Dream Theater - Dream Theater - Cover
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Dream Theater Dream Theater


  • Label: Roadrunner/WEA
  • Laufzeit: 68 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Erschreckend uninspiriert und stagnierend erreichen die Legenden des Prog-Metals ihren bisherigen Tiefpunkt.

Seit jeher ist der Release eines neuen Albums von Dream Theater eine große Sache. Und in den Monaten um den Release herum, muss sich jeder andere Prog-Act mit dem neuen Werk von Dream Theater messen lassen. Am Ende des Jahres gibt es dann noch die passende Endauswertung, damit auch die Scheiben ihr Fett weg kriegen, die nicht im Dunstkreis der neuen DT veröffentlicht wurden. Ja, wenn die Vorzeigeband eines gesamten Genres auftritt, sehen alle anderen alt aus. Im Jahre 2013 sind es unter anderem Bands und Acts wie Leprous, Karnivool, Riverside, Steven Wilson, Orphaned Land oder Ayreon, die klein beigeben müssen, wenn der Prog-Liebhaber sein Resümee zieht und das neue Dream Theater so viel besser ist als alle anderen, die streng genommen eh nur Plagiate oder Tributzollende oder bliblablubb sind. Ein Fehler, ein großer Fehler. Die aufgeführte Auswahl dürfte so jeden Progger glücklich machen. Dream Theater Numero 12 tut dies wider aller Erwartungen diesmal keinesfalls und zieht hinter all den genannten Kandidaten mittlerweile klar den Kürzeren.

Wirklich überraschen können die Herren aus New York eh schon lange nicht mehr. Nachdem sie mit ihrem Jahrhundertwerk „Images And Words“ (1991) den Prog Metal beinahe im Alleingang salonfähig machten, folgte so manche großartige Platte („Awake“, „Scenes From A Memory“, „Train Of Thought“, der Grower „A Dramatic Turn Of Events“), auf kurz oder lang ordentliches („Six Degrees Of Inner Turbulence“, „Octavarium“, „Black Clouds And Silver Linings“) und ab und zu dann auch mal ein kleiner Ausrutscher („Falling Into Infinity“, „Systematic Chaos“) - mit ihrem selbstbetitelten Album schießen James LaBrie (Gesang), John Petrucci (Gitarre), John Myung (Bass), Jordan Rudess (Keyboard) und der erstmals in den Songwriting-Prozess eingebundene Mike Mangini (Schlagzeug) dann aber doch noch später als gedacht den Vogel ab. „Systematic Chaos“ war noch bewusst dick aufgetragen und bot einige der prägnantesten Gitarrenarbeiten Petruccis überhaupt. Bei „Falling Into Infinity“ hatten die Jungs Dollarzeichen in den Augen und wurden glücklicherweise auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, als die Fans ihnen zu erkennen gaben, dass sie keinen Pop hören wollten - tolle Prog-Nummern gab es aber trotzdem (z.B. „Lines In The Sand“ oder „Trial Of Tears“). „Dream Theater“ hat dagegen keinen eigenen Charakter und keine wirklichen Kanten, an denen man sich stoßen kann. Das Problem ist die pure Inspirations- und Belanglosigkeit, welche selbst für den recht prägnanten und festgefahrenen Stil der Gruppe erschreckend bieder und langweilig daherkommt.

