Scorpions - Crazy World (Deluxe Edition) - Cover
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Scorpions Crazy World (Deluxe Edition)


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 120 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf dem Scheideweg singt die Balalaika das, was die Gitarre nicht mehr aussprechen kann.

Eine kleine Scorpions-Historie vor und nach der Zeit des Falls der Berliner Mauer: Nach ihren Alben „Blackout“ (1982) und „Love At First Sting“ (1984), zwei definitiven Klassikern des Hardrocks und Heavy Metals, folgte im Jahre 1988 „Savage Amusement“, welches sehr viel zwiespältiger aufgenommen wurde, als alle Alben zuvor. Der kommerziell extrem erfolgreiche Nachfolger „Crazy World“ (1991) setzt genau dort an und hat mit den Scorpions der 70er- und 80er-Jahre nur noch wenig zu tun. Plötzlich wurden aus Wegbereitern des Metals Personen des öffentlichen Lebens, die jeder kannte. Selbst Zuschauer des Musikantenstadls pfiffen das Intro von „Wind Of Change“ mit, als wäre es das Natürlichste der Welt. Böse Zungen nannten das gesamte Album „amerikanisiert“, von Ausverkaufsvorwürfen ganz zu schweigen. Die Realität zeigte uns schließlich, dass lange Zeit nach „Crazy World“ nichts nennenswertes mehr kam und die Scorpions sich erst mit „Unbreakable“ (2004) auf ihre alten Stärken besinnen sollten. Tatsächlich wehte der Wind der Veränderung aus allen Himmelsrichtungen und läutete für die Scorpions eine neue Zeit ein. „Crazy World“ war und ist immer noch das Album, welches die Hannoveraner an einen Scheideweg brachte. Schlecht ist das elfte Studiowerk der Band aber keinesfalls. Ganz im Gegenteil!

Hier spielen die Hardrocker und Metaler zum letzten Mal in ihrem klassischen Line-up. Rudolf Schenker, Matthias Jabs (beide Gitarre), Francis Buchholz (Bass), Herman Rarebell (Schlagzeug) und natürlich Klaus Meine mit seiner unvergleichlichen Stimme, ziehen das bewährte Programm durch. „Crazy World“ bietet das Gleichgewicht aus rockigen, flotten Nummern und eingängigen Powerballaden. Da wäre zum Beispiel waschechter Arena Rock wie der Opener „Tease Me Please Me“, das gut gelaunte „Don't Believe Her“ oder das hymnenhafte „Lust Or Love“. „Restless Nights“, das moderne (sowie sträflich unterbewertete) „Money And Fame“ und ganz besonders „Hit Between The Eyes“ sind wuchtige Metaltracks, die ganz in der Tradition früherer Outputs stehen. Balladesk trumpfen die Scorpions dann definitiv auf - egal was man auch immer dagegen sagen will! „To Be With You In Heaven“ ist schlichtweg großartig und im Schatten von „Wind Of Change“ und „Send Me An Angel“ wohl das, was man einen absoluten Geheimtipp nennen kann. Letztgenanntes ist vielleicht der kitschigste Song, den die Scorpions jemals geschrieben haben - mal ausgenommen vom in der Spätphase veröffentlichten „She Said“. Gut ist „Send Me An Angel“ aber trotzdem - in der hier originalen Studioversion noch mitreißend, mehr oder weniger knackig und nicht von einem Gastsänger wie Zucchero geschändet. Gut!

Ein Paar unvermeidliche Worte zu „Wind Of Change“, auch wenn in den vergangenen 23 Jahren so ziemlich alles gesagt wurde. Wer den Song bis heute über alles liebt, soll Recht behalten. Wer ihn hasst aber auch. Der Welthit hievte die Scorpions über Nacht ins öffentliche Interesse und wurde zur offiziellen Hymne der Wiedervereinigung (welche ein Jahr vor dem Release von „Crazy World" stattfand). Es folgten Auftritte im Fernsehen - auch noch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von „Wind Of Change“ - und selbst in den Kreml wurde die Band eingeladen. Heute assoziiert man die Scorpions mit diesem einen Song. Dass sie einst Pioniere des Metals waren, bei denen Maiden im Vorprogramm spielten, scheint in Vergessenheit geraten zu sein, wenn mal wieder ein Auftritt im Samstagabend-TV anstand und sie als Pop-Rocker gefeiert wurden. Somit ist „Wind Of Change“ für die Band Segen und Fluch zugleich. Für erboste Fans, denen man „die Band weggenommen hat“, legte man quasi ein Embargo ein und spielte ihn auf Konzerten irgendwann nicht mehr. Gleichzeitig war man praktisch gezwungen, ihn beim nächsten Wetten dass...?-Auftritt als krönenden Abschluss zu performen. Heute, wo die Scorpions eher damit verwirren, ob sie tatsächlich ihre letzte Tour spielen und ob eine Kompilation wie „Comeblack“ wirklich das Ende einer Reise ist, hat sich die Lage immerhin ein wenig entspannt. Ob sie nun gehen oder bleiben: „Wind Of Change“ ist ein unumgängliches Stück Musikgeschichte. Und nüchtern betrachtet ein verdammt großartiger Song. Punkt.

Deshalb ist er gleich vier Mal auf der Deluxe Edition von „Crazy World“ erhalten. Einmal als Studioversion, schließlich in der russisch- und spanischsprachigen Version und dann auf der DVD als Musikvideo. Der Live-Mitschnitt der Crazy World Tour aus dem Jahre 1991 verzichtet überraschenderweise auf den damals noch ganz frischen Hit. Dafür bekommt man ein energetisches Konzerterlebnis mit einer Spieldauer von rund 45 Minuten. Das ist ein netter Bonus für Fans, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Denn das komplette Material der DVD hat eine eher suboptimale Bildqualität im Format 4:3 (!), welche mit modernen Veröffentlichungen keinesfalls mithalten kann. Dennoch sollten sich Anhänger der Scorpions die Neuauflage von „Crazy World“ so oder so nicht durch die Lappen gehen lassen. Besonders der saubere und druckvolle Sound des eigentlichen Albums spricht klar für sich. Menschen, die bisher nur die Hits von Meine, Schenker und Co. kannten, ergreifen die gute Gelegenheit und holen sich dann ein Stück Musikgeschichte nach Hause. „Crazy World“ ist garantiert nicht das beste Album der Scorpions, aber es nimmt zweifelsohne eine Sonderstellung ein. Ein Monument in der deutschen Musiklandschaft ist es nämlich allemal und auch die Band wird wohl nichts gegen den enormen Erfolg gehabt haben.

Anspieltipps:

  • Don't Believe Her
  • To Be With You In Heaven
  • Wind Of Change
  • Money And Fame
  • Hit Between The Eyes
  • Send Me An Angel

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