Soundtrack - The Bling Ring - Cover
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Soundtrack The Bling Ring


  • Label: Def Jam/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 80 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Gelangweilte Teenager, Sofia Coppola und ein exquisiter Ritt durch HipHop, Electro House und Krautrock.

Langeweile als zentrales Thema für seine Regiearbeit auszusuchen, grenzt in der vernetzten und schnelllebigen Welt von Twitter, Facebook & Co. eigentlich an ein Todesurteil. Francis Ford Coppolas Tochter Sofia hatte damit aber noch nie ein Problem und so entstanden mit nüchternen Streifen wie „Lost In Translation“, „Marie Antoinette“ und „Somewhere“ rauschhaft-tranceartige Abhandlungen über Menschen, die entweder am falschen Ort, zur falschen Zeit oder einfach im falschen Körper versuchten, ihr Dasein zu fristen. Unterstützt wurde die 42-Jährige dabei nicht ausschließlich von mehr oder weniger bekannten Schauspielern (Bill Murray, Kirsten Dunst, Scarlett Johansson, Elle Fanning), sondern ebenso von einem sorgsam gewählten Soundtrack, der jedem ihrer Filme eine ganz eigene Note mit auf den Weg gab.

In „Lost in Translation“ gaben z.B. vornehmlich Psychedelic-, Folk- und Alternative-Rock-Tracks einen melancholischen Ton an (My Bloody Valentine, The Jesus And Mary Chain, Death In Vegas), während in „Marie Antoinette“ aufmüpfige New Wave- und Post Punk-Bands an der Tagesordnung standen (New Order, Gang Of Four, Adam And The Ants, The Cure), und in „Somewhere“ wiederum dem Pop/Rock vergangener Jahrzehnte gefrönt wurde (Foo Fighters, The Police, Gwen Stefani, Bryan Ferry). Mit ihrem neuesten Werk, der Verfilmung des Vanity Fair-Artikels „The Suspects Wore Louboutins“, der von Teenagern handelt, die aus Langeweile in die Villen von Hollywoodstars wie Paris Hilton, Orlando Bloom, Megan Fox oder Lindsay Lohan einbrechen und Schmuck, Kleidung und Geld im Gesamtwert von drei Millionen Dollar entwendeten, nähert sich Coppola nicht historischen Persönlichkeiten oder verzweifelten, im Ausland befindlichen Charakteren, sondern entwirft ein scharfes Portrait der heutigen Facebook-Gesellschaft.

Die musikalische Grundlage dafür bildet dieses Mal jedoch kein rührseliger Soft-Rock oder melancholischer Gothic Pop, stattdessen bricht mit „Crown On The Ground“ der Sleigh Bells ein faszinierendes Exemplar ohrenbetäubenden, wie atemberaubenden Noise Pops durch die Lautsprecher und bringt die verzerrte Realität der zwei Hauptcharaktere Marc Hall (Israel Broussard) und Rebecca Ahn (Katie Chang), sowie deren an den Raubüberfällen ebenfalls beteiligten Freunde Nicki (Emma Watson), Sam (Taissa Farmiga) und Chloe (Claire Julien), direkt und mit voller Wucht auf den Punkt. Gefolgt wird diese süchtig machende Krawallorgie vornehmlich von einer erlesen Auswahl an HipHop- und Electro-House-Tracks, allerdings verbergen sich zwischen der thematisch recht oberflächlichen Mischung aus Bling Bling („Money machine“, „Gucci bag“), Pseudo-Gangstertum („9 Piece“, „Bad girls“) und Party („Sunshine“, „212“, „Drop it low“, „FML“) auch etliche Perlen, die ihre musikalischen Mittel dazu nutzen, um die Story von „The Bling Ring“ auf subtile Art und Weise jenen näher zu bringen, die keine Ahnung von Nancy Jo Sales Vorlage haben.

So erweist sich das mit zwei Grammys ausgezeichnete „All of the lights“ trotz seiner Tanzbarkeit aufgrund des düsteren Fundaments als Zeichen des drohenden Untergangs bzw. der Verhaftung durch die Polizei, „Ouroboros“ hypnotische Keyboardsamples und Klaus Schulzes mantraartige Ambientschleifen in „Freeze“ entführen in einen luziden Drogenrausch und wenn die Krautrock-Legenden CAN mit „Halleluwah“ in kauzige Gefilde aufbrechen und anschließend „21st century schizoid man“ von King Crimson mit Kanye West am Steuer die Grenze zwischen Realität und Wirklichkeit verschwimmen lässt, ist man spätestens ab diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Als Tüpfelchen auf dem I folgen danach zwei Kompositionen, die der ganzen Dramatik noch eine ordentliche Portion Epik beimengen. Das wäre zum einen der um Alphavilles Klassiker „Forever young“ tänzelnde Synthie-Exkurs „The bling ring suite“ und zum anderen das ebenfalls sieben Minuten lange „Bankrupt!“ von Phoenix, das in Perfektion noch einmal alle Stationen der Story als musikalisch ansprechendes Potpourri mit Anleihen aus Postrock und Electro abhandelt.

Der Epilog fällt mit Frank Oceans R&B-Prachtexemplar „Super rich kids“ oberflächlich betrachtet zwar versöhnlicher aus, als man nach der letzten Viertelstunde vermutlich gedacht hätte, allerdings weisen der harte, unerbittlich zulangende Bass und der gemächliche Duktus des Tracks darauf hin, dass die Zeit im Gefängnis nicht viel mit der Party zu tun hat, die auf der ersten Hälfte des Soundtracks stattgefunden hat, sondern eher einem Kater ähnelt, der nach zu viel Alkohol- und Drogenkonsum für einen brummenden Schädel sorgt. Sofia Coppola hat es jedenfalls geschafft diese unangenehme Nebenwirkung im Film und auf dem Soundtrack auf sehr unterhaltsame, sowie künstlerisch wertvolle Art und Weise darzustellen und für den Zuschauer bzw. Hörer als ansprechendes Erlebnis in 90 bzw. 80 Minuten zugänglich zu machen.

Anspieltipps:

  • CAN - Halleluwah
  • Phoenix - Bankrupt!
  • Azealia Banks feat. Lazy Jay - 212
  • Sleigh Bells - Crown On The Ground
  • Kanye West feat. Rihanna - All Of The Lights
  • Frank Ocean feat. Earl Sweatshirt - Super Rich Kids

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