Dabei haben die Fans doch so gehofft, dass durch Drummer Mangini seine Kollegen frisches Blut bekommen. Tatsächlich scheint er sich aber diesen eher unterzuordnen. „Dream Theater“ sei eine echte Gemeinschaftsarbeit, wenn man den Musikern Glauben schenkt. Einen James LaBrie hört man allerdings genauso wenig heraus wie einen John Myung. Zweites ist besonders schade. Während LaBrie sich solo ordentlich austobt, hätte Myung seinen Freiraum verdient. Bei Songs wie „Breaking All Illusions“ („A Dramatic Turn Of Events“) wissen die Fans, was sie am Bassisten haben. Stattdessen gibt es Standards serviert, die allerhöchstens noch Leute hinter dem Ofen hervorlocken können, die Dream Theater vor kurzem kennen gelernt haben sollten. Der Tiefpunkt ist spätestens mit „Enigma Machine“ erreicht. So sehr alle Anhänger immer nach reinen Instrumentaltracks schreien, so sehr werden ihnen die Schreie im Halse stecken bleiben, wenn sie genauso gut die alten „The Ytsé Jam“ oder „Stream of Consciousness“ hören können und dabei eine weitaus spannendere Performance geboten bekommen. Wirklich übel wird es beim Opener „False Awakening Suit“, welcher den Bombast von „Systematic Chaos“ und „Six Degrees“ in Form eines Intros ohne wirklichen Sinn ausschlachtet. Noch ärgerlicher ist das Schlusslicht „Illumination Theory“, das mehr denn je wie zusammengeschusterte Fragmente diverser Jamsessions wirkt. Wahllose Einbindungen von Orchesterparts und kontemplativ-experimentellen Arrangements machen es nicht gerade besser und so wirkt das Stück wie der kleine Bruder des Octavarium-Titeltracks - nur sehr viel unkreativer und spannungsärmer. Und das ist bei einer Spielzeit von 19 Minuten und 15 Sekunden überaus fatal. Übrigens: Ein Hidden-Track ist direkt dran gehängt worden. Vielleicht damit „Illumination Theory“ noch länger wirkt? Das hatten Dream Theater bislang wirklich nicht nötig.

Lichtblicke gibt es dennoch. „The Looking Glass“ macht nicht nur herrlich einen auf Rush, sondern schlägt nach ewig langer Zeit wieder eine Brücke zum Debüt „When Dream And Day Unite“. Der hardrockige Ohrwurm erinnert an selige „A Fortune In Lies“- und „Only A Matter Of Time“-Zeiten und gehört sicherlich zu den besseren DT-Singles. „Behind The Veil“ weiß mit einem grandiosen psychedelischen Intro zu begeistern und mausert sich zum astreinen Bombast-Progger, welcher der Longtrack auf „Dream Theater“ gerne geworden wäre. Ebenso verhält es sich mit dem direkt folgenden „Surrender To Reason“. „Along For The Ride“ ist schließlich die obligatorische, süßliche Ballade - besser als so manche in der jüngeren Vergangenheit, aber bei weitem kein Höhepunkt. „The Bigger Picture“ und „The Enemy Inside“ sind für die Band-Verhältnisse schließlich nichts weiter als 08/15. Nicht mehr und nicht weniger. Die neue Dream Theater: keine große Inszenierung, vielmehr ein langweiliger Spaziergang in einem Tierpark. Und in dessen Gehege hüpft die Känguroutine.

So wird das zwölfte Studiowerk der New Yorker zum Tiefpunkt in der Diskographie und verärgert mit Orientierungslosigkeit, die man von der Band so noch nicht gehört hat. Grottig oder wirklich unterirdisch ist „Dream Theater“ keinesfalls. Und dass die Herren allesamt ihre Instrumente beherrschen, James LaBrie allen Unkenrufen zum Trotz ein auf technischer Ebene großartiger Sänger und Mike Mangini ein würdiger Ersatz für seinen Namensvetter Portnoy ist, muss auch nicht extra erwähnt werden. Dennoch sind die US-Amerikaner weit davon entfernt, ihre bisher grundsätzlich gebotene Mindestqualität zu erreichen. Dafür bieten Dream Theater mehr denn je Standards und verpassen es bis auf rare Ausnahmen, das gewisse Etwas zu bieten. Progression war im Sinne der fünf Herren noch nie so große Stagnation wie auf diesem Album. Schon interessant, dass LaBries Soloalbum „Impermanent Resonance“ im direkten Vergleich innovativer ausgefallen ist als das seiner Hauptband - das war in der Vergangenheit bisher eigentlich nie der Fall. Das Blatt hat sich anscheinend gewendet. Bleibt zu hoffen, dass sich die Prog-Legende wieder fängt und ihren selbstbetitelten Ausrutscher wett macht.

Anspieltipps:

  • The Looking Glass
  • Behind The Veil
  • Surrender To Reason

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