden sich die Kanadier definitiv nicht. Die bombastischen und spannenden Schlusslichter „Fight The World“ und „One Falls, Two Rise“ führen die progressive Phase der frühen 90er-Jahre im modernen Gewand weiter und schlagen voll und ganz in die Kerbe eines „Dark Roots Of Earth“ - Annihilator verbinden hier erfolgreich die Härte und Kompromisslosigkeit ihrer klassischen Phase mit dem dringend erforderlichen Mut, über den Tellerrand zu schauen. Das Ergebnis ist eine Band in Höchstform, welche eindrucksvoll zeigt, wozu sie fähig ist. Und der bittere Nachgeschmack vom restlichen Material, welches im Vergleich total abfällt. Wäre nur jeder Song so inspiriert wie die beiden letzten gewesen - „Feast“ hätte sich als ein spätes Referenzwerk souverän in der Diskographie platziert!

Neben dem Menü à la carte bauen die Annihilatoren übrigens auch noch ein Buffet auf und bieten dem Fan 15 neu eingespielte, klassische Tracks. Von „Alison Hell“ über „W.T.Y.D.“ bis hin zu „Stonewall“ ist auf „Re-Kill“ einiges dabei, was das Fanherz höher schlagen lässt und zudem glasklar, druckvoll und extrem fett produziert wurde. Kenner bekommen die Songs, die sie lieben, in einer leicht editierten, aber ohne Frage spannenden Form, während Neueinsteiger sich über eine kostenlose Best-Of-Scheibe freuen dürfen. Andere Bands hauen so was zum Weihnachtsgeschäft raus, da ist es schon ein feiner und fairer Zug, wenn Annihilator eine üppige Spielzeit von knapp 80 Minuten für lau dazulegen. „Re-Kill“ beschwichtigt auf jeden Fall und wirkt fast wie eine Rechtfertigung für „Feast“. Fans der Band greifen allerdings eh zu und werden gut unterhalten. Mit etwas Abstand aber bleibt ein wenig Unverständnis, warum Annihilator nicht das Killer-Album eingespielt haben, zu welchem sie imstande gewesen wären. Dadurch wird „Feast“ zwar alles andere als schlecht, aber verpasst nicht nur eine Chance, wirklich grandios zu sein.

Anspieltipps:

  • Deadlock
  • No Surrender
  • Fight The World
  • One Falls, Two Rise

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