Ektomorf - Retribution - Cover
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Ektomorf Retribution


  • Label: AFM Records
  • Laufzeit: 45 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ektomorf bieten ihren Fans eine unausgewogene Mischung aus ungarischer Stangenware und richtigem Songwriting.

Die Zeiten, in denen ein paar aggressive Shouts und eine groovende Armada aus einem donnernden Schlagzeugrhythmus und vor Wut schnaubenden Gitarrensaiten ausreichte, um die Metal-Gemeinde in hellen Aufruhr zu versetzen, sind schon lange vorbei. Zu dieser Erkenntnis ist Zoltán Farkas (Gesang, Gitarre), Kopf und letztes verbleibendes Gründungsmitglied der ungarischen Hartwurst-Thrasher Ektomorf, gemeinsam mit seiner aktuellen Mannschaft (Tamas Schrottner (Gitarre), Szabolcs Murvai (Bass) und Robert Jaksa am Schlagzeug) zwar auch gekommen, die jüngsten Ideen, das starre Thrash/Groove-Gerüst aufzulockern, sind dabei jedoch allesamt kapital in die Hose gegangen. Schließlich reicht es nicht, einfach nur den Stecker zu ziehen („The Acoustic“ aus Februar 2012) oder ab und zu das metallische Äquivalent zu einem sanftmütigen Bon Jovi-Schmachtfetzen anzubieten („Black Flag“ aus August 2012).

Richtiges Songwriting und erfrischendes Material müssen her, damit der Karren aus der ungarischen Tiefebene gezogen werden kann und wieder den Anschluss an zeitgemäße Veröffentlichungen findet. Die Konkurrenz schläft ja bekanntlich auch nicht. „Retribution“, das neunte Langeisen der Truppe, zeigt nun endlich, wenn auch nur ansatzweise, den richtigen Veränderungswillen, größtenteils frei von Anbiederungen oder Experimenten. Selbstverständlich gelingt der Anschluss an das Qualitätsniveau eines „Outcast“ (10/2006) nicht von heute auf morgen und die Platte wird auch weiterhin von alteingesessenen Standards bevölkert („Escape“, „Who the fuck are you“, „I hate you“, „Watch me“, „Mass ignorance“), die auf einem Festival bei zwei Promille womöglich für die richtige Stimmung sorgen, zuhause im Wohnzimmer angesichts des altbackenen Aufbaus aber gerade einmal andächtiges Gähnen hervorrufen, allerdings haben Zoltán & Co. dieses Mal einige Schmankerl versteckt, die derartige Unzulänglichkeiten beinahe ausblenden lassen.

Dazu zählt ebenfalls der kraftstrotzende Auftakt-Dreier mit „You can´t control me“, „Ten plagues“ und „Face your fear“, der zwar keinen Deut von der herkömmlichen Ektomorf-Formel vergangener Veröffentlichungen abweicht, aber so kompakt und wuchtig eingedroschen wird, dass sich der Hörer nach diesen acht Minuten wie ein Stück Fleisch fühlt, das zu Wiener Schnitzel verarbeitet wird. Die wirklichen Überraschungen finden sich jedoch in „Lost and destroyed“ (feinfühlige Strophe trifft auf aufgekratzten Refrain), „Souls of fire“ (ein atmosphärisches Intro mündet in ein dichtes Inferno aus Melodie und unbarmherziger Moshpit-Attacke) und „Save me“ (unheimlich brodelnder Midtempo-Groover), wo die Ungarn endlich wieder zeigen können, dass sie auch packende Songs, abseits von zackigen Einzeilern und harschen, unreflektierten Haudrauf-Einlagen, schreiben können.

Weniger überzeugend gebärdet sich hingegen die Kollaboration mit Ill Nino-Sänger Christian Machado, der „Numb and sick“ komplett an sich reißt und somit schlicht und ergreifend Werbung in eigener Sache betreibt. Mit „Whisper“ haben sich Ektomorf ebenfalls keinen großen Gefallen getan. Die Nummer geht nämlich, abgesehen von einer saftigen Riff-Dröhnung, nicht nur aufgrund des Rückfalls in alte Hassmuster baden, sondern bereitet auch durch die völlig zusammenhanglose, zweiminütige Jamsession am Schluss Kopfschütteln. Und was sich Zoltán abseits der vielfältigen Vermarktungsmöglichkeiten bei der zugegeben ganz netten, aber vollkommen uninspirierten Lagerfeuerballade „Collapsed bridge“ gedacht hat, bleibt sowieso ein Rätsel.

Unterm Strich ist „Retribution“ also eine Mischung aus wankelmütigem Neuanfang und mal sinnvoller, mal weniger aufregender Rückbesinnung auf die Zeit, als ein paar aggressive Shouts und eine groovende Armada aus einem donnerndem Schlagzeugrhythmus und vor Wut schnaubenden Gitarrensaiten noch ausreichte, um die Metal-Gemeinde in helle Aufruhr zu versetzen. Wenn Ektomorf es beim nächsten Output schaffen, durchgehend qualitatives Songwriting anzubieten und widerwärtigen Ballast abzuwerfen, könnte das ungarische Metal-Flaggschiff vielleicht wieder mit erhobenem Haupt internationale Gewässer befahren. Bis dahin ist jedenfalls Skepsis angesagt.

Anspieltipps:

  • Save Me
  • Souls Of Fire
  • Face Your Fear
  • Lost And Destroyed

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