Hamferð - Evst - Cover
Große Ansicht

Hamferð Evst


  • Label: Tutl Records/CARGO
  • Laufzeit: 46 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Sturmtief von den Färöern – faszinierende Anmut verwandelt sich in pure Zerstörungswut.

Was haben die Bands Týr, Hatursvart, Synarchy, Vhernen und Hamferð (Ham:fer) gemeinsam? Sie kommen allesamt von den Färöern (sogar aus dem gleichen Ort: der Hauptstadt Tórshavn) und gehören zu den „jungen Wilden“ einer aufkeimenden Metal-Szene. Seit dem Ende des letzten Jahrtausends überrascht die autonome dänische Inselgruppe mit hochklassigen Acts, welche sich nicht vor der kontinentalen Konkurrenz zu verstecken braucht - in Sachen Qualität sozusagen ein Wolf im Schafspelz. Die im Jahre 2008 gegründeten Hamferð gehören zu den jüngsten Emporkömmlingen der lokalen Szene. Die Jungs und das Mädel spielten in ihrem fünfjährigen Bestehen bereits auf den Festivals G!, Iceland Airwaves und setzen sich beim Wacken Metal Battle 2012 als beste Newcomer durch. Lauscht man ihrem ersten Album, weiß man auch schnell warum. Die sechsköpfige Band schüttelt mal eben eines der stärksten Debütalben des Jahres 2013 aus dem Ärmel und präsentiert sich so unglaublich professionell und stilsicher, dass es beinahe beängstigend wirkt.

Ihr „Evst“ ist ein atmosphärischer, tonnenschwerer Doom-Koloss. Schwermütig, melancholisch, hypnotisch wagen die sechs Färinger den musikalischen Blick in die Ferne und stehen damit ganz in der Tradition der mittlerweile voll und ganz etablierten Ahab. Selbst der Klassifizierungs-Zusatz „Nautik“ passt ein wenig, immerhin beschreibt der Bandname alleine schon die Geistererscheinung toter Seemänner. Originell sowie höchst inspiriert ist der Sound Hamferðs aber dennoch und steht für sich alleine. „Evst“ ist ein Konzeptalbum, welches komplett in der färöischen Sprache eingesungen wurde. Die sechs Kompositionen auf dem Album nehmen sich genug Zeit zum Entfalten und bilden allesamt ein Wechselbad der Gefühle. Direkt die ersten drei Songs geben die Marschrichtung vor. Der Opener und Titeltrack, „Deydir vardar“ und „Vid teimum kvirru gráu“ sind in sich gekehrte, tieftraurige Epen. Aus kleinen Brisen werden gewaltige Stürme - musikalisch wird ein bombastischer Höhepunkt erreicht, der in seiner Wirkung einzigartig und tief im Genre des Doom Metals verwurzelt ist. Über allem schwebt die Leistung des Frontmannes Jón Aldará als gesangliches Damoklesschwert. Schwelgerisch und beinahe predigend erinnert er an Vokalisten wie Eric Clayton (Savior Machine) oder Daniel Droste (Ahab), nur um schlagartig mit seinen Growls eine brachiale Zerstörungswut herauf zu beschwören.

Die Wirkung ist intensiv. Nicht nur gehen ruhige Parts in harte nahtlos über, auch entsteht eine Dynamik, für die Vertreter des Extreme Metals morden würden. Ein gutes Beispiel sind „At jarda tey elskadu“ und „Sinnisloysi“, welche zwar für sich alleine stehen, aber unterschiedlicher nicht sein könnten. „At jarda tey elskadu“ steht exemplarisch für Hamferðs großes Talent, Atmosphäre aufzubauen, ist ruhig und beinahe intim. Das direkt folgende, komplett gegrowlte „Sinnisloysi” dagegen ist ein wahres Monstrum. Es zieht den Hörer mit der Kombination aus Growls und in den Hintergrund gemischten, äußerst absonderlich anmutenden Screams in seinen Bann und explodiert letzten Endes regelrecht. Der zehn Minuten zählende Abschluss „Ytst” hingegen ist eine Tour de force, welche alle Qualitäten der Band nochmal zusammenfasst. Aus der Kombination aus kompromissloser Härte und Zerbrechlichkeit entsteht ein regelrechter Sog, welcher den Hörer unbarmherzig in den Abgrund zieht. So schön, so faszinierend, so anmutig kann Doom Metal sein!

Das macht „Evst“ nicht nur zu einem Killer, für den viele andere Bands mehrere Anläufe brauchen, sondern auch zu einem heißen Anwärter auf das Album des Jahres. Auch wenn das Debüt Hamferðs streng genommen die Position eines Underdogs innehat, werden Liebhaber der Doom-Kunst kaum einen besseren Genrebeitrag im Jahre 2013 finden. „Evst“ - das ist ein Album voller Extreme. Es ist komplex, geheimnisvoll, emotional, niederschmetternd. Die nach wie vor überschaubare Szene der Färöer braucht ein Aushängeschild, einen Protagonisten. Mit Hamferð hat die kleine Inselgruppe nun ein schlagkräftiges Argument, mit dem sie international ein gehöriges Machtwort sprechen kann! Alle, die auf gut gemachten, hochklassigen und ideenreichen Metal stehen, dürfen diese Band unter keinen Umständen ignorieren.

Anspieltipps:

  • Evst
  • Deydir vardar
  • Vid teimum kvirru gráu
  • At jarda tey elskadu
  • Sinnisloysi
  • Ytst

Neue Kritiken im Genre „Doom Metal“
Diskutiere über „Hamferð“
comments powered by Disqus