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Nirvana In Utero (20th Anniversary Edition)


  • Label: Geffen/UNIVERSAL
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Es ist zwar erst Mitte September, aber für Nirvana-Fans in Anbetracht dieser Box bereits Weihnachten!

Als die Band Nirvana im September 1993 mit „In Utero” ihr drittes Album auf den Markt brachte, trug sie die schwere Bürde von mehr als 30 Millionen verkauften Einheiten des Vorgängers „Nevermind“ (09/1991) auf ihren Schultern. Dieser Longplayer machte aus einer kleinen Grunge-Band aus Seattle Weltstars, die plötzlich mit dem Druck leben mussten, ihre Fans (und das Plattenlabel) mit einem weiteren Kracher-Album zu befriedigen. Wie die Geschichte ausgegangen ist, dürfte jedem Rockfan bekannt sein.

„In Utero“ verkaufte sich nur noch halb so gut wie „Nevermind“ und landete bei aktuell 15 Millionen Einheiten. Mit dem Tod Kurt Cobains, sieben Monate nach der Veröffentlichung von „In Utero“ im April 1994, schien das Kapitel Nirvana für immer beendet. Doch diese Band, die mit nur drei Alben ein komplettes Genre begründete, lebt in den Köpfen der Rockfans bis heute weiter. Und deshalb wird wie schon das 20-jährige Jubiläum von „Nevermind“ auch „In Utero“ mit einer Multi-Format-Veröffentlichung abgefeiert, an dessen Spitze wiederum eine wundervoll aufgemachte Super Deluxe Edition steht.

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Die mindestens 1½ Kilo schwere Box im LP-Format bietet auf drei CDs und einer DVD neben dem Originalwerk insgesamt 70 digital aufgefrischte, rare, unveröffentlichte und live mitgeschnittene Tracks, die sich zu einer wahren Fundgrube aus ungehörten Demos, B-Seiten, Compilation-Tracks und Live-Material zusammensetzen. Als Krönung liegt der Box die vollständige „Live & Loud“-Show vom 13. Dezember 1993 im Pier 48 in Seattle auf CD und DVD bei, die von der finalen Besetzung Nirvanas mit Kurt Cobain, Krist Novoselic, Dave Grohl und Pat Smear dargeboten wurde. Es ist zwar erst Mitte September, aber für Nirvana-Fans in Anbetracht dieser Box bereits Weihnachten!

Die ursprüngliche Besprechung: Im Februar 1993 hatte sich im Pachyderm Studio in Cannon Falls, südöstlich von Minneapolis, eine Band mit dem eigenartigen Namen The Simon Ritchie Bluegrass Ensemble angemeldet, um mit Star-Producer Steve Albini (Pixies, Breeders, Bush, Helmet) zu arbeiten. Doch hinter diesem komischen Namen steckte keine unbekannte Hillbilly Combo. Es waren Nirvana, die in aller Abgeschiedenheit und unter größter Geheimhaltung den Nachfolger zum Megaseller „Nevermind“ aufnehmen wollten. So liest sich in etwas eingedampfter Form der Anfang der Geschichte um das letzte Nirvana-Studioalbum „In Utero“, aufgezeichnet von Keith Cameron vom amerikanischen Rolling Stone Magazin.

Nach dem überraschenden Erfolg mit ihrem zweiten Album „Nevermind“ (1991) war das Trio Kurt Cobain, Dave Grohl und Krist Novoselic voll in die Mühlen des Musik-Business geraten. Ellenlange Tourneen und Promotion-Verpflichtungen auf der ganzen Welt. Dazu fragwürdige Back-Katalog-Veröffentlichungen („Incesticide“ aus dem Jahr 1992 war eine Sammlung von B-Seiten, Outtakes und Demoaufnahmen) und das Problem des dritten Albums, das so schnell wie möglich auf den Markt musste, um das heiße Erfolgseisen weiter schmieden zu können.

