Morrissey - 25 Live - Cover
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Morrissey 25 Live


  • Label: Edel Records
  • Laufzeit: 116 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Der vermeintliche Höhepunkt des ersten Vierteljahrhunderts fällt erschreckend blutleer aus.

„25 Live“ - so einfach und logisch kann doch der Name eines Konzertmitschnitts sein. Immerhin ist Steven Patrick Morrissey seit einem Vierteljahrhundert solo unterwegs. Aufgenommen wurde dieses Konzert am zweiten März 2013 in der Hollywood High School, Los Angeles. Mit gerade mal 1.800 Fans in der hauptsächlich bestuhlten Halle fällt das Konzert relativ klein aus, zumindest verglichen mit ausverkauften Locations, die locker die doppelte Kapazität aufweisen. Bleibt festzuhalten: „25 Live“ bietet ein relativ rares Erlebnis, schon alleine weil Morrissey diverse weitere Konzerte seiner Tour krankheitsbedingt absagen musste. Die Fans ergriffen die Möglichkeit. Nach sage und schreibe zwölf Sekunden waren alle Karten an den Mann gebracht! Heraus gekommen ist ein Konzert, welches zwischen Intimität und purer Emotionslosigkeit eine eigenartige Stimmung vermittelt. Und ein Konzert, welches wahrscheinlich gerade mal seine größten und treuesten Fans begeistern wird.

„Morrissey, danke dass du lebst und so offenherzig singst. Sei immer gesegnet.“, sagt eine Dame, welche in der ersten Reihe steht und sichtlich gerührt ist, dass Moz ihr das Mikrofon gibt. Ein knappes „sei auch gesegnet.“, dann macht dieser auch schon weiter. Die Fans neben ihr buhlen weiterhin um Morrisseys Mikrofon und darum, ihm ihre Gedanken mitteilen können. Später wandern Geschenke für den Sänger auf die Bühne; ein Zuschauer dem er die Hand geben möchte, landet im Bühnengraben, als Moz diese wieder zurückzieht und ein paar Schritte nach hinten geht. Ehrliches Interesse für seine Zuschauer scheint Morrissey nicht wirklich aufzubringen. Sollte ein Mensch ganz zufällig mit „25 Live“ seinen ersten Kontakt mit dem Engländer haben, wird negatives Vorwissen höchstwahrscheinlich bestätigt werden. Moz zieht seine Nummer verdammt gut durch, wirkt aber bis auf wenige Ausnahmen erschreckend routiniert.

Fast scheint es so, als verstecke er sich hinter einer Mauer aus Professionalität und Emotionslosigkeit. Zwar interagiert er nicht nur ein Mal mit dem Publikum, aber dann auch stets so, dass man zumindest auf der Mattscheibe die Ahnung bekommt, alles was er mache, ließe ihn absolut kalt. Wer oder was Morrissey ist, wie er sich gibt und welche Ansichten er hat, wird auch weiterhin ein Zankapfel bleiben. Und „25 Live“ ändert ganz sicher nichts an dieser Tatsache. Den Fans wird es egal sein, sie haben Spaß, freuen sich über den Auftritt und vergöttern Morrissey, der letzteres beinahe schon als Selbstverständlichkeit ansieht. Ihr gutes Recht, doch seines auch. Neue Anhänger wird er allerhöchstens dann gewinnen, wenn sie ihn wirklich live erleben und nicht mittels eines Live-Mitschnitts.

So rätselhaft und widersprüchlich die Figur Morrissey auch sein mag, an seiner Musik gibt es nichts auszusetzen. „Irish Blood, English Heart“, das neue „People Are The Same Everywhere“ oder „Alma Matters“ - alle sind sie im Set. Auch ältere Kompositionen aus seligen Smiths-Zeiten haben es selbstverständlich geschafft: „Meat Is Murder“, „That Joke Isn't Funny Anymore“ und besonders „The Boy With The Thorn In His Side“ funktionieren immer wieder gut. Dies hilft aber nichts, wenn sie zwar professionell, aber relativ blutleer dargeboten werden. Dann werden die Lobpreisungen zwischen den Songs beinahe zu Höhepunkten, die für ein wenig Emotionalität sorgen. Morrissey, ach Morrissey! Fans fiebern mit; auch solche, welche das Konzert auf DVD oder Blu-Ray nachholen. Und eigentlich ist „25 Live“ auch ausschließlich an diese gerichtet. Fan-Service nennt man das schließlich. Aber auch, wenn für die Anhänger Morrisseys „25 Live“ so ziemlich alles sein wird, ist es für die anderen nur ein normaler Gig, der sicherlich nicht in künftigen Jahrzehnten den Stellenwert eines Sinatra-Auftritts einnehmen wird, wie es ein in einem Fan-Kommentar so schön formuliert wird. Wer den Musiker wirklich kennen lernen will, sollte deshalb erst einmal ein paar seiner (alten) Studioalben nachholen. Dann wird nämlich diese Aufnahme irgendwann das kriegen, was sie dringend benötigt: Emotion, Ungezwungenheit sowie nötige Ecken und Kanten.

Anspieltipps:

  • Irish Blood, English Heart
  • People Are The Same Everywhere
  • Please, Please, Please Let Me Get What I Want
  • The Boy With The Thorn In His Side

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