Judith Holofernes - Ein Leichtes Schwert - Cover
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Judith Holofernes Ein Leichtes Schwert


  • Label: Four Music/Sony Music
  • Laufzeit: 47 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Judith Holofernes ist mit gewohnt viel Wortwitz zurück und wir winken ihr deswegen erfreut mit der Morgenlatte.

Selbst wer sie nie mochte, kann Wir Sind Helden nicht absprechen, dass sie stets ihren Stil hatten und dazu noch ein Flair von Internationalität in ihre Musik brachten. Die großen Singles greifen nicht bloß mit dem intelligenten Wortwitz der Texte einer Judith Holofernes, sondern auch stets mit starken Melodien. Nachdem die Band vor knapp zwei Jahren den Hiatus ankündigte, hat eine der musikalisch ansprechenderen Alternativen in Deutschlands ausgesetzt. Keine zwei Jahre später hat es Sängerin Holofernes wohl aber doch so sehr in den Fingern gejuckt, dass sie nun erstmals als Solistin die Republik (und mehr?) beglücken möchte.

Die Vorabfrage, ob es sich beim Solo-Projekt um ein neues Helden-Album handelt, kann relativ sicher bejaht werden. Die Texte leben weiter von Wortspielen und inzwischen deutlicher formulierter Gesellschaftskritik. Bei den - für Holofernes - neuen Ideen und Einflüssen kann man durchaus argumentieren, dass sich auch Wir Sind Helden stets weiterentwickelten. „Ein Leichtes Schwert“ macht sich an einigen Stellen allerdings doch unabhängig. Sehr viele ruhige und an Chansonnetten erinnernde Stücke sind ebenfalls ein Unterschied zur Vergangenheit, der auf diesem Debüt allerdings zweischneidige Eindrücke hinterlässt.

Der besagte Schnitt setzt interessanterweise auch zur Mitte des Albums an. Die erste Hälfte ist die glückliche Heimkehr einer geborenen Liedermacherin, die durch kindliche Energie und Zungenbrecherwortwitz in „Nichtsnutz“ und „Opossum“ Freude bereitet und mit „Pechmarie“ und „Liebe Teil 2 - Jetzt Erst Recht“ traumhafte schöne Pop-Singles aus dem Gedankenhut zaubert. Dass der Titeltrack Geschmack spaltend durch Katzengejammer auffällt, fällt kaum ins Gewicht, wenn daneben Edward Sharpe-Qualität in „Liebe Teil 2 - Jetzt Erst Recht“ das Herz warm werden lässt. Dazu krönt Holofernes diese beeindruckende Hälfte mit dem clever aufmüpfigen „Danke, Ich Hab Schon“ und kreiert, was kaum noch modernen Musikern gelingt: Punk.

Und dann geht irgendwas verloren. „MILF“ verliert sich in seinen sich überschichtenden Gesangsspuren und statt einer Ode an die Musik kommt ein zu langer, letztlich eintöniger Pop-Matsch heraus. Zwar bleibt das Lied dank der Grundqualität der Melodie stets zugänglich, doch letztlich wirkt es weder intelligent, noch kann die Musik selbst begeistern. Dieses Phänomen setzt sich dann leider fest, wenn den Liedern das besondere Element der ersten Hälfte abgeht. Jetzt ist die süße, aber letztlich lang gezogene Ballade „Brennende Brücken“ das Highlight einer langsamen und im Gegensatz zum Auftakt merkwürdig braven zweiten Hälfte. „Hasenherz“ ist sehr klug und lieblich geschrieben, doch in Verbindung mit der Musik ist das Ergebnis „nur“ nett, anstatt sich wie „Danke, Ich Hab Schon“ direkt einen Platz im Großhirn zu reservieren.

Das ist selbstverständlich Kritik auf ganz hohem Niveau. Und die Enttäuschung über die eher durchschnittlich solide zweite Hälfte kann nicht über den erfreulich guten Beginn von „Ein Leichtes Schwert“ hinwegtäuschen und auch nicht darüber, dass „Platz Da“ und „Havarie“, sowie teilweise auch „John Irving“, vor sich hin plätschern und nur über Grundmelodien funktionieren, mit denen sie bestenfalls kurzfristige Freude bereiten. Selbst die Qualität der Texte lässt sich klar in zwei Klassen einteilen, die dem Hälftenprinzip folgen.

Judith Holofernes ist nicht Wir Sind Helden. Sie ist eine eigenständige Künstlerin, die zwar nicht ihre eigene Stimme suchen, sich allerdings an die Freiheit der Solokunst gewöhnen muss. Diese Phase sollte man ihr allein für die Lieder „Danke, Ich Hab Schon“ und „Liebe Teil 2 - Jetzt Erst Recht“ zugestehen. Doch auch falls sich das Projekt Holofernes als Eintagsfliege entpuppt, gibt es keinen Grund, nicht über „Ein Leichtes Schwert“ glücklich zu sein.

Anspieltipps:

  • Danke, Ich Hab Schon
  • Liebe Teil 2 – Jetzt Erst Recht
  • Nichtsnutz

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