Luxuslärm - Alles Was Du Willst - Cover
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Luxuslärm Alles Was Du Willst


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 71 Minuten
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3.5/10 Unsere Wertung Legende
4.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Silbermondlandung ist nicht nachgestellt, sondern bittere, unheilige Realität.

Es gab mal eine Zeit, in der man von Luxuslärm noch richtig viel erwarten konnte. Ihr Debüt „1000 km bis zum Meer“ (2008) war zwar sicherlich nicht ein Klassiker des deutschsprachigen Pop-Rocks, doch machte es genug richtig, um nicht als Plagiat von Bands wie Silbermond oder Christina Stürmer unterzugehen. Es ist zudem erstaunlich, wie sehr sich Jini Meyer und ihre Jungs (die mittlerweile beinahe komplett ausgetauscht wurden) den Erfolg erarbeiten konnten, wie viel Spielfreude sie live zeigten und wie nahe sie an den Fans waren. Das war 2008 - wie schnell die Zeit doch vergeht. Eine Zeit, in der Luxuslärm weiterhin fleißig waren, tourten und veröffentlichten. Selbst Auftritte bei GZSZ oder Anna und die Liebe will man ihnen doch verzeihen, hält man sich vor Augen, dass selbst der einst so coole Olli Schulz Blut geleckt hat und gar nicht so „real“ ist, wie wir ihn uns doch immer schön phantasiert haben.

Kaum zu glauben, dass bei so viel Umtriebigkeit die Geschichte Luxuslärms eine doch ziemlich langweilige geworden ist. „So laut ich kann“ (2010) war schon ein ganzes Stück unspektakulärer und glatter als der Erstling, das folgende „Carousel“ (2011) knüpfte am Trend an. Die Iserlohner waren und sind dabei gar nicht mal so sehr vom eigentlichen Kurs abgekommen, sondern haben einfach nur ihr Konzept deutlich entschlackt. Stagnation ist hier der künstlerische Selbstmord und ein Lebenshauch in den Radiowellen der musikalischen Unmündigkeit, auch wenn es die Band selbst doch gar nicht so schlecht meint. Aus einer glaubhaften jungen Gruppe wurde schließlich der typische Durchhalteparolenschwinger, der auf textlicher Ebene von genau denen als tiefgründig gesehen wird, die entweder die Söhne Mannheims als intellektuell empfinden, den Grafen von Unheilig für poetisch halten oder die sich freiwillig Kapriolen wie „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume“ und „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ mit selbsthaftenden Plastikbuchstaben an die Wohnzimmerwand kleben. Solche Leute fanden den Dumpfbacken-Reggeaton von Culcha Candela als Feature auf „Carousel“ wahrscheinlich sogar gut. Glücklicherweise verschonen uns Luxuslärm diesmal damit, denn das ist sicherlich nicht „alles was wir wollen“.

Doch was genau wollen wir eigentlich? Luxuslärm wissen es! Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier und hat Angst vor Veränderungen. Die Band liefert auf ihrem vierten Longplayer all das, was sie auch schon in der Vergangenheit geboten hat. Es hat ja auch Erfolg gebracht und weil die Luxuslärmer ja eigentlich sehr nette Menschen sind, möchte man ihnen auch nicht wirklich böse sein. Dadurch wird „Alles was du willst“ aber auch nicht gleich zu einem guten Album. Es ist vielmehr ein weiterer Beweis dafür, wie sehr eine Band auf der Stelle treten kann, wie aus einem ehemaligen Hoffnungsträger ein langweiliger, belangloser Act wird, der sein Publikum längst um RTL2- und Seifenoper-Konsumenten erweiterte. Das zeigt sich dann sowohl musikalisch als auch lyrisch - im Vergleich zu den zwei Vorgängern hat so ziemlich gar keine Entwicklung stattgefunden. Somit ist „Alles was du willst“ ein Album von der Stange. Da sind unbeschwerte Rocker („Gib' mir einen Grund zu bleiben“, „Yeah, Yeah, Yeah (So könnte es immer sein)“), relativ zünftiger Knödelrock, der an das starke Debütalbum erinnert, aber an dieses kaum anzuknüpfen weiß („Verschenkt“, „Regen, der nach oben fällt“, „Das letzte Mal“) sowie harmloser Pop wie die Single „Einmal im Leben“, welche sich von einem „Vergessen zu vergessen“ oder „Atemlos“ nur marginal unterscheidet. Ein atmosphärisch dichtes Nümmerchen der Marke „Thelma & Louise“ bleibt leider die absolute Ausnahme. Dann wollen besonders die rockigeren Stücke durch eine krachige Produktion profitieren, was den Gesang von Frontfrau Jini aber unweigerlich untergehen lässt. Das Ergebnis wirkt unsauber. Den nicht zu unterschätzenden ruhigen Teil des Albums in Form der lieblichen Pianoballade „..., dass du bleibst“ oder „Nach einer wahren Geschichte“ meistert sie dann aber auch weitaus weniger souverän als in der Vergangenheit.

Auch in Sachen Lyrics darf man keine Höhenflüge erwarten. Keiner erwartet hohe Poesie, eine überschäumende Freude an der deutschen Sprache oder gar kryptischen Schmonsens - warum auch? Einfache Texte, die jeder versteht und in denen man sich auch wiederfindet, sind nichts Verkehrtes. Allzu banale Romantik wie „niemand kann uns erreichen, unsere Träume stehlen, wir beide gegen den Rest“ („Nach einer wahren Geschichte“), berufsjugendliche/unglaubwürdige Rotzigkeit („Ich muss einfach nur 'n bisschen, ich muss einfach nur ma' wieder ey so megamäßig durchdreh'n“ aus „Durchdrehen“) oder lyrisches Mutantrinken für unverstandene Silbermondsüchtige („Immer wenn du an mich glaubst und immer wenn du mir vertraust, dann hältst du die Zeit an“ aus „Du hältst die Zeit an“) hätten sich Luxuslärm aber sparen können. Klar, mittlerweile war damit fast zu rechnen, da es sich über die Jahre immer mehr herauskristallisierte. Cleverer haben es die Iserlohner aber ohne Frage auch schon hingekriegt. Mittlerweile sind die Ausrutscher von damals zur festen Regel geworden. Pur, mit denen Luxuslärm übrigens auch schon tourten, lassen grüßen. Diese besitzen in der Hinsicht aber auch irgendwie Narrenfreiheit, während Luxuslärm dann doch nur eine von vielen sich gleich anhörenden Bands ist, die sich streng dem Kalkül unterordnen muss, um nicht unnötig anzuecