The Gaslight Anthem - The B-Sides - Cover
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The Gaslight Anthem The B-Sides


  • Label: SideOneDummy/CARGO
  • Laufzeit: 38 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Premiere: Fallons Vierer enttäuscht auf ganzer Linie.

Im Herbst 2007, Brian Fallon war gerade in der Blüte seiner 20er angekommen, stand seine junge Punkrock-Band vor ihrem Durchbruch. Gerade hatte sie „Sink Or Swim“ veröffentlicht, ein großartiges Debüt und der Anfang einer bis zum heutigen Tage durchaus beeindruckenden Diskographie, zu der mit „The 59’ Sound“, „American Slang“ und zuletzt „Handwritten“ (2012) noch drei hochwertige Alben hinzukamen. Eine wundervolle Band.

Wer derart reichlich hochwertiges Material in nur sechs Jahren anhäuft wie The Gaslight Anthem, darf sich autorisiert fühlen, auch mal auf dem sonst so fragwürdigen „B-Sides“-Markt aktiv zu werden, der normalerweise von Plattenfirmen missbraucht wird, um ihre jeweiligen Cash-Cows solange zu melken, bis die Beine nachgeben. Kurzum: Viele Bands nutzen ihren populären Status, um mit ihren „Outtakes“ das schnelle Geld zu machen. Nicht viele haben dabei Perlen auf Lager wie beispielsweise Porcupine Tree, die im Jahr 2010 das starke „Recordings“ veröffentlichten und damit gar manche ihrer eigenen offiziellen Studioalben in den Schatten stellten. Aber The Gaslight Anthem, ja, die haben sicher noch so viele tolle Songs in der Hinterhand, die werden schon nicht enttäuschen.

Pustekuchen. „The B-Sides“ präsentiert sich als weitestgehend liebloser Zusammenwurf von Akustikversionen bereits bekannter Songs, angereichert mit einigen „neuen“ Tracks, die der geneigte iTunes-Kunde aber zumeist bereits als Bonus-Dreingabe der entsprechenden Studioalben sein Eigen nennen darf.

Zu letzteren zählt etwa der Opener „She Loves You“, eigentlich der inoffizielle Schlusstrack von „American Slang“ und gleichzeitig einer der stärksten auf „The B-Sides“, der in dreieinhalb Minuten auf den Punkt bringt, was diese Band so einzigartig macht: Das markante Organ Brian Fallons und von Herzen kommende, aufrichtige Lyrics. „Juliet she’s smoking by the window/ saying stone cold/ I believe in you Romeo.“ Es ist diese fast schon kitschige Metaphorik, die aus The Gaslight Anthem eine Band macht, der man jeden Song, den sie im Schatten dieses riesigen Baumes namens Bruce Springsteen veröffentlicht, abnimmt.

Mit den Akustik-Versionen bekannter Titel schießt sich der Vierer aus New Brunswick dann jedoch gehörig selbst ins Knie. Das Problem ist offensichtlich: Durch die Auswahl der Tracks beweisen Fallon und Gefolge, dass sie sich beim Tracklisting nicht wirklich lange Gedanken gemacht haben. „The Queen of Lover Chelsea“ besticht im Original von 2010 durch den Stilbruch zu ansonsten eher schlichten und klassischen Rocktracks, „American Slang“ zündet als Opener der gleichnamigen LP ein Feuerwerk aus treibenden Drums und einem komplett entfesselten Brian Fallon. Nichts von alledem bleibt auf den extrem reduzierten und auch musikalisch eher wenig kreativen Varianten von „The B-Sides“ übrig. Am schlimmsten trifft es „The 59’ Sound“. Das Original begeistert in erster Linie durch die Atmosphäre: „Did you hear the 59´ Sound coming through Grandmama’s radio?/ Did you hear the rattling chains in the hospital walls?/ Did you hear the old gospel choir when they came to carry you over? Did you hear your favorite song one last time?“. Ja verdammt und ich will tanzen, mich vergessen und dann zufrieden und erschöpft abtreten. Und das war es auch, was uns die Band 2008 vermitteln wollte. Songs, gerade jenen von Bands wie The Gaslight Anthem, liegt eine Botschaft inne, die musikalisch und rhetorisch vermittelt werden soll. Nicht jeder Track funktioniert mit jeder musikalischen Interpretation. Wenn die Message leidet, leidet der ganze Song.

Fallons Band war sich nie zu schade für Verneigungen vor den eigenen Idolen. Ein Springsteen-Song fehlt auf „The B-Sides“, dafür werden mit „State of Love and Trust“ und „Tumbling Dice“ Klassiker von Pearl Jam und den Stones interpretiert. Beides gelingt weitestgehend, ein wirklicher Unterschied zum Original ist aber nicht auszumachen. Und so verhält es sich wie bei den meisten Cover-Versionen, die auf kreative Neuerungen verzichten: Ganz hübsch, aber irgendwie war das von Pearl Jam doch besser. Oder von den Stones. Oder wahrscheinlich auch von Springsteen.

Enttäuschung macht sich breit, kaum ein Track, der wirklich überzeugt, eine lustlose Playlist, dazu Verrat an den eigenen Songs. Und dann, wenn Brian Fallon, vermutlich mit glasigen Augen singend, mit „Once upon a time“ um die Ecke kommt, ist irgendwie doch wieder alles gut. „I was in love with you lady, but you treated me so cool/ I was drivin’ a Chevy 72, it had 4 on the floor, girl/ A hundred twenty, it would do.“ Dazu die Hommage an Helden wie Otis Redding, Elvis und sogar Martin Luther King: „Lord, he was the man, that gave us all a dream.“ Wie authentisch, wie intim, wie wunderschön. Was für eine wundervolle Band. Trotz allem.

Anspieltipps:

  • She loves you
  • Great Expectations (Acoustic)
  • Once upon a Time

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