Beatrice Egli - Pure Lebensfreude - Cover
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Beatrice Egli Pure Lebensfreude


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
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1/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Schwester, setzen Sie den Blutegli bitte am Couvert mit dem Weihnachtsgeld an.

Zu beneiden ist sie, die liebe Beatrice. Wer so viele Glücksgefühle empfindet, der verspürt natürlich auch pure Lebensfreude. Immer! Zu jeder Zeit! Und besonders dann, wenn gegen Jahresende dicke rote Kerzen die Dunkelheit so sehr erhellen, dass selbst Stevie Wonder die schwarzen Zahlen in die Glubscher springen. Ja, es ist eine schöne Welt, die von Beatrice Egli. Selbst, wenn das Beziehungsaus droht und Herzschmerz dich nieder reißt, herrscht noch eitel Sonnenschein. Deswegen lächelt das Fräulein Egli auch immerzu. Und natürlich, weil „Glücksgefühle“ Platin einheimste. Dieter Bohlen lächelt auch. Alle anderen, die an der Langrille verdienten, ebenfalls. Die einzig logische Konsequenz ist ein Nachfolger des Hit-Albums. Heißa, es ist ja zufällig bald Weihnachten. Aber auch danach wird „Pure Lebensfreude“ die Konten der Verantwortlichen ereilen.

Stichwort Kalkül: Wer bei einer Dauer von gerade mal einem halben Jahr zwischen zwei Studioalben nicht wenigstens ein wenig stutzig wird, dem ist auch nicht mehr wirklich zu helfen. Nun neigt der gemeine DSDS-Gewinner ja nicht gerade dazu, eine chinesische Demokratie auszuarbeiten. Allerdings geht die Diktatur hinter dem Künstler dann und wann doch zu weit. Den Fans von Beatrice wird’s nur recht sein und deren Ungeduld will man nicht unnötig strapazieren. Schließlich sind sie langes Warten nicht gewohnt. Ihr Empfinden für Musik ist auf folgendes reduziert: Beatrice kann toll singen, schaut goldig aus und lächelt doch immer so nett. Und alle, die das einfach nicht verstehen wollen, sind doch nur neidisch - besonders die Fans von der Wohlgemuth, weil die Beatrice tut einfach viel mehr Talent haben und sieht Hamma aus! Das Majorlabel im Rücken unterstützt die Anhänger der jungen schweizerischen Friseuse, Sängerin und Schauspielerin nur: Ihr Baby Beatrice wird „einmal mehr beweisen, dass sie zu einer völlig neuen, modernen und stilistisch aufgeschlossenen Generation von Interpreten gehört, für die Schlager und Disko kein Widerspruch, sondern ein ganz harmonisches Neben- und Miteinander bedeutet.“ Nur schade, dass dies seit Jahrzehnten gang und gäbe am Ballermann und somit alles andere als ein Novum ist. Prost! Stilistisch aufgeschlossene Generation? Ja, zu welcher Generation gehört denn der Onkel Dieter nun? Vielleicht weiß es ja Beatrice. Sie singt ja schließlich seine Songs.

Und die knüpfen nahtlos an ihr „Debüt“ an. Da gibt es speckige Keyboard-Klangteppiche, die selbst die beste Reinigung nicht mehr sauber kriegen kann („Bitte halt mich”, „Und dann kommst du”, „Zweimal Wahnsinn und zurück“) sowie Synthesizer-Terror vom letzten Kaffeefahrtsmixtape - Blue System und C. C. Catch waren auch drauf („Verrückt nach dir“, „Herz an Herz”, „Himmelbett”, „Grenzenlos“). Und da wäre noch ein immer und immer und immer gleicher Viervierteltakt, der selbst die im Gleichschritt marschierende Arbeiterklasse aus Fritz Langs Metropolis wie Individualisten erscheinen lässt. Eine zaghafte elektrische Gitarre in „Verdammt ich will leben“ oder „Die ganz große Liebe“ macht es dann auch mal so richtig rockig - neue, stilistisch aufgeschlossene Generation und so! Der krönende Abschluss sind die deutschen Songtexte aus der Feder des Herrn Bohlen. Alles, was jemals in der Rezension zu „Glücksgefühle“ geschrieben wurde, soll nun auf der Stelle zurück genommen werden. Naives Englisch hin oder her, wer nicht imstande ist, seine eigene Muttersprache mit mehr Witz, Kreativität oder Esprit als ein Achtklässler zu gebrauchen, sollte sich ernsthaft darüber Gedanken machen, in Zukunft einfach mal extern texten zu lassen. Deutschland, du Land der Dichter und Denker - selbst in der Regelpoetik des Schlagers wird selten so lieblos und verachtend mit deiner Sprache umgegangen.

Authentizität ist Mangelware, aber im Endeffekt doch so ein wunderschönes Wort, auf dem permanent herumgeritten wird. Authentisch ist nämlich grundsätzlich alles, was sich im Falle von Beatrice verkaufen lässt: dass „ihre“ Texte so wirken, dass es ihr frohes Gemüt ist, dass sie selbst einfach echt und ungekünstelt und ehrlich daher kommt. Das alles mündet in einer Interpretation des Schlagers „weit abseits irgendwelchen verstaubten Schubladendenkens“ - kein Kommentar hierzu. Letztendlich bleibt Schlager nun mal Schlager und hat - egal, was man auch immer dagegen sagen kann - seine Daseinsberechtigung. Doch um aus der Schublade zu springen, bedarf es mehr. Es muss nicht augenzwinkernd wie von einem Interpreten der Marke Dagobert sein. Es reicht schon, wenn das Zielpublikum auch nur ansatzweise für voll genommen wird und dass man die ernsthaften Absichten hat, ihm eine gewisse Mindestqualität zu bieten. Und zwar unabhängig davon, ob die Masse nun nach einer solchen schreit oder nicht. „Pure Lebensfreude“ vom Produzententeam hinter Beatrice Egli scheitert zumindest auf künstlerischer Ebene kolossal. Nein, das Genre verkraftet die DSDS-Dosis dieses Mal nicht im Geringsten. Es hinterlässt den Hörer ratlos, hintergangen und verärgert - denn die Stimme von Beatrice und ihr freundliches Äußeres täuschen nicht darüber hinweg, dass die gebotene Musik der vielleicht dreisteste Einheitsbrei ist, der jemals aus dem Hause Bohlen kam. Sängerin Beatrice bringt es ironischerweise zum Punkt, wenn sie über die Intention des Songs „Irgendwann“ spricht: „Es gibt diese Momente mit negativen Gefühlen, in denen man betrogen wird, viele können sich aus leidvoller Erfahrung damit identifizieren.“ Au Backe...

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