Freedom Call - Beyond - Cover
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Freedom Call Beyond


  • Label: Steamhammer/SPV
  • Laufzeit: 60 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
8.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Keine aufgezwungene Selbstironie, keine unnötigen Experimente; die Happy-Metal-Koryphäe findet nach Jahren endlich zu alter Stärke zurück.

„Helloween sind schon seit Dekaden nur noch ein Schatten ihrer selbst und Gamma Ray kommen auch nicht mehr so richtig aus den Pötten. Also liegt es an Freedom Call, den Karren aus dem Dreck zu ziehen“, heißt es in einem Statement aus dem EMP-Katalog des Frühjahres 2014, welches im Pressetext zum neuen Album „Beyond“ zitiert wird. Dabei sind Gamma Ray doch eigentlich immer noch sehr vital, Helloween sowieso, Größen wie Edguy steuern ihren eigenen Teil hinzu, die Helden aus der zweiten Liga (Mob Rules) sind hungrig wie eh und je, junge Wilde wie Orden Ogan werden die Zukunft sichern. Alles tutti im teutonischen Power-Metal-Stall also. Freedom Call müssen da nichts richten. Wahrscheinlich können und wollen sie es auch gar nicht. Die Band tut in ihrem 16. Jahr einfach (endlich wieder) das, was sie am besten kann: Freedom Call sein.

Und an dieser Stelle ertönen dann die Unkenrufe: „Bäääh, gar net Mettl. Gar net hart. Viel zu fröhlich.“ Sei's drum! Die Meinung sei den Gegnern der Band genau so gegönnt wie deren treuen Fans. An die ist „Beyond“ immerhin gerichtet und die wissen auch, was sie an ihren Lieblingen haben. Große Experimente versuchen die Nürnberger auf ihrem achten Album nicht. Dafür bewegen sie sich wieder ein wenig zurück zu glorreichen Tagen, was an und für sich das Beste ist, was sie haben machen können. Immerhin zählen „Crystal Empire“ (2001), „Stairway To Fairyland“ (1999) und der bandeigene Klassiker sowie Zenit „Eternity“ (2002) zu den stärksten Alben der deutschen Power-Zunft. An die mag „Beyond“ zwar nicht ganz heran reichen, doch dafür machen es Chris Bay und seine Mannen nach den eher mäßigen „The Circle Of Life“ (2005), den außerordentlich schwachen „Dimensions“ (2007) und „Legend Of The Shadowking“ (2010) sowie dem in Ansätzen wieder ganz ordentlichen „Land Of The Crimson Dawn“ (2012) endlich wieder richtig gut.

Das zeigt sich ganz besonders im opulenten, sorgfältig komponierten Titel- und Longtrack (immerhin acht Minuten), welcher sich nicht hinter einem „The Quest“ („Crystal Empire“) verstecken muss. Fans, welche nach einem Album wie „Eternity“ eine Schippe drauf haben wollten, kriegen hier ihr lang erwartetes Highlight auf die Ohren. Selbst das von den ersten Werken bekannte „Eyes Of The World“-Konzept wird aufgegriffen. Freedom Call betreiben Fanservice und der funktioniert prima. Ansonsten finden sich unter den weiteren 13 Tracks einige echte Schmankerl, welche die Band von ihrer besten Seite zeigen. Da wären zum Beispiel die Ohrwürmer „Come On Home“ und „Follow Your Heart“, welche definitiv die absolute Quintessenz in Sachen Happy Metal sind. Die Fanfaren brennen sich in die Gehörgänge, die Backgroundchöre schnurren wie Kater, der Hörer schwingt das Tanzbein - wer hier keinen Spaß hat, wird nie etwas mit Freedom Call anfangen können und soll lieber gleich einpacken. Besser haben sie es tatsächlich noch nie gemacht!

Ähnlich sind das dramatische „Paladin“, die schmissigen Gute-Laune-Rocker „Edge Of The Ocean“, „Beyond Eternity“ („sing ho, sing hey“ - ein potentieller Live-Hit) oder der synthieschwangere 80's-Stadionrocker „In The Rhythm Of Light“, der das Fröhlichkeitsbarometer locker zum Platzen bringt. Wirkliche Geschmackssache ist schließlich „Dance Off The Devil“, ein Stampfer mit Eiern, der afrikanische Folklore mit Metal verbinden will und anhand eines geheimnisvoll gehauchtem „in Africa, in Africa“ ein wenig über das Ziel hinaus schießt. „Journey Into Wonderland“ klingt dagegen wieder konventioneller. Hier liefern Freedom Call ihre gefühlte Fußball-Hymne ab. Wenn der FC Elfenwald gegen den Ballspielverein Zwergenhöhle spielt, werden die Fans nicht „You'll Never Walk Alone“, sondern einzig und allein diesen Song singen - und zwar im ganzen Stadion!

Für Gegner der Gruppe ist dann eben jener Song ins Feuer gekipptes Öl. Die wird man dann auch nicht mehr mit relativ kernigem Power Metal der Marke „Heart Of A Warrior“ überzeugen können. Dem großen Hörgenuss schaden leider einige unspektakuläre Nummern. „Union Of The Strong“, „Knights Of Taragon“ und die ultra-poppige Halb-Ballade „Colours Of Freedom“ können das Niveau der mitunter grandiosen Kompositionen nicht halten und ziehen somit das gesamte Album herunter. Das ist schade, denn ohne den einen oder anderen Filler wäre „Beyond“ ein später Klassiker der Band geworden. Somit reicht es leider „nur“ für ein gutes Album. Fans dürfen trotzdem außer sich vor Freude sein, wenn ihre Helden wieder aufspielen. Und der Metaler, der lange Zeit einfach nichts mehr von den Bayern erwartet hat, bekommt hier das beste Album seit „Eternity“. Dafür mussten Freedom Call nicht gezwungen anders oder selbstironisch sein, sondern sich lediglich auf ihre Stärken besinnen. Es war wohl gar nicht so schwer.

Anspieltipps:

  • Come On Home
  • Beyond
  • Edge Of The Ocean
  • Paladin
  • Follow Your Heart
  • Beyond Eternity

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