Lingua Mortis Orchestra - LMO - Cover
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Lingua Mortis Orchestra LMO


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 66 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Frage: Wie funktioniert dick aufgetragener Symphonic Metal ohne Kitsch? Antwort: Lingua Mortis Orchestra!

Wenn eine Metal Band mit einem Syphonieorchester anbandelt, ist das heutzutage auch nichts besonderes mehr. Die Größen, welche derartigen Experimente machten oder direkt auf das Genre des Symphonic Metals setzten, lassen sich mittlerweile nicht mehr zählen. Fast immer geht es um das gute, alte „höher, schneller, weiter“. Das dachten sich wahrscheinlich auch die Rage-Boys Peavy Wagner (Gesang, Bass), Victor Smolski (Gitarre, Haupsongwriting) und André Hilgers (Schlagzeug). Zusammen mit gleich zwei (!) Orchestern wird das Lingua Mortis Orchestra aus der Taufe gehoben und seiner eigenen Band ein bombastischer, pompöser Kontrast gesetzt. Summa summarum: Bei diesem Projekt handelt es sich streng genommen um Rage mit Orchester? Denkste! Tatsächlich entrümpeln Smolski, Peavy und Hilgers den verstaubten Dachboden des Genres und vermögen es im Gegensatz zu manch anderer Band, endlich wieder Akzente zu setzen. Das macht den Erstling „LMO“ zu einem echten Ereignis!

Zuerst einmal der Wermutstropfen, auch wenn es sich hierbei kaum um eine große Überraschung handelt. Relativ konservativ wird ein für das Genre beliebtes Konzept verfolgt. Lingua Mortis Orchestra legen die Karten auf den Tisch: Fast scheint es so, als gehöre der Hexenhammer seit jeher zur Pflichtliteratur eines jeden Power- oder Symphonic-Metalers. Deshalb wird fröhlich durch das Geschichtsbuch geblättert, bis sich die Gelnhausener Hexenverbrennung von 1599 als gefundenes Fressen entpuppt. Die Regelpoetik in den Lyrics fehlt dabei genauso wenig wie der (hauptsächlich weibliche) Chorgesang vom 1. FC Elfenwald - selbstverständlich nicht auf elfisch, sondern (natürlich) auf Latein. Das ist bieder, weniger spannend und lockt irgendwie auch keinen Hörer, der ein bisschen durchs Genre gekommen ist, hinterm Ofen hervor. Musikalisch sieht das alles aber wieder ganz anders aus. Während Tobias Sammet in Spandexhosen das Mysterium der Zeit sucht und dabei unendlich langweilt, darf sich „LMO“ tatsächlich Symphonic Metal schimpfen. Zwar kann man nicht mit namhaften Gastsängern trumpfen und hat „nur“ ex-Metallium-Mitglied Henning Basse, den mit der beliebten fiesen Stimme gesegneten Peavy sowie die zwei Sängerinnen Jeannette Marchewka und Dana Harnge auf der Haben-Seite, doch alle machen ihren Job super, verleihen den Kompositionen genug Facetten und sind spannender als der letzte Avantasia-Cast zusammen.

Ebenfalls spannend ist die Vorgehensweise des Lingua Mortis Orchestra. Keinesfalls wird die schlichtweg geniale Fusion von Klassik und Metal nachgeahmt, die eine Band wie Therion als Benchmark festgelegt haben. Auf „LMO“ geht man einen anderen, einen eigenen Weg. Der Hörer spürt regelrecht, wie durchdacht und mit wie viel Liebe zum Detail das Album produziert wurde. Es handelt sich nicht um eine einfache Vermischung von einem harten Einsatz der metaltypischen Instrumente und des Orchesters, sondern um eine absolute Harmonie, welche angestrebt wurde. Dadurch wirkt das Ergebnis sehr viel organischer und inspirierter als bei Bands wie beispielsweise Rhapsody Of Fire. Zwar sind alle Kompositionen auf „LMO“ ziemlich klotzend und dick aufgetragen, sie versinken jedoch nur sehr, sehr selten im Kitsch. Stattdessen pachtet man den harten Power Metal von Rage, der im Zusammenspiel mit symphonischen und nicht selten auch progressiven Elementen, angenehm zackig und unpeinlich daherkommt. Der überlange Opener „Cleansed By Fire“, die atmosphärisch dichten, intensiven „Witches' Judge“ und „Eye For An Eye“ sowie das balladeske Grande Finale „Afterglow“ geizen nicht mit Dramatik, Euphorie, Ohrwurm-Melodien und einer metallischen Härte, die man im Genre des Symphonic Metals eigentlich mit der Lupe suchen muss.

Deshalb entpuppt sich „LMO“ endlich mal wieder als eine Rock-Oper, die interessant und durchdacht ist und die mitreißt. Anstatt einfach nur mit großen Namen zu locken oder sich künstlich als Über-Projekt zu pushen, zeigt das Lingua Mortis Orchestra Herz und Verstand. Selten wurden Metal und Orchester so gut verbunden wie hier. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Am besten funktioniert „LMO“ als Gesamtwerk, am Stück und mit Ruhe. Dafür belohnen die Rage-Jungs und ihre Gastmusiker mit einem intensiven Werk, welches den Hörer am Ende belohnt. Anstatt den x-ten uninspirierten Opera-Abklatsch zu feiern, sollte jeder Freund von gutem Symphonic Metal das Lingua Mortis Orchestra berücksichtigen. Ein definitiv starkes Werk und eine extrem frische Brise im stickigen Genre!

Anspieltipps:

  • Cleansed By Fire
  • Lament
  • Witches' Judge
  • Eye For An Eye
  • Afterglow

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