David Crosby - CROZ - Cover
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David Crosby CROZ


  • Label: Rykodisc/WEA
  • Laufzeit: 47 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Kann der legendäre Westcoast-Musiker die in ihn gesetzten hohen Erwartungen erfüllen?

Er ist eine Ikone und hat eine enorm bewegte Vergangenheit mit extremen Höhen und Tiefen hinter sich. David Crosby wurde in der Folk-Szene von Los Angeles Anfang der 60er-Jahre bekannt. Als Mitglied der wegweisenden Folk-Rock-Band The Byrds und von Stills, Nash (& Young) erlangte er Weltruhm. Nebenbei avancierte er zum gefragten Komponisten und Produzenten für z.B. Joni Mitchell. Sein ausgeprägtes Ego, seine provokanten politischen Aussagen und vor allem sein außer Kontrolle geratener Drogenkonsum brachten ihn phasenweise ins Abseits. Er überwand alle Krisen und wandelte sich menschlich vom Saulus zum Paulus. Später verlor er seine Leber und fand seinen zur Adoption freigegebenen Sohn wieder, mit dem er die Band CPR gründete. Dann wurde er auch noch Leihvater des Kindes von Melissa Etheridge.

Künstlerisch ist er immer noch mit Stephen Stills und Graham Nash verbunden und aktiv. Und jetzt erscheint sein erstes Solo-Studio-Album seit „Thousand Roads“ von 1993, insgesamt erst sein viertes in der langen Karriere. Es ist eine altersweise und -milde Platte geworden. Zwar bleibt „If I Could Only Remember My Name“ von 1969 sein bedeutendstes Werk, er konnte aber aktuell eine schlüssige, ausgewogene Leistung abliefern. Und das, obwohl der 72-jährige Musiker gesundheitlich stark angeschlagen ist. Das wilde Rock`n`Roll-Leben hat seinen Tribut gefordert. Deshalb hat es auch zwei Jahre gedauert, bis die neuen Aufnahmen im Kasten waren. Man spürt hier, dass er seinen Frieden mit sich und seinem Leben gefunden hat, denn eine ausgeglichene, besonnene Stimmung bestimmt das gesamte Album. Die meisten Arbeiten hierfür wurden im Heimstudio seines Sohnes James Raymond geleistet, der auch die Produktion übernommen hat, alle Tasteninstrumente bedient und Co-Autor bei sieben Liedern ist. Man hatte ein enges Budget, deshalb wurde die Musik mit einem kleinen Ensemble eingespielt, was die Aufnahmen sehr ausgewogen erscheinen lässt.

Beim harmoniesüchtigen Opener „What`s Broken“ spielt der Gast Mark Knopfler eine einfühlsame, gleitende E-Gitarre und der Abschluss-Track „Find A Heart“ wird durch ein Sopran-Saxophon-Solo von Steve Tavlaglione in einen jazzigen Soft-Rock-Cross-Over-Beitrag fürs Feuilleton-Radio verwandelt. Dazwischen finden wir geschmeidige, psychedelisch oder jazzig angehauchte Stücke. Sie ähneln dem elegant-lässigen Fusionsstil, den Steely Dan angewendet haben, um Pop und Jazz zu verbinden. Außerdem gibt es einnehmende, skurril-verschnörkelte Balladen, wie sie nur David Crosby erschaffen kann.

An acht der elf Kompositionen ist David beteiligt. Seine herausragenden Qualitäten offenbart er auch im Arrangieren von harmonischen Gesangssätzen, die sich vortrefflich um die verschachtelten Melodiebögen schlängeln. Dabei ist sein Gesang nicht mehr besonders voluminös. Aber als Kenner der Wirkung von Schwingungen der menschlichen Stimme auf das Empfinden, macht er aus der Not eine Tugend. Er setzt sie so ein, dass man sofort Wohlbehagen verspürt, wenn sie erklingt. Als Hörer wird man zum konzentrierten Lauschen angeregt und taucht in eine austarierte Welt ein, die positiv anregt.

Mit diesem Ass im Ärmel sind einige hervorragende Songs gelungen. Zu den Highlights gehört neben „What`s Broken“ auch „Radio“. Beide haben einen angenehmen Flow, der sie zu den heimlichen Hits des Albums macht. Die reizvollen Refrains bohren sich angenehm in die Gehörgänge und setzen sich dort fest. „Holding On To Nothing“ lässt den speziellen Vibe von „If I Could Only Remember My Name“ auferstehen. Eine schwebende, feingliedrige, intime Melodie mit raffinierten Winkelzügen und Verästelungen durchzieht das Stück. Der Song wird außerdem durch ein Trompetensolo von Wynton Marsalis geadelt. „Slice Of Time“ unterstreicht besonders Crosbys verinnerlichte, melancholische Ader. Man lauscht dem magischen Harmoniegesang, staunt über die durchdachte Melodie und lässt sich von dem perfekt zugeschnittenen Instrumenten-Cocktail tief berühren. Aber auch die beiden etwas strammeren Nummern haben es in sich. „The Clearing“ wird behutsam aufgebaut und enthält verschrobene, Akzente setzende, funky Synthesizer-Verzierungen. Der Titel mündet in ein kurzes, energisches E-Gitarren-Solo und endet mit exquisiten, geschmackvollen Akustik-Gitarren-Klängen. „Set The Baggage Down“ ist ein starker Mid-Tempo-Song, der salopp rockt und vom Aufbau her auch gut auf ein Stills, Nash & Young-Album passen würde.

Unter den beschriebenen Rahmenbedingungen ist David Crosby ein schönes Album gelungen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen und verlässt sich bei seiner Arbeit auf das, was er am besten kann. Die Zeiten des Aufbruchs in unbekannte musikalische Gefilde sind wohl vorbei. Wäre er wagemutiger hinsichtlich des Absteckens neuer Ziele, hätte es wohl auch einen Produzenten vom Format eines Jonathan Wilson benötigt, um diese Aufgabe adäquat umzusetzen. So bleibt trotzdem eine Lieder-Sammlung im Ohr, die mit Herzblut eingespielt wurde und die gesteckten Erwartungen voll erfüllt.

Anspieltipps:

  • What's Broken
  • Holding On To Nothing
  • The Clearing
  • Radio
  • Slice Of Time
  • Set That Baggage Down

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