Alcest - Shelter - Cover
Große Ansicht

Alcest Shelter


  • Label: Prophecy Productions
  • Laufzeit: 46 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Luftschloss, erbaut aus den Trümmern des dekonstruierten Metal-Genres.

„Nichts geschieht zufällig, sondern alles aus einem Grunde und mit Notwendigkeit.“ (Leukipp)

Als der Musiker Neige (Stéphane Paut) im Jahre 2007 mit „Printemps Emeraude“ das Debütalbum „Souvenirs d'un autre monde“ eröffnete, war der Startschuss für eine der bemerkenswertesten und einzigartigsten Gruppen des Metal-Sektors gefallen. Sieben Jahre und vier Studioalben später schließt sein „Shelter“ mit „Délivrance“. Mal angenommen, Neige hätte seine Alcest mit einem klaren Konzept versehen, welches nun mit jener Komposition sein Finale findet: Alles hat plötzlich seinen Sinn. Was damals als Black Metal mit Elementen des Shoegaze begann, findet hier seine Auflösung. Es hätte nie anders kommen können, Alcest haben ihre Metamorphose erfolgreich vollzogen. Was fortan noch kommen soll, wird Neige und seinem Schlagzeuger Winterhalter egal sein. Oder mit anderen Worten: Alcest haben alle Ketten gesprengt und sind endlich frei.

Das zurecht vielbeachtete „Les Voyages de l'âme“ (2012) deutete mit Kompositionen wie „Autre temps“ und „Summer's Glory“ bereits den Sound auf „Shelter“ an. Dessen Songs sind vier Jahre später die logische Konsequenz. Fast alles was auch nur im Geringsten etwas mit Metal zu tun hat, wird rausgeworfen. Somit sorgt „Shelter“ dafür, dass Alcest fortan nicht mehr die Black-Metal-Band mit Shoegaze-Einflüssen, sondern eine reine Shoegaze-Formation sind. Kenner der Franzosen wird das kaum überraschen und doch könnte die Entfernung zwischen beiden Musikstilen nicht größer, die Entwicklung nicht ungewöhnlicher sein. Zwar verlieren Alcest ihr Alleinstellungsmerkmal, doch das Ergebnis sowie der immer klarer werdende Weg zum Ziel entschädigt mit purer Faszination.

Das Interessante an den acht Songs auf „Shelter“ ist, dass sie in ihrer Form glaubhaft sind. Hier hat kein Musiker seinen Stil aus purem Selbstzweck variiert oder angepasst. Die Kompositionen haben dank der Diskographie Alcests eine Geschichte, was sie davor bewahrt, x-beliebige Vertreter des Dreampops zu werden. Auch ohne metallische Zerstörungswut gelingt es Neige dabei, ihnen eine Unerbittlichkeit zu geben, die nie mit einem Gewaltausbruch so möglich gewesen wäre. Der Sound pendelt zwischen süßlichen Träumereien und kühler Sachlichkeit hin und her, ist gleichermaßen verspielt wie auch besonnen. „La nuit march avec moi“ ist da ein gutes Beispiel. Das surrende Spiel der Gitarren mündet in einer Aufbäumung gewaltiger Wall of Sounds - das erinnert stellenweise frappierend an Pain Of Salvations „Dryad Of The Woods“ vom Album „Remedy Lane“ (2002), ist jedoch weitaus weniger komplex, dafür aufgeräumter und pointierter. Ähnlich verhält es sich auch mit dem als erster Single veröffentlichten „Opale“, welches anscheinend mit jedem Hördurchgang wächst, und dem Titeltrack des Albums. Alcest vermeiden es, diese Songs verschachtelt zu präsentieren, und erreichen allein durch die Wiederholung des jeweiligen Hauptthemas ein stimmiges Ergebnis. Schlicht- und Klarheit machen „Shelter“ so auch für Menschen hörbar, die wenig mit experimenteller Musik anfangen können. Gleichermaßen möchte viel entdeckt und verstanden werden.

„Voix sereines“ bietet so etwas. Der durchwegs optimistischen Stimmung wird hier zum ersten und letzten Mal von harten Metal-Gitarren ein Kontrast gegeben, der dadurch besonders wirkungsvoll wird. Komplett anders ist „Away“. Die unaufgeregte Nummer bietet mit dem Gastbeitrag Neil Halsteads von Slowdive den einzigen Song, der auf Englisch eingesungen wurde und der mit seinem zurückhaltenden, oftmals nur angedeuteten Bombast eine Brücke zu den greifbareren Kompositionen von Talk Talks Post-Rock-Vorreiter „The Spirit Of Eden“ (1988) schlägt. Ähnliche, jedoch weitaus weniger beschwingte Post-Rock-Ausflüge, wagt man mit dem extrem melancholischen „L'éveil des muses“. Erinnerungen an Sigur Rós werden da unweigerlich wach. Dass deren Frontmann Jón Þór Birgisson für die Produktion von „Shelter“ zuständig gewesen ist, erweist sich als kluger und logischer Zug.

Mit dem abschließenden und bereits erwähnten „Délivrance“ endet die Reise und findet zweifelsohne ihren Höhepunkt. Neige und Winterhalter fassen hier zusammen, was Alcest ausmacht. Die mit gut zehn Minuten längste Komposition spielt mit allerlei Kontrasten: Melancholie, Fernweh und Sehnsucht stehen dem auf „Shelter“ durchweg gebotenen, äußerst hell leuchtenden Hoffnungsschimmer mehr denn je direkt gegenüber. Der verträumte Chor wirkt wie ein Befreiungsschlag - für den Song, für das Album und für die Band selbst. Was fortan von den Parisern kommen wird, muss sich unweigerlich damit messen lassen. Denn so großartig „Shelter“ und sein „Délivrance“ auch sein mögen, so sehr schmerzt die schleichende Vorahnung, dass Alcest hier ihren Zenit erreicht haben.

„Shelter“ wirkt wie das Ende einer langen musikalischen Reise, als ein Werk, auf das man von Anfang an hingearbeitet hat. Daher darf gut und gerne prognostiziert werden, dass „Shelter“ in seiner Finalität sowohl für Alcest als auch für deren Metal-Herkunft, einzigartig und nicht wiederholbar sein wird. Ob sie sich künftig wieder dem Black Metal zuwenden oder weiterhin auf ihre Schuhe starren werden, wird die Zeit zeigen - die aufrüttelnde Wirkung von „Shelter“ bleibt einzigartig und wird ein unumstößlicher Meilenstein in der Diskographie Alcests sein. Und da ist es beinahe egal, was die Band je gewesen ist oder noch sein wird: Dieses Album ist eine Ausnahmeerscheinung für die Metal-Szene im Speziellen und ein schlichtweg großartiges Werk im Allgemeinen. Und es ist eines dieser raren Werke, welches man nur ein einziges Mal schreiben wird.

Anspieltipps:

  • La nuit march avec moi
  • Voix sereines
  • L'éveil des muses
  • Shelter
  • Délivrance

Neue Kritiken im Genre „Art-Rock“
Diskutiere über „Alcest“
comments powered by Disqus