Avicii - True - Cover
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Avicii True


  • Label: PM:AM/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 47 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Revolution am Tanzmusiksektor entpuppt sich als Sturm im Wasserglas.

Nach seinem Multi-Platinerfolg mit der Hitsingle „Levels“ braucht man Tim Bergling alias Avicii eigentlich niemandem mehr vorstellen. Der 24-jährige Schwede gehört laut DJ Magazine zu den besten Plattendrehern der Welt und mit einem Jahreseinkommen von mehr als 20 Millionen Dollar zu einer Handvoll Menschen, die allein ihres Namens wegen von Radiohörern auf der ganzen Welt mit gehaltvoller Popmusik in Verbindung gebracht werden. Jetzt ist diese Annahme grundsätzlich nicht verkehrt und die erste Single aus seinem Debüt „Wake me up“, eine Kollaboration mit Soulsänger Aloe Blacc, ein ganz und gar gerechtfertigter Ohrwurm, doch die Art und Weise, wie Avicii die Veröffentlichung von „True“ mit der Rettung der Musik, im speziellen House und Dance, in Verbindung bringt, nimmt dann doch übertrieben messianische Züge an, die mit dem Endprodukt nun wahrlich nichts zu tun haben.

„Disruption is good when a scene is half stuck“ soll das Motto hinter den zehn Tracks sein und wenn der Promozettel Einflüsse aus Funk, R´n´B, Bluegrass, Rock und Soul anführt, dann will man diese Revolution auch wirklich glauben. Zu dumm, dass sie nie eintrifft. Freilich ist die Nachfolgesingle „You make me“ mit fetzigen Beats ausgestattet und lädt mit ihrer eigentlich recht melancholischen Pianomelodie zum Feiern ein, doch hört sich die Zukunft des Genres wirklich nach einem Pop/Soulsänger an, in diesem Fall dem syrisch-schwedischen Salem Al Fakir, dem gerade die Eier mit der Kneifzange bearbeitet werden? Und wieso ufert das funkige „Lay me down“ zu einer Earth, Wind & Fire-Klatschsession aus, die damit ihren kompletten Kredit verspielt? Und warum wird das Antony & The Johnsons-Cover „Hope there´s someone“ zu einer widerlichen Reißbrettnummer umfunktioniert, die von einem zweitklassigen Björk-Imitat namens Linnea Henriksson zu Grabe getragen wird? Antworten auf diese Fragen gibt Herr Bergling jedenfalls keine.

Stattdessen konzentriert er sich mit dem 2½-minütigen Electro Swing-Track „Addicted to you“ auf die Kernessenz und liefert eine perfekte Symbiose aus Anita Wards „Ring my bell“ und Parov Stelar ab. In dieser Form werden zwar auch keine bestehenden Systeme umgestürzt, aber zumindest fühlt man sich nicht wie bei einem Wahlversprechen letzten Endes hintergangen. Die Fusion aus Alt und Neu macht in weiterer Folge auch nicht vor „Liar liar“ Halt und so müht man sich durch einen gewöhnungsbedürftigen Cocktail aus Arthur Browns „Fire“ und einer säuselnden Kylie Minogue, während man bei „Shame on me“ zum ersten Mal ins Staunen gerät, schafft es Avicii doch wirklich eine dunkle Bassline mit übermäßigem Vocoder-Einsatz und einem bierseligen Refrain im Partyzelt komplett zu demontieren. Tanzen möchte man dazu aber trotzdem und darin liegt wiederum die Stärke von „True“, denn obwohl einige der Songs nur an der Oberfläche kratzen und die Revolution der Szene damit ausbleibt, Mr. Bergling hat ein untrügliches Gespür für ein paar „catchy“ Beats und Hooklines, die dann doch ein ganzes Stück weit von Einwegprodukten der Schmiede David Guetta und The Black Eyed Peas entfernt sind.

Als besonders herausragend gestaltet sich dieses Talent in der letzten Nummer „Heart upon my sleeve“, von der abseits der normalen Albumveröffentlichung nicht nur die instrumentale Version, sondern auch eine Fassung mit Imagine Dragons-Sänger Dan Reynolds existiert. Für Puristen ist die textlose Fassung sicherlich die Interessanteste, die düsteren Streicher und der treibende Rhythmus harmonieren aber auch ziemlich gut mit der Reynolds-Fassung und lassen das Herz eines jeden aufgeschlossenen Electronic Dance Music-Fan höher schlagen. „Der Name des Albums fasst übrigens zusammen, dass Avicii mit diesem Erstling ehrlich zu sich selbst sein wollte, euch auf `True´ also in erster Linie Musik zeigt, die er selbst auch gern mag“, weiß der Pressetext abschließend zu berichten. Beim nächsten Mal können es dann gerne ein paar Stilrichtungen weniger sein, wenn im Gegenzug die Samples sinnvoller eingesetzt werden, denn wir wissen, was du alles mit dieser dreckigen Bassline aus „Shame on me“ anstellen könntest, Tim! Also zögere nicht und zeig uns, wie eine musikalische Revolution zu klingen hat!

Anspieltipps:

  • Wake Me Up
  • Shame On Me
  • Addicted To You
  • Heart Upon My Sleeve

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