Casper - Hinterland - Cover
Große Ansicht

Casper Hinterland


  • Label: Four Music/Sony Music
  • Laufzeit: 46 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Spätestens jetzt ist dieser Bursche ein echtes Original.

Vom Underdog zum Sprachrohr einer Generation, vom Untergrund ins Scheinwerferlicht: kaum ein deutscher Musiker hatte in den letzten Jahren eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Casper zu bieten. „XOXO“ (2011) wurde völlig zurecht ein Hit. Benjamin Griffey definierte den HipHop nicht neu, sondern interpretierte ihn eigenständig. Und jetzt hat er den Salat und muss den riesigen Erwartungshaltungen gerecht werden. Nicht wenige fragten sich, ob er nach „XOXO“ überhaupt noch was zu sagen hatte. Was das Thema Rap angeht, wahrscheinlich nicht. Die Medien lobten Casper als „Messias des HipHop“ - schon alleine, weil „XOXO“ überhaupt kein reinrassiger HipHop war und die Feuilletonisten mit ihren Hornbrillen und Cordhöschen vom definitiv gebotenen lyrischen und musikalischen Niveau Caspers begeistert waren (und sie das Genre auf Massiv und Bushido reduzierten). Abgesehen vom Erlöser-Vergleich (braucht der HipHop denn überhaupt einen?), möchte man ihnen doch irgendwie Recht geben. „XOXO“ hatte Klasse, war neu, frisch, unverbraucht und im Vergleich zu den Outputs von Genre-Kollegen dann auch völlig unpeinlich. Ein Zitat Caspers aus dem Jahre 2011: „Wie-Vergleiche sind verboten.“ Diese eine Kleinigkeit sagt alleine so viel aus und daran hält sich der junge Mann weiterhin. In welche Richtung geht sein Album „Hinterland“ denn nun und kann es die Erwartungen erfüllen?

Die absolute Wahrheit: „Hinterland“ ist kein Rap. Wieder ist die Band am Start, Casper singt (!) stellenweise, das No-Go, die Lyrics im Booklet abzudrucken, wird konsequent ignoriert. Fans, die dennoch Rap erwarten, bekommen mit dem weit hinten liegenden „Jambalaya“ zumindest ein quasi geupdatetes „Casper Bumayé“. Der Text ist eine pure Selbstreflexion des Musikers: „Indiebasierte Beats, gespielte Melancholie. Tagebuchpoesie, billig klingende Melodien“. Und: „Doch nun ist es endlich mal Zeit für das Original.“ Tatsächlich ist „Jambalaya“ der Track, welcher sich am ehesten von dem Original-Casper auf „Hinterland“ entfernt und musikalisch eher den Casper von „Hin zur Sonne“ (2008) zeigt. Und der ist er definitiv nicht mehr. Alles rumst, alles ist super cool, der weibliche Backgroundgesang wirkt dann aber eher peinlich und irritierend als mitreißend - ein Platzhirsch zwischen Fanservice mit Alibi-Funktion und Belanglosigkeit. Denn Griffeys Benjamin macht es über kurz und lang anders. Und er macht es ohne Frage gut. Den Impact von „XOXO“ erreicht der vierte Longplayer nicht, aber das Album ist ein ohne Frage interessantes Stück Musik, welches gar nicht HipHop sein will. Das beweist direkt die Singleauskopplung „Im Ascheregen“. Ein bombastischer, klimatischer Aufbau, Fanfaren und der dezente Indie-Folk-Einschlag machen den Opener zum absoluten (und frühen) Highlight des Albums. Tatsächlich erstrahlt „Im Ascheregen“ als gigantischer Obelisk im „Hinterland“ des Interpreten und überschattet die restlichen Kompositionen mit Leichtigkeit. Casper hat hier eine Blaupause für exzellente, mitreißende Popmusik geschrieben - ganz, ganz groß!

Ansonsten flirtet Cas heftiger mit Einflüssen deutscher Indie-Rockmusik als erwartet. Der Titeltrack, das zurückhaltende „20qm“ und „...nach der Demo ging's bergab!“ schlagen voll und ganz in die Tomte-/Thees Uhlmann-, Kettcar- und stellenweise auch Tocotronic-Kerbe und sind die logischen Konsequenzen von „XOXO“-Tracks wie „Die letzte Gang der Stadt“ oder „Lilablau“. Wer „Hinterland“ und/oder Casper mag und die genannten Bands nicht kennt, sollte sich diese unbedingt mal zu Gemüte führen und verblüffende Neuentdeckungen machen! Noch interessanter und überraschender sind „La Rue Morgue“ und das Schlusslicht „Endlich angekommen“. Casper nähert sich tatsächlich dem Teutonen-Chanson à la Element Of Crime oder Poems For Laila an. Besonders im exzellenten „La Rue Morgue“ wirkt er durch den „besoffenen“ und verzerrten Gesang wie ein jüngerer Sven Regener (Element Of Crime) - Trompeten sowie Eckkneipen-Schwermut sind inklusive und lassen das ungewöhnliche Experiment hervorragend funktionieren.

Bei den im Vorfeld großspurig angekündigten Features handelt es sich übrigens um Tom Smith und Kraftklub. Während zweitere das eigentlich nette „Ganz schön okay“ leider erheblich abwerten und keine wirklichen Impulse bieten können, entpuppt sich Tom Smith in „Lux Lisbon“ als eine vorzügliche Wahl. Der Editors-Frontmann bleibt zwar größtenteils im Hintergrund, reißt mit einer Performance, die an den großen Jeff Buckley erinnert, dann schlagartig die Dominanz an sich und lässt selbst den eigentlichen Protagonisten ganz alt aussehen.

Das passt, das funktioniert, das lässt den Wahl-Berliner selbstbewusst seinen eigenen Weg gehen. So präsentiert sich der neue Casper: weniger HipHop, mehr Pop, mehr Rock, mehr Indie, ein wenig Sprechgesang, ein bisschen „echter“ Gesang, große Melodien, große Background-Chöre, alles ist „larger than life“. Und dann die große Frage: Ist Ben Griffey nun ein satt gefressenes Kommerz-Opfer, das seinen Shit für Hipster-Mädels produziert? Die Antwort lautet schlicht und ergreifend nein! Er biedert sich nicht an und macht es einfach anders. Und eben nicht in der Rap-Ecke. Dieses Werk ist hervorragender Pop, ohne Frage intelligent, poetisch, ehrlich und mit viel Herz. HipHopper bleiben in Caspers „Hinterland“ dann letztendlich Touristen - aber das Gros dieser Zielgruppe hat den Musiker eh schon längst abgeschrieben. „Hinterland“ ist auf seine eigene Art und Weise grandios, auch wenn das große „XOXO“-Ausrufezeichen ausbleibt. Dafür setzt Casper einen Punkt.

Anspieltipps:

  • Im Ascheregen
  • Lux Lisbon
  • La Rue Morgue
  • Endlich angekommen

Neue Kritiken im Genre „HipHop/Rap“
7/10

Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben
  • 2018    
Diskutiere über „Casper“
comments powered by Disqus