Chris Eckman - Harney Country - Cover
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Chris Eckman Harney Country


  • Label: Glitterhouse/INDIGO
  • Laufzeit: 45 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Reale Orte und fiktive Ereignisse: Ein in den Bann ziehendes Roadmovie in acht Akten. Eckman spiegelt Natur- mit Seelenlandschaften in einzigartiger Weise!

Chris Eckman zählt zu den überaktiven Menschen der aktuellen Musikszene. Neben Bands und Projekten (The Walkabouts, Dirtmusic, L/O/N/G, The Frictions, The Strange, Chris & Carla) ist er ein gefragter Produzent und Gastmusiker. Zudem ist er als Solokünstler unterwegs. Im Jahr 1999 trat er mit „A Janela“ zum ersten Mal unter seinem Namen in Erscheinung. Fünf Jahre später folgte „The Black Field“ und 2008 überzeugte er mit seinem bislang ambitioniertesten Werk „The Last Side Of The Mountain“, bei dem er auf Gedichte des slowenischen Poeten Dane Zajc zurückgriff. Als Produzent hat er zuletzt das wunderbare „Blackbird“ von Andrea Schroeder in Form gebracht, desgleichen „Chatma“ von Tamikrest, letztere erscheinen auf Glitterbeat Records, bei denen Eckman als Labelmanager seine Liebe zur afrikanischen Musik auslebt. Wie gesagt: Ein viel beschäftigter Mann!

Nun also sein viertes Soloalbum, das er nach einer Region in Oregon „Harney County“ benannt hat. Eine Gegend, die Chris Eckman nicht nur einmal aufgesucht und die ihn immer wieder zu Songs inspiriert hat. Wo er auf dem letzten Studioalbum der Walkabouts, „Travels In The Dustland“, abstrakte und mythische Landschaften heraufbeschwor, verbindet er nun jene realen Orte mit fiktiven Ereignissen und Charakteren. Dabei lebt das Album von einer geheimnisvollen, in seinen Bann ziehenden Atmosphäre.

Ein wichtiger Baustein des Ganzen ist der Kontrabass von Ziga Golob, der den tiefgründigen dunklen Boden bereitet und im Körper des Zuhörers förmlich vibriert. Gemeinsam mit Chris Eckmans Akustik-Gitarrenspiel und seiner hier zärtlich-rauen Gesangsstimme wird eine seltsame, beinahe surreale Stimmung aufgebaut, die uns das ganze Album hindurch begleitet. Zudem stehen die Songs in einem klaren, verhallten Klangkörper, der viel Raum, Weite und jenes „Harlan County“ widerspiegelt, das im mit Fotos und Texten illustrierten Booklet geradezu einen Film in Schwarz-Weiß-Bildern erzeugt. Wie gebannt lauscht der geneigte Hörer den acht Songs, um ja keinen Ton zu verpassen, denn diese wie an einem Faden gezogene Spannung lässt einen keine Sekunde los.

Hier und da klopft uns ein Schlagzeug aus diesem Traum oder Paul Austins E-Gitarre zwirbelt an den Synapsen. Auf „Ghosts Along The Border“ steuert Ehefrau Anda Eckman eine zurückhaltende, umso herzerweichendere Harmoniestimme bei. Ein anderes Mal („Many Moons“) ist es Terry Lee Hales Mundharmonika, die unweigerlich ein Gefühl der Sehnsucht hervorruft und uns dennoch durchatmen lässt, denn Eckman hat hier den Rhythmus seiner Walkabouts eingebaut und erlangt die Erkenntnis: „I am what I’ve feared / I am what I longed for / Many moons ago.“ Die hervorstechenden Merkmale bleiben Stimme, Akustikgitarre und Kontrabass, denen auf „Rock Springs“ ein Piano begegnet, einem beinahe elfminütigen Epos, das wir in einem gestohlenen Mercedes, einem Taxi und letztlich in einem Motel miterleben dürfen.

Eckman entwirft hier ein einzigartiges Roadmovie in acht Akten, das mit Intensität, Inspiration und Intimität in seinen Bann zieht. Es weckt im Zuhörer eine Aufmerksamkeit, die ihn geradezu in das Geschehen hineinmanövriert und emotionale wie naturgegebene Landschaften vor das innere Auge projiziert. Nach „The Last Side Of The Mountain“ eine weitere Großtat von dem unermüdlichen Chris Eckman, der bereits jetzt sein nächstes Projekt vor Augen hat: „Und jetzt, wo das Album fertig ist, kann ich den nächsten Ort meiner Obsessionen finden.“ Von jenen Orten und Obsessionen können wir nicht genug bekommen!

Anspieltipps:

  • Nothing Left To Hate
  • The Carnival Smoke
  • Many Moons
  • Rock Springs
  • Ghosts Along The Border

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