Damit Nirvana während der Aufnahmen zu „In Utero“ nicht von naseweisen Vertretern ihrer Plattenfirma bzw. ihrer Managementfirma Gold Mountain Entertainment aufgesucht werden konnten, verzog sich die Band in die Wälder in der Nähe von Minneapolis, um mit dem aus Chicago stammenden Steve Albini an den Basictracks des Albums zu arbeiten. Am Valentinstag des Jahres 1993 begannen die Aufnahmen. Nach fünf Tagen hatten die Jungs die Basics zusammen. Dann folgte eine Woche für Overdubs und das Abmischen und nach läppischen 12 Tagen hatte man das „In Utero“-Album im Kasten. War „Nevermind“ noch ein cheesy Rockalbum, das von Jack Endino und Andy Wallace auf geniale Weise zu einem massentauglichen Hit-Feuerwerk getrimmt wurde, gaben sich die Musiker beim Nachfolger überwiegend mit First Takes zufrieden, die das Werk um einiges rauer und düsterer klingen ließen. Doch schließlich wollte sich die Band nicht dem Vorwurf von „Kommerzschweinen“ (Novoselic) aussetzen.

„In Utero“ wurde zu einer bitteren Abrechnung mit den Folgen des Ruhms, einer Aufarbeitung der schwierigen Situation mit Ehefrau Courtney Love und der Unheil bringenden Beziehung zwischen Cobain und seinen Fans, die in einigen Nirvana-Videos offen zur Schau getragen wurde. Bei Geffen Records fiel man dagegen aus allen Wolken und weigerte sich, das Album in dieser Form zu veröffentlichen. Unverhohlen wurde Albini beschuldigt, das Album ruiniert zu haben. Obwohl Band und Produzent mit dem fertigen Produkt glücklich waren, bekamen Cobain, Novoselic und Grohl später selbst Zweifel an der Qualität. Daraufhin wurden die Songs „Heart-shaped box“ und „All apologies“ von Scott Litt (R.E.M., Counting Crows, Incubus) neu abmischen und auf Singletauglichkeit gebügelt, was ein mittelschweres Erdbeben in der Presse auslöste. Hatten sich Nirvana für den Erfolg verraten und dem Druck der Plattenfirma gebeugt?

In Anbetracht des vorliegenden Songmaterials ein absurder Gedanke. Natürlich leben Songs wie „Serve the servants“ von einem ungemein eingängigen Refrain. Doch wenn zur Mitte des Stücks ein selbstzerstörerisches Gitarrensolo wie das berühmte Messer durch die Butter fährt, ist es aus mit Friede, Freude, Eierkuchen. Und so ist eigentlich jeder Song auf „In Utero“ um einiges aggressiver, härter und kompromissloser als das „Nevermind“-Material. Beispiele gefällig? „Scentless apprentice“ ist ein schroffer Metal-Punk-Klumpen, bei dem sich Cobain zu düster wummernden Beats und grollenden Gitarrenriffs die Seele aus dem Leib brüllt. „Rape me“ beginnt als harmloser „Smells like teen spirit“-Versuch, bei dem schon bald donnernde Gitarrensalven und ein sich auskotzender Kurt Cobain die Führung durch den Grunge-Dschungel übernehmen. Und wer würde sich heute noch trauen, einen aufwühlenden Brocken wie „Heart-shaped box” als Single auszukoppeln? Dazu noch mit einem dermaßen schockierenden Video-Clip?

Auf dem letzten Studioalbum des kongenialen Trios aus Seattle stehen verstörende Krachmacher („Milk it“, „Radio friendly unit shifter“, „Tourette’s“) im direkten Duell mit hitverdächtigen Rockern wie „Pennyroyal tea“ oder dem halbakustischen „All apologies“, das als mystisches Mantra daherkommt. Daraus ergibt sich eine waffenscheinpflichtige Mischung, die sich nie zu verbrauchen scheint und auch elf Jahre nach seiner Veröffentlichung zu den großartigsten Werken der jüngeren Rockgeschichte gezählt werden muss.

Anspieltipps:

  • Milk it
  • Rape me
  • All apologies
  • Pennyroyal tea
  • Serve the servants
  • Scentless apprentice
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