Ayreon - The Theory Of Everything - Cover
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Ayreon The Theory Of Everything


  • Label: InsideOut/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 89 Minuten
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9/10 Unsere Wertung
7.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Nicht größer als das Leben selbst, sondern ein kleiner Teil davon.

Es ist 8 Uhr 49 am Morgen. Ein junger Mann liegt erschöpft in einem zum Labor umfunktionierten Leuchtturm. Was ist passiert? Zu welcher Entdeckung ist er gekommen? Ein Zeitsprung: Elf Jahre zuvor steht ein genialer Wissenschaftler (Michael Mills) kurz vor einer bahnbrechenden Entdeckung, welche die Menschheit in ihren Grundfesten erschüttern soll. Seine Frau (Cristina Scabbia) fühlt sich vernachlässigt. Dass der gemeinsame Sohn (Tommy Karevik) eine Inselbegabung besitzt, welche der Vater als Idiotie interpretiert, sorgt im Alltag der Familie für zusätzliche Spannungen. Erst der Lehrer (Janne „JB“ Christoffersson) des Jungens entdeckt bei einer Klassenarbeit zufällig dessen ungeheures mathematisches Verständnis. Mit einem ebenfalls hochbegabter Mitschüler (Marko Hietala) wird schnell ein erster Neider aufmerksam und erklärt sich zum Rivalen. Unterstützung findet der Junge in einer Mitschülerin (Sara Squadrani) und dem Lehrer, welcher sein Potential wecken will. Als dieser dessen Vater von seiner Entdeckung berichtet, belächelt er den Lehrer vorerst, beschließt mit seiner Frau jedoch, einen Psychiater (John Wetton) aufzusuchen, welcher den Vorschlag macht, ein neuartiges Medikament am Jungen zu testen. Die heimlich verabreichten Dosen zeigen überraschende Wirkungen und der Junge ist in der Lage, ein neues Leben zu beginnen. Doch nicht jeder aus seinem Umfeld ist ihm sowie seiner neugewonnen Selbstsicherheit wohlgesonnen. Dann scheint das Medikament erste Nebenwirkungen hervorzurufen...

Da ist es nun, das neue Großwerk von Ayreon. Und so einiges, was das Projekt bisher auszeichnete, wird bereits mit der erzählten Geschichte über den Haufen geworfen. Vorbei sind die Zeiten der Sternenreisen, die der schwarzen Löcher, Paralleldimensionen und der vermeintlichen Ästhetik von B-Movies. Auf Arjen Lucassens achter Rock Opera macht dieser einen absoluten Neuanfang. Als Inspirationen nennt Lucassen Filme wie Rain Man und A Beautiful Mind. The Whos „Tommy“ darf ebenso gerne als Einfluss herhalten, auch wenn Mastermind Arjen nicht explizit darauf verweist. Zutrauen könnte man es dem guten Mann, der sich in scheinbar jeder musikalischen Epoche zu Hause fühlt. Dennoch ist sein „Theory Of Everything“ anders als das erwähnte „Tommy“ und sehr viel zurückhaltender, ruhiger erzählt, was für einen Musiker, der eigentlich immer in die Vollen greifen will, erstaunlich ist. Ironischerweise kratzt Lucassen dieses Mal sogar verdächtig an sogenannter „Hard Science Fiction“, wenn er scheinbar beiläufig ein Heilmittel für das Asperger Syndrom oder die titelgebende Universalformel als Nova in seine Geschichte einbaut, allerdings größtenteils unkommentiert lässt. In Wirklichkeit erzählt er aber die Geschichte von einfachen Menschen, die zum Teil Großes erreichen, aber an Kleinem zu zerbrechen drohen.

Es ist die Geschichte eines in sich gekehrten Genies und von dessen Mitmenschen, die daran verzweifeln, nicht an ihn heran zu können, es ist die von Selbstverwirklichung und vor allem die von Scheitern. Und es ist die vom Verhältnis eines Sohnes zu einer kafkaesk angelegten, übermächtigen Vaterfigur. Am Ende gibt es keinen großen Showdown, keinen großen Pomp - stattdessen ein offenes Ende und eine einfache Frage, die Lucassens Figur des Lehrers stellt: „What unseen forces did conspire uniting a father and his son?“ Und hier beginnt der Hörer langsam zu verstehen, was Arjen Lucassen mit seiner Universalformel wirklich meint. Der Metal und der Prog brauchen mehr Geschichten wie die von „The Theory Of Everything“. Weg von Rittern, Raumschiffen, Kriegen und gewollt verkopften, abstrakten Bildern; hin zur Vielschichtigkeit! Lucassen hat es in der Vergangenheit oftmals versucht, jetzt ist es ihm vollends gelungen.

Auf der Jagd nach seinem nächsten Meisterwerk ist der „Gentle Giant“ - Lucassen ist über zwei Meter groß - glücklicherweise immer wieder aufs Neue. Dass er neben seinen Ambitionen mittlerweile mehr als genug Reputation besitzt, um wirklich jeden Musiker seiner Wahl ins Boot zu holen, ist ein positiver Nebeneffekt, welcher auch „The Theory Of Everything“ einen echten Event-Charakter gibt. Mit Rick Wakeman (Yes), Keith Emerson ( Lake And Palmer) und Jordan Rudess (Dream Theater) hat er zum Beispiel gleich drei der weltbesten Keyboarder für sein neues Album verpflichten können. Steve Hackett an der Gitarre (ex-Genesis) und sein Stamm-Schlagzeuger Ed Warby vervollständigen das namhafte Line-up hinter den Instrumenten, während Troy Donockley, Folk-Experte und mittlerweile offiziell sechstes Mitglied bei Nightwish, sowieso immer eine sichere Wahl ist.

Ebenso gewohnt hochklassig sind die Sängerinnen und Sänger: Feuerwehr-Metaler und Roy-Khan-Nachfolger Tommy Karevik bekommt als The Prodigy, das Wunderkind, die Hauptrolle. Und er adelt seine Kollegen von Kamelot damit, dass diese mit ihm den richtigen Riecher hatten und eine unglaubliche Entdeckung gemacht haben. Spätestens jetzt sollte der Schwede zu den ganz Großen gehören. Ein echter „Showstopper“ ist dann Kareviks Landsmann JB von Grand Magus - wenn seine warme Stimme ertönt, gewinnt er die gesamte Hörerschaft mit Leichtigkeit. Michael Mills von den noch unbekannten Toehider ist dann größtenteils für eine ordentliche Portion Drama zuständig, beherrscht aber auch die ruhigen Momente. Es sollte niemanden verwundern, wenn seine Band schon bald einen gewaltigen Push bekommen sollte. John Wetton (ex-King Crimson, ex-Roxy Music, Asia) als Psychiater begeistert schließlich mit enormer Zurückhaltung und spielt seine Rolle außerordentlich nüchtern und rational.

Am meisten profitieren Marko Hietala (Nightwish, Tarot) sowie die weiblichen Gäste vom Ayreon-Stil. Hietala liefert in seinem „The Rival's Dilemma“ mal eben die beste gesangliche Leistung seiner Karriere ab und beweist, dass sein Organ sehr viel besser zum hier gebotenen musikalischen Konzept als beispielsweise zum ruppigen Sound seiner eigenen Band Tarot passt. Das gleiche gilt für Sara Squadrani. Ihre eher belanglose Hauptband Ancient Bards kleistert die Stimme der kleinen Italienerin mit Schema-F-Sympho-Metal zu und lässt sie nicht zur Geltung kommen. Hier toppt sie streckenweise selbst ihre Landsfrau Cristina Scabbia, seit jeher eine Grande Dame des Genres, ohne große Anstrengungen. Aber auch diese macht einen hervorragenden Job. Und es ist schön, das vielleicht hübscheste Gesicht des Metals überhaupt nach etlichen schwachen Alben von Lacuna Coil endlich wieder in ihrer bekannten Stärke zu erleben. Wenn die beiden Damen schließlich gemeinsam ihr Duett „Mirror Of Dreams“ (von „Phase IV: Unification“) singen, ist das der gesanglich vielleicht großartigste Moment der Ayreon-Historie.

Mehr denn je wird auf die gesangliche Performance Wert gelegt. Ausufernde Frickeleien und Virtuositätsbekundungen sind die Ausnahme und erhalten in klar instrumental separierten Tracks ihren Platz. Die vier Longtracks werden zwar als solche gekennzeichnet, setzen sich aber jeweils aus je neun bzw. elf Fragmenten zusammen, sodass am Ende 42 Einzeltracks gezählt werden. Aus diesen die Highlights herauszufiltern, soll sich als schwierig erweisen. Zum einen ist es beinahe ein Muss, das gesamte Album am Stück zu hören, da „The Theory Of Everything“ mehr von seinem Konzept lebt als andere Werke zuvor. Zum anderen haben eigentlich alle vier Hauptkompositionen ein gleich hohes Niveau und sind sich ebenbürtig. Ganz klare Ausnahmemomente sind jedoch solche, in denen Arjen Lucassen Spacerock mit Irish Folk kombiniert („Progressive Waves“, „The Eleventh Dimension“, „Surface Tension“). Generell ist Folk sehr viel präsenter als je zuvor, was äußerst passend ist, wenn man bedenkt, dass zwischen atmosphärisch dichten Nummern mit viel Moog und Melotron („Patterns“, „Love And Envy“, „The Rival's Dilemma“) sowie metallischen Ausbrüchen („The Gift“, „Quantum Chaos“, „Collision“), hauptsächlich auf Retro-Prog gesetzt wird. „The Theory Of Everything“ ist streckenweise näher an Skandinavien-Prog à la Ritual als seine Vorgängeralben. Die Handschrift Lucassens selbst ist letzten Endes aber so prägnant, dass der Hörer stets den typischen Ayreon-Vibe mitschwingen hört.

Das alles macht „The Theory Of Everything“ zu einer mehr als runden Angelegenheit. Nachdem der Chefdenker selbst zugab, nach „01011001“ (2008) nichts mehr zu erzählen zu haben, meldet er sich nach einer Pause endlich wieder zurück. Und es hat sich gelohnt. Sein achtes Opera-Projekt setzt ein wenig verspätet das Ausrufezeichen, welches seine Fans nach einem „The Human Equation“ (2005) so sehr erwartet haben. Musikalisch hochklassig und mit absoluter Konsequenz hinsichtlich der gesanglichen Präsentation und der Dramaturgie, ergreift Arjen Anthony Lucassen die Krone und lässt ein stagnierendes Projekt wie Avantasia letztendlich ganz, ganz alt aussehen. „The Theory Of Everything“: das späte Referenzalbum, das späte Meisterwerk? Vielleicht! Großartig ist es aber so oder so.

Anspieltipps:

  • Patterns
  • Love And Envy
  • Progressive Waves
  • The Eleventh Dimension
  • The Rival's Dilemma
  • Collision
  • Mirror Of Dreams

Dieser Artikel ging am um 14:45 Uhr online.
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