Jackson And His Computerband - Glow - Cover
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Jackson And His Computerband Glow


  • Label: Warp/Rough Trade
  • Laufzeit: 63 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Jackson probiert etwas Neues mit seiner Computerband. Mit ambivalentem Resultat.

Im Jahr 2005 traten Jackson And His Computerband mit „Smash“ erstmals ins Rampenlicht der Elektroszene. Nach getanem Werk, das vor zerhackten und verzerrten aber melodischen Arrangements aus Glitch-Sounds nur so strotzte, zog er sich wieder zurück. Nach acht Jahren Stille erscheint nun also das Zweitwerk des Parisers auf Warp Records: „Glow“.

Es hat sich einiges in Jackson Fourgeaud's Art der Musik und Art des Musikmachens verändert. Statt Glitch, mit dem sich Jackson einen Namen gemacht hatte, tönt dem Hörer im Opener eine flüssige Gitarrenmelodie mit Schlagzeug entgegen, begleitet von Vocals, die jüngere Werke von Animal Collective in Erinnerung rufen. Zugegeben, hier wurde ordentlich mit Vocoder und Filtern gearbeitet - die Gitarre beispielsweise klingt seltsam organisch, trotzdem tritt hier bereits der wichtigste Wandel zu Tage, den vor allem die „Computerband“ mit „Glow“ durchmacht: Live-Instrumentalisierung lässt Jacksons Arbeit zugänglicher und wärmer wirken, als das Debütalbum es war.

Wer sich aufgrund des Album-Teasers, Track zwei auf diesem Album, auf „Glow“ gefreut hat, dürfte ob dieser Entwicklung ein wenig enttäuscht sein. Die Live-Instrumente berauben das Album schließlich eben jenes charakteristischen IDM-Feelings, das „Smash“ so originell gemacht hat. Somit ist „Seal“ als Album-Teaser zunächst sehr irreführend. Auf den ersten Blick fällt das Stück nämlich im Vergleich zum Rest auf „Glow“ aus dem Rahmen. Dieser Umstand wird durch den Folgetrack nicht verbessert. „Dead Living Things“ wird zwar von elektrischen Gitarren, die klingen wie Motorsägen, dominiert und stellt somit hinsichtlich der Härte des Sounds sicherlich eine gute Fortsetzung zu „Seal“ dar. Strukturell und melodisch ist er aber doch völlig anders. Wie schon im Wechsel von „Glow“ zu „Seal“ folgen hier flüssige Melodien auf abgehackte Beats und übersteuerte Effekte.

Der Trend zum eher seichteren Sound wird mit „G.I. Jane“ fortgesetzt, das klingt wie eine Elektro-Rock-Nummer mit übermäßigem Hall-Effekt. Mit wenig Abwechslung und, wegen des starken Reverbs, geringem Tonumfang ist dieser sicherlich einer der schwächsten Momente des Albums. Hiernach versucht sich Jackson an einem ruhigen, orchestralen Stück mit Frauenchor, knatterndem Bass und entspanntem Beat. „Orgysteria“ ist mit sechseinhalb Minuten etwas zu lang geraten, markiert aber immerhin den Anfang der stärker instrumentalen und kraftvolleren Titel auf „Glow“, was „Blood Bust“ demonstriert. Um Aufmerksamkeit bittendes Schlagzeug bollert mit krächzenden Synthies fünf Minuten lang um die Wette. Leider bietet dieser Track abgesehen von ein paar Passagen wenig Variation, weswegen einem das Geboller doch recht bald auf die Nerven geht. Auch hier scheint der Titel mit fünf Minuten etwas zu lang geraten zu sein.

Viel ruhiger geht es schließlich mit „Memory“ weiter, eigentlich eine ganz nette Elektro-Ballade mit sehr gut gewählten Vocals, die aber weniger durch Originalität als durch Solidität überzeugt. Zwischen zwei Tempo-Tracks wirkt sie außerdem ein wenig fehl am Platz. „Arp #1“ ist weniger aufdringlich als „Blood Bust“ und macht in Sachen Abwechslung alles richtig. Das Hauptmotiv scheint immer wieder durch, bleibt aber dann im Hintergrund, wenn vorne die Aufmerksamkeit auf wahlweise kreischenden Posaunen, schepperndem Bass oder Orgelklängen liegen soll. „Pump“ macht seinem Namen alle Ehre und hebt das Tempo nochmal an, wirkt wie Track sechs' geistiger Nachfolger. Was wie der Soundtrack zu einem Videospiel beginnt, entwickelt sich unter Fingerschnippen und Posaunen, die Unheil anzukündigen scheinen, zu einem Stück mit „pumpenden“ Beats und zischenden Synthie-Effekten. Im Gegensatz zu „Arp #1“ ist das Thema allgegenwärtig, dennoch sorgt eine Vielzahl an subtilen und merkbaren Effekten für bleibende Spannung.

Scheinbar hat sich Fourgeaud alle Perlen für den Endspurt aufgehoben: „More“ beginnt mit einer simplen Akkordabfolge auf einer Oboe, die sich durch den ganzen Track zieht. Bassgitarre, Schlagzeug und verzerrte Vocals machen auch diesen Track zum Schaulauf von Jacksons Fähigkeiten. Glücklicherweise schafft das Album an dieser Stelle die Gratwanderung zwischen Abwechslung und Songlänge (wieder sechs Minuten). „Vista“ ruft mit frickeligem Sound, Dubstep-Einlagen und Geklingel schöne Erinnerungen an „Smash“ wach, ohne dabei die Entwicklung aus den Augen zu verlieren, die Jackson mit „Glow“ durchmacht. So ist die vorletzte Nummer quasi als „Missing Link“ zwischen beiden Werken zu verstehen, die eigentlich als Album-Opener mehr Sinn gemacht hätte. Dass es nicht so gekommen ist, ist vielleicht der melancholisch-zeremoniellen Stimmung geschuldet. Mit einem entspannten Gemisch aus Marschtrommeln, Vocal-Samples, pochendem Beat, flächigen Piano-Sounds uvm. bildet „Billy“ definitiv einen krönenden Abschluss, bei dem auch die Songlänge in keinster Weise stört.

„Glow“ ist schwierig zusammenzufassen. Klar ist zumindest, dass es einen Schritt in eine andere Richtung macht, als von „Smash“ noch 2005 eingeschlagen wurde. Jacksons Zweitling zeichnet davon am Anfang allerdings ein schlimmeres Bild, als sich nach komplettem Durchhören ergibt. Dennoch wird es schwierig sein, Hörer zu finden, denen beide Hälften des Albums gefallen. Vor allem, da die Wechsel zwischen den Songs beider Seiten teilweise zu abrupt vonstattengehen. So fällt es schwer, „Glow“ unter einem Banner aufzustellen; das Album wirkt zwiegespalten zwischen zwei Entwicklungen: der seichten, sehr eingängigen für die Tanzfläche und der verspielteren Rückbesinnung an altes Machwerk.

Übergreifend lässt sich jedoch sagen, dass die Entscheidung, die Tracks mit Live-Instrumenten einzuspielen, eine war, die sich gelohnt hat. Ohne „Smash“ Qualität absprechen zu wollen, erlaubt es doch eine neue Erfahrung von Jacksons Sound. Schade, dass die Länge einiger Songs diese Erfahrung schmälert.

Anspieltipps:

  • Arp #1
  • Pump
  • Vista
  • Billy

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