Dagobert - Dagobert - Cover
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Dagobert Dagobert


  • Label: Buback/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Dandy der Schnulzenmusik schlägt sein Zelt im Camp Schlager auf.

Dagobert, bürgerlich Dagobert Jäger, ist Schweizer. Der im Kanton Aargau aufgewachsene Sänger hatte eine schwere Kindheit und Jugend - die ersten 20 Jahre seines Lebens sei er mehr oder weniger depressiv gewesen, bis er sich nach der Schule schließlich entschied „Penner“ (sic) zu werden. Nach seinem Abitur gewann er mit fünf Eigenkompositionen ein mit 18.000 Schweizer Franken dotiertes Kulturstipendium, ging nach Berlin, spielte sein erstes Album aber angeblich in der Abgeschiedenheit der verschlafenen Gemeinde Pigniu (Einwohnerzahl: 33) ein. Wie viel Wahrheit einige dieser vom Künstler selbst so genannten Informationen haben, bleibt im Dunklen. Der Sänger, welcher die Scorpions („mir ist völlig klar, dass die total scheisse sind“, so Dagobert selbst) oder David Hasselhoff zu zwei seiner großen Einflüsse zählt, baut den eigenen Mythos damit aber Stein für Stein auf. In kleinen Clubs und Locations präsentiert er sich als Alleinunterhalter, Individualist und Schlager-Kauz - und hat Erfolg.

Lyrics, die so schnulzig sind, dass man sie als Kuvertüre auf einen Nusskuchen streichen kann, schmierige Synthies aus den 80er-Jahren und schweizerischer Akzent - Dagobert verlangt seinen Hörern viel ab. Er vereint die heile Welt eines Roy Black mit dem augenzwinkernden Kitsch von Tocotronic; auf der Bühne hat er nach so viel Vorarbeit sehr viel weniger zu tun und präsentiert sein Programm mit Schneideresker Präsenz als Selbstläufer. Sein Publikum ist heiter, klatscht, singt fleißig mit und erlebt für wenige Momente den berühmten Schlager-Eskapismus hautnah. Die Musik, die Dagobert macht, ist nämlich im Schlager anzusiedeln. Doch vielmehr handelt es sich um einen Schlager mit Camp-Status. Klischees werden durch den Fleischwolf gedreht und schließlich in eine neue alte Form gepresst. Diverse Alleinunterhalter in Eckkneipen oder Biergärten machen es zwar auch nicht anders, Dagobert nimmt sich aber dabei nicht ernst. Dann tut er es wiederum doch. Und hier liegt der kleine, aber feine Unterschied. Dieser Mann weiß genau was und warum er es tut.

Doch was genau ist denn nun Dagoberts Musik überhaupt? Seine Hörer klassifizieren sie als Elektro-Schlager, Alternative-Schlager, Synthie-Schlager oder Indie-Schlager. Was sie nun auch sein mag - sie hat sich ihre Schublade redlich verdient. Auf seinem selbstbetitelten Debütalbum legt der Schnulzensänger aus den Bergen die Karten auf den Tisch. Die Lyrics sind das Herz von „Dagobert“. Kostprobe gefällig? „Es gibt etwas, was ich dir nun sagen muss. Am liebsten täte ich es mit einem dicken Kuss“ („Hochzeit“), „Du bist meine Frau, ich will mit dir leben. Komm, wir machen für immer blau“ („Für immer blau“). Dagobert taumelt zwischen Schmonzette und Poesie. Piano und Keyboard bekommen stets einen besonders großen Stellenwert eingeräumt. In Songs wie „Ich bin verstrahlt“, „Hochzeit“ und „Für immer blau“ schwingt der große, dick aufgetragene 80er-Kitsch von Fancy oder F.R. David mit. Kirmesorgeln, blubbernde, brummende Synthies - an alles wurde scheinbar gedacht, auch an experimentellen Außenseiter-Pop von Künstlern wie Crispin Glover. Das allseits bekannte und beliebte „Ich bin zu jung“ dagegen wird zur Hymne. Dagobert bedient sich am Bombast und der Melodieseligkeit eines Gazebo - samt Chören sowie Konserven-Sitar im Hintergrund - und schreibt den größten Ohrwurm des Albums. „Hast du auch so viel Spaß“ und „Ich mag deine Freunde nicht“ tanzen dagegen zwar nicht aus der Reihe, überraschen aber ohne Zweifel. Sie bewegen sich irgendwo zwischen dem Teutonen-Chanson von Poems For Laila oder Element Of Crime zu Zeiten von „Romantik“ (2001). Auch in ihnen bleibt sich Dagobert größtenteils treu und baut auf Texte, die sich zwischen Fremdscham und Genialität ansiedeln. Alexander Marcus nimmt den Holzhammer, Dagobert das Skalpell.

Das alles macht dieses Debüt zu dem klassischen Lieb-es-oder-hass-es-Produkt. Der Schweizer steht zwischen den Stühlen und hat sichtlich Spaß daran. Ob er seine Musik dabei für sich alleine schreibt, seine zwei potentiellen Hauptzielgruppen beglücken will oder er sich gar vorgenommen hat, der ganzen Welt Liebe und seinen Sinn für Romantik zu schenken, bleibt am Ende völlig unklar. Sein Erstling ist aber ohne Zweifel ein Werk geworden, welches cleverer ist, als man am Anfang vielleicht denkt. Hochglanz-Trash oder hohe Kunst, zum Sterben schön oder völlig banal - das große Geheimnis kennt wohl nur Dagobert alleine. Der Hörer darf und soll sich aber unbedingt seine eigene Meinung bilden. Wie es mit dem Wahl-Berliner nun weiter gehen soll? Nach Auftritten in kleinen Clubs und vor einem doch recht alternativen Publikum, könnten demnächst der Fernsehgarten oder eine große Veranstaltungshalle warten. Das Interessante dabei: Dagobert würde gar nicht auffallen. Ob das seinem momentanen Publikum gefällt, ist eine andere Frage. Am Ende soll aber keiner behaupten, Dagobert hätte uns nicht gewarnt.

Anspieltipps:

  • Ich bin zu jung
  • Hast du auch so viel Spaß
  • In unserem Garten
  • Ich mag deine Freunde nicht
  • Hochzeit

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