Karnivool - Asymmetry - Cover
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Karnivool Asymmetry


  • Label: Cymatic Records/Sony Music
  • Laufzeit: 67 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Vielschichtig, düster, geheimnisvoll, faszinierend - „Asymmetry“ ist ein Werk voller Extreme.

Es ist erstaunlich, welche Entwicklung Karnivool während ihres 16-jährigen Bestehens gemacht haben. Vom Hobby zur Schulband, von der Schulband zur Nu-Metal-Kapelle, dann immer mehr zum Prog und am Ende kommt dabei etwas wie „Asymmetry“ raus. Und beinahe noch erstaunlicher ist es, dass die Herren Kenny (Gesang), Stockman (Bass), Judd (Schlagzeug), Goddard und Hosking (beide Gitarre) in ihrer Heimat Australien so manchen kommerziellen Achtungserfolg und sogar Airplay-Berücksichtigungen feiern konnten. Für eine Band, die wie Karnivool sehr experimentell unterwegs ist, stellt das sicherlich alles andere als einen Standard dar. Schon alleine deshalb, weil die fünf Musiker gar nicht an eine Comfort Zone denken. So manch andere Band würde an dieser Stelle der Karriere auf Nummer sicher gehen. Karnivool jedoch machen alles anders und sie machen es richtig. Auf ihrem dritten Studioalbum erfinden sie sich komplett neu. Der Terminus „progressiv“ verkommt hier nicht zu einer Farce oder einer bloßen Genrebezeichnung. Alles ist möglich, alles worauf man Bock hat wird auch durchgezogen - und das ist verdammt gut so!

Der große Trumpf, den die Australier auf „Asymmetry“ ausspielen: Das Album ist komplex. Sehr komplex sogar. Und dennoch laugt es nicht aus, versucht weder zwanghaft verkopft, noch in irgendeiner Form elitär zu wirken. Tatsächlich stellen Karnivool den Hörgenuss über alles andere. Aus ihnen sprudeln Ideen und Einfälle, die pointiert in die Kompositionen eingebettet werden und stets interessant wirken. Der Titel „Asymmetry“ ist tatsächlich Programm - doch auch wenn das Album von seinen Kontrasten und Gegensätzen lebt, wirkt es überraschend homogen und beweist den ganz eigenen Sound der Band. Der große Name Tool muss dennoch fallen. Frontmann Ian hört sich nicht nur mehr denn je wie der Nu-Artrock-Winzer Maynard James Keenan an, auch die Rhythmik erinnert nicht selten an dessen Band. Songs wie die am Anfang platzierten „A.M. War“, „We Are“ und ganz besonders „Nachash“ sprechen hier eine klare Sprache. Eigenständig klingen Karnivool aber dennoch und vermeiden es, zu kopieren. Zum Thema Rhythmik: Bass und Schlagzeug reißen nicht selten die Dominanz an sich, werden in höchst technische Mathrock-Sphären katapultiert, gehen dann und wann schließlich im Sound der heruntergestimmten Gitarren oder Noise-Passagen („The Refusal“) so unter, dass im Zusammenspiel mit Ian Kennys Organ und der Instrumentalarbeit eine atmosphärische Dynamik entsteht. Hier kann man nur all zu leicht den Überblick verlieren. Karnivool bauen auf Songwriting und schmücken ihre Songs aus - das machen sie mit voller Konzentration. Der Hörer kann zum Beispiel auch bei den verschachtelten „Aeons“ oder „Alpha Omega“ nachvollziehen, was die Band von ihm will und sich voll und ganz auf die Musik der Herren aus Perth einlassen.

Neben experimentellen Passagen offenbart sich dann immer wieder eine Eingängigkeit, die irgendwo zwischen den frühen dredg und Muse anzusiedeln ist. Wenn Karnivool sich in Songs wie „Eidolon“, dem sich langsam aber stetig aufbauschenden „Sky Machine“ oder dem kontemplativen „Float“ in Richtung Aternative- und Artrock bewegen, stehen die El-Cielo-, aber auch die eingängige Catch-Without-Arms-Phase der angesprochenen dredg Pate. Das Interludium „Amusia“, der beinahe mantrische Ausklang von „The Last Few“, das nahtlos an letzteres angehängte Intro von „Float“ sowie das Alben-Schlusslicht „Om“ spielen dagegen sehr stark mit Loops, Samples und elektronischem Knistern. Dies wird vom monotonen Titeltrack schließlich auf die Spitze getrieben, wenn surrende, pulsierende Störgeräusche fast zur Erlösung werden. Die düstere Moderne Elektronika eines Kevin Moore (ex-Dream Theater, O.S.I., an dieser Stelle ganz besonders Chroma Key) trifft auf Wutausbrüche, gigantische Wall-of-Sounds, aber auch auf dessen einzigartige Intimität, welche Karnivool individuell für sich interpretieren und den Kompositionen so eine enorme Vielschichtigkeit geben. Mehr als noch auf dem Vorgängeralbum „Sound Awake“ (2010) wagt man hier eine teilweise drastische Neuerfindung der eigenen musikalischen Identität und klingt trotz aller Einflüsse höchst eigenständig.

Wer sich übrigens für die Deluxe-Edition des Longplayers entscheidet, bekommt noch einen Live-Mitschnitt in Form einer DVD als besonderes Bonbon obendrauf. „Live At The Forum“ bietet 13 Songs, welche den musikalischen Werdegang zu „Asymmetry“ noch zusätzlich nachvollziehbar macht und besonders denjenigen empfohlen sei, die mit der Band noch keine Berührung hatten. Fazit, kurz und knapp: „Asymmetry“ lässt die beiden Vorgänger weit hinter sich und stellt das abwechslungsreichste, spannendste und interessanteste Album Karnivools dar. Prog Heads, die sich auf den faszinierenden Klangkosmos der Australier einlassen, finden in deren drittem Longplayer einen der heißesten Genrebeiträge des Jahres 2013.

Anspieltipps:

  • Nachash
  • We Are
  • The Refusal
  • Asymmetry
  • Amusia
  • Float
  • Alpha Omega
  • Om

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