Thees Uhlmann - #2 - Cover
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Thees Uhlmann #2


  • Label: Grand Hotel Van Cleef
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit Erfahrung und Reife macht der Tomte-Frontmann einen gewaltigen Satz nach vorne.

„Du darfst einen Song über die Liebe und einen über die Abwesenheit von Liebe singen. Beim Rest muss was anderes her.“, sagte Tobias Kuhn, welcher zusammen mit Tomte-Sänger Thees Uhlmann sein zweites Soloalbum produziert hat. Nun war der gute Thees nie ein typischer Schnulzensänger, doch wirkt Kuhns Vorschrift im Nachhinein doch wie ein gezieltes Ausreizen von Uhlmanns Qualitäten. Nachkriegsszenarien in der norddeutschen Provinz, das Leben eines SPD-Genossen, eine Liebeserklärung an Falcos Wien („Mein letzter Wille: Idylle“), nächtliche Zwiegespräche mit Alkohol und Koffein - so banal sich das alles liest: einen lyrisch besseren und vor allem reiferen Uhlmann gab es nie. Auch nicht zu Tomte-Zeiten. Trotz aller Skepsis im Vorfeld dürfen sich die Anhänger des Musikers auf ein mehr als gelungenes Zweitwerk freuen. Thees bleibt Thees; er bleibt sich solange treu, bis er gewaltige und unerwartete Ausrufezeichen setzt.

Wie auch schon das selbstbetitelte Vorgängeralbum „Thees Uhlmann“ darf „#2“ gut und gerne als eine zweischneidig geschmiedete Klinge gesehen werden. Große Momente und Kandidaten für die Skiptaste standen damals dicht beieinander. „#2“ ist in dieser Hinsicht noch ein wenig extremer. Immerhin findet sich mit dem recht weit vorne stehenden „Die Bomben meiner Stadt“ ein regelrechter Totalausfall. „Uninspiriert und enttäuschend“ oder „das Schwächste, was die Uhlmann-/Tomte-Familie jemals heraus gebracht hat“, schrieben die Fans, als der Song als erste Auskopplung präsentiert wurde. Letztendlich bleibt „Die Bomben meiner Stadt“ Geschmackssache. Dennoch ist es kaum von der Hand zu weisen, dass die Komposition meilenweit hinter dem restlichen Material auf „#2“ zurück bleibt. Und glücklicherweise soll er der einzige Schwachpunkt auf Uhlmanns zweiter Platte bleiben. Als krasse Gegenteile hat er es tatsächlich geschafft, Songs einzuspielen, die sich selbst hinter den größten Momenten seiner Hauptband nicht zu verstecken brauchen und sicherlich zum stärksten gezählt werden dürfen, was Uhlmann jemals geschrieben hat. Mit einem Augenzwinkern nannte die Presse ihn damals den Bruce Springsteen von Niedersachsen. Diesmal macht er dieser Bezeichnung alle Ehre. In „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)“ bringt er die Missstimmung der „Streets Of Philadelphia“ nach Wien - erdrückende Synthies und schwere Melancholie inklusive. Die mit fast sechs Minuten längste Komposition auf „#2“ hat die Intensität von Songs wie „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören“ („Heureka“, 2008) oder „Du bist den ganzen Weg gerannt“ („Hinter all diesen Fenstern“, 2009), besitzt eine enorme emotionale Tragweite und übertrifft nicht nur alle anderen Kompositionen auf „#2“, sondern auch die des Vorgängers mit absoluter Souveränität. Ohne Frage Uhlmanns Meisterwerk, das von Reife und Entwicklung zeugt und in dieser Form früher wahrscheinlich nicht so möglich gewesen wäre.

Das Schlusslicht „Ich gebe auf mein Licht“ ist der zweite große Höhepunkt und verbindet den kauzigen Optimismus Uhlmanns mit angenehmer Melancholie. Während sein Debütalbum noch recht für sich alleine stand und sich Thees Uhlmann mehr als deutlich von Tomte emanzipieren wollte, sind es diesmal „Ich gebe auf mein Licht“, der Opener und Ohrwurm „Zugvögel“ oder „Trommlermann“, welche sein zweites Soloalbum zu einer vollwertigen Alternative zu der Hauptband des Wahl-Hamburgers werden lassen und ausgehungerten Fans mehr als gefallen sollten. Im sich immer mehr aufbauenden und schließlich mit Mundharmonika bombastisch zündenden „Weiße Knöchel“ zeigt sich der Sänger wie schon bei dem Song „Das Mädchen von Kasse 2“ als Freund und Versteher des kleinen Mannes - ein richtiger Feel-Good-Rocker, der den grauen Alltag des besungenen SPD-Wahlkampfhelfers dennoch ernst nimmt. Ganz in die Kerbe des Erstlings schlagen dann „Es brennt“, „Der Fluss und das Meer“ sowie die mit Indie-Folk-Chören ausgestattete Single „Am 07. März“.

Bis auf das grandios-wuchtige „Es brennt“ geht Uhlmann hier auf Nummer sicher und bietet gewohnt solide Kost. Kontraste gibt es abermals mit dem grimmigen „Im Sommer nach dem Krieg“ und dem unaufgeregten „Kaffee & Wein“. Fans schätzen ihn gerade für so was und sollen nicht enttäuscht werden. Letztendlich toppt „#2“ den Vorgänger um Längen. Thees Uhlmann schafft es gleichermaßen, die Trademarks für die man ihn liebt zu zeigen, als auch genug Mut zu beweisen, Sachen komplett neu und frisch zu machen. Tomte-Fans warten wahrscheinlich weiterhin auf ein Lebenszeichen der Hamburger und werden sich wohl auch künftig schwer tun, sich „nur“ mit deren Sänger zu begnügen. Das ist durchaus verständlich, doch mittlerweile weitaus unbegründeter als noch zu Zeiten seines Solo-Debüts. Denn zu Uhlmanns Mut gehört auch der Blick zurück: Er verleugnet nicht seine Herkunft, er bleibt ehrlich, ungekünstelt, doch er schaut auch nach vorne und macht es einfach auf seine Weise. So wie immer und doch irgendwie ganz anders.

Anspieltipps:

  • Zugvögel
  • Es brennt
  • Weiße Knöchel
  • Trommlermann
  • Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)
  • Ich gebe auf mein Licht

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