Prospekt - The Colourless Sunrise - Cover
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Prospekt The Colourless Sunrise


  • Label: Sensory Records/ALIVE
  • Laufzeit: 60 Minuten
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4.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Prog-Metal für Menschen, die schon alles haben.

Wie strapazierbar ist der gemeine Proghead? Wie viele Kopien der Kopien wird er dankend und mit offenen Armen annehmen? Wie oft wird er die obligatorischen Einflüsse von Dream Theater und Symphony „X-mal-kopiert“ schon erahnen, bevor er überhaupt die Musik gehört hat? Und wie oft wird er gelangweilt gähnen, wenn er die Musik dann wirklich letztendlich hört und sich die Vorahnungen bestätigen? Fragen über Fragen - und bei der Beantwortung machen es Prospekt dem Hörer nicht leicht. Die im Jahre 2008 gegründete Band ist der typische Prog Metal-Act - ja, so was gibt es definitiv - und spendiert dem Hörer mehr von dem, was er bereits seit den frühen 90er-Jahren und spätestens seit dem Nullerjahre-Boom sowieso schon kennt. Mehr oder weniger relevant als andere Genre-Vertreter sind die Musiker aus dem Vereinten Königreich allerdings auch nicht. Nach einer EP hauen sie nun ihr „The Colourless Sunrise“ raus und lassen verlauten: „Guckt mal, wir können es auch!“ Stimmt, ihr macht es genauso. Der Die-Hard-Progger weiß, was ihn erwartet, und lässt sich eventuell auf die Band ein. Mehr als das Erkunden längst erschlossener Gebiete bieten Prospekt aber keinesfalls.

Dream Theater, Dream Theater, Dream Theater - und nochmals Dream Theater. Vielleicht noch eine Prise Redemption. Die typische Inspiration lockt längst keinen mehr hinterm Ofen hervor und mittlerweile sollte sich längst die Frage gestellt haben, warum man nicht gleich beim „Original“ bleibt? Nun, die Beantwortung dieser Frage erübrigt sich. Erlaubt ist, was Spaß macht. Allerdings werden Prospekt beim Huldigen ihrer Idole mehr Spaß gehabt haben, als ihre Hörer danach. Diese begnügen sich mit einem Schema-F-Prog, der (oh Wunder!) überhaupt nicht progressiv ist, sondern hauptsächlich davon lebt, dass die Band beweist, dass sie Meister an ihren Instrumenten ist. Kennt man schon. Davon zu sprechen, dass die Kompositionen ihres „The Colourless Sunrise“ schlecht seien, wäre schon alleine deshalb falsch. Sie sind schlichtweg uninspiriert und lassen nur im Ausnahmefall eine eigene Handschrift zu.

Songs wie das wirklich gute, angenehm bombastische und interessant arrangierte „Shroud“, der Symphony X-Smasher „Shutter Asylum“ (behandelt tatsächlich den Roman von Dennis Lehane bzw. den Film von Martin Scorsese) und die wirklich gelungene Ballade „Visions“ sind sicherlich kein Novum, lassen das Genre aber hochklassig stagnieren. Eine durchaus vorhandene Melancholie und bisweilen fantastische Gitarrensoli sprechen klar für die Qualitäten Prospekts und geben ihnen eine Identität, welche sie dringend benötigen. Doch das bleibt die Ausnahme. Ärgerlich sind dagegen absichtlich verschachtelte Nummern wie „A Desolate Kingdom“, „Dissident Priests“ und „The Great Awakening“. Solche wirken wie die Ergebnisse von Jamsessions, welche flugs zusammen gepappt wurden. Die Longtracks „Hunting Poseidon“ sowie das titelgebende Stück sind letztendlich Pflicht für eine Gruppe dieser Art, hätten aber auch als separierte Songs funktioniert. Besonders bei zweitgenanntem erschließt sich kaum ein Sinn, denn so gut (!) einzelne Fragmente und Themen auch sind, so heterogen wirken sie.

Frontmann Matt Winchester erinnert mit seiner sehr hohen, fast das Falsett erreichenden Stimme an Italo-Metal-Sänger wie Michele Luppi (ex-Vision Divine) oder Andro (Revoltons) - auch wenn der gute Herr einen gewaltigen Umfang besitzt, bleibt das natürlich absolute Geschmackssache. Tatsächlich verleiht vor allem der Vokalist seiner Band so etwas wie einen Wiedererkennungswert. Und eigentlich möchte man der Band für „The Colourless Sunrise“ auch nicht wirklich böse sein. Im Prinzip machen sie das, was abertausende andere Bands auch tun. Dass sie aber sehr viel mehr auf Nummer sicher gehen als ihre unzähligen Kollegen, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Allenfalls Genre-Neulinge sollten Prospekt wirklich interessant finden, der gestandene Progger hingegen weiß, wo und von wem er seinen Stoff kriegt. Der Hörer, der wirklich schon alles hat und auch alles haben muss, darf sich gerne „The Colourless Sunrise“ zulegen. Alle anderen haben einfach viel zu viele Alternativen, welche die Engländer am Ende zu einer Randerscheinung degradieren. Schade.

Anspieltipps:

  • Shroud
  • The Colourless Sunrise
  • Visions
  • Shutter Asylum

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