Kings Of Leon - Mechanical Bull - Cover
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Kings Of Leon Mechanical Bull


  • Label: RCA/Sony Music
  • Laufzeit: 43 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Söhne des Wanderpredigers fallen vom Glauben ab und setzen zum Tapetenwechsel an.

Die Fans bangten nachdem Caleb Followill, Frontmann der Kings Of Leon, Ende Juli 2011 während einer Show in Texas einfach die Bühne verließ. Das abgebrochene Konzert war der Startschuss für Ereignisse, die für einige Beobachter nach Abschied aussahen. Drei Jahre nach „Come Around Sundown“ scheint jedoch alles wieder beim Alten. In unveränderter Formation hat der Followill-Clan ein neues Album herausgebracht, dessen Titel – ganz wichtig – abermals aus fünf Silben besteht und wie seit Album Nummer eins von Angelo Petraglia produziert wird. Und trotzdem war es Zeit wieder einen Schritt nach vorne zu machen.

Nach dem wilden Southern Rock und Blues Beginn in „Youth & Young Manhood“ und „Aha Shake Heartbreak“ trumpften die Kings Of Leon mit ihrem bis heute vielseitigsten Album „Because Of The Times“ mit Klängen auf, die man so noch nicht von ihnen gewohnt war. Dieser Stilwechsel wurde auf den letzten beiden Alben in Richtung Hitpotenzial vorangetrieben, sodass Tracks wie „Sex On Fire“ und „Pyro“ die öffentliche Wahrnehmung der Band stärkten. Trotz dieser Entwicklung konnte man auch auf den neueren Alben „Because Of The Times“ als Anker des Sounds ausmachen. Auf „Mechanical Bull“ versuchen die Kings immer wieder neue Wege einzuschlagen, die allerdings nur halb so konsequent klingen, wie noch zu Zeiten des besagten „Because Of The Times“.

Dabei haben die Vorab-Singles „Supersoaker“ und „Wait For Me“ auf einen Weg zurück zu den Stärken aller Alben hingewiesen. Ohne ein Meisterwerk zu sein, hat „Supersoaker“ auf Anhieb die Anforderung an spaßigen, kurzweiligen Rock erfüllt. Und „Wait For Me“ ist ganz oben im Olymp der gelungenen Kings-Of-Leon-Hymnen. In beiden Liedern steckt das Gefühl, dass die Band etwas auszudrücken versucht. Diese Gabe der Glaubwürdigkeit und des ungezwungenen Spaßes hat die Band ausgemacht.

Auf „Mechanical Bull“ hingegen wird krampfhaft versucht durch Schreie und Ausrufe zu Beginn eines Tracks für Lockerheit zu sorgen. „Don't Matter“ will ein stampfender Rocker sein, der letztlich jedoch völlig ziellos vor sich hin läuft. Und anstatt angekündigter Parallelen zu Queens Of The Stone Age klingt es ein ums andere Mal so, als hätte man im Stil der Killers den Rock für Stadion-Pop weichgespült („Coming Back Again“ und „Temple“). „Temple“ schafft es allerdings tatsächlich noch einen gewissen Hit-Faktor zu erzeugen, der das neue Pop-Rock-Gewand verständlich macht.

Dann wären da noch die ganz offensichtlich auf Spaß getrimmten Blues-Nummern „Rock City“ und „Family Tree“, die beide aktiv keine großartigen Lieder sein wollen. Sie geben sich mit einer recht einfachen Melodie zufrieden und bauen diese nicht weiter aus. Das funktioniert dank Calebs Gesang, der es auf den Punkt trifft, vergibt aber auch viel mögliches Potenzial. Die Chöre in „Family Tree“ fühlen sich ebenfalls wie ein Element an, das man eben genau so in Tracks einfügt und nicht wie ein echter Gewinn wie noch in „Radioactive“. „Family Tree“ und „Rock City“ werden bei jedem Hördurchgang Freude versprühen, aber mitreißen können sie nur selten.

Durch „Wait For Me“ bleibt die Hoffnung, dass die Hymnen an alte Stärke anknüpfen können, doch auch dieses Schwert bleibt gespalten. Leider verzichten abermals recht hübsche Lieder wie „On The Chin“ und „Comeback Story“ hartnäckig auf Höhen und Tiefen, um den Tracks das gewisse Etwas zu verleihen. Anstatt dessen kommt ein routiniert, aber nicht wirklich gefühlvoll klingender Einsatz von Streichern in „Comeback Story“ vor. Erneut bekommt man das Gefühl, dass hier einige Lieder nur so klingen, wie sie klingen, weil man das der Regel nach so macht und nicht weil die Band eine Vision hatte.

Nicht, dass man der Band verbieten möchte neue Wege einzuschlagen, doch wenn die typisch klingenden Lieder ganz klar auftrumpfen, muss man zumindest weiter an der Entwicklung fallen. „Tonight“ bündelt den Sound einiger alter Lieder ziemlich plakativ und ist genau die Stadion-Hymne, die „Notion“ auf „Only By The Night“ sein wollte. Hier schmelzen Herzen wieder und auch das etwas zu lang geratene „Beautiful War“ kann sich durch ehrlich klingende Gefühle übers Ohr in besagte Hörerherzen schleichen.

Die Bonus Tracks der Deluxe Version verändern den Eindruck des Albums nicht wirklich und allein „Work On Me“ hat das Potenzial die Scheibe tatsächlich besser zu machen. Nach Ablauf der Dreiviertelstunde bleibt man als Hörer jedoch ziemlich ratlos zurück, was die Band uns mit dieser Platte geben wollte. Wollten sie mehr Pop-Rock, dann müssen die Melodien durchgehend wie bei „Temple“ sitzen und bei allem Witz in Text und Grundmelodie von Tracks wie „Family Tree“ und „Rock City“ müssen diese Lieder mehr als nur so simple Gerüste aufbieten, um auf eigenen Beinen stehen zu können.

„Mechanical Bull“ hat letztlich nur einen Gewinner. Dieser heißt Caleb Followill und erweitert seinen markigen Gesang gekonnt auf neue Stilrichtungen. Der Verlierer dabei ist allerdings die Band, die nur noch selten eine eigene Identität in die meist sehr braven Arrangements gesteckt bekommt. Weder liefert das Album einen wirklich neuen Sound, noch etabliert es eine einheitliche Grundstimmung. Wenn man eine positive Nachricht als Kings-Fan mitnehmen möchte, ist es die Erkenntnis, dass die Band inzwischen zu gut ist, um schlechte Lieder zu schreiben. Dafür schleicht sich allerdings auch ein Wort ein, welches man sonst nur selten mit den Followills in Verbindung gebracht hat: Mittelmaß.

Anspieltipps:

  • Wait For Me
  • Rock City
  • Temple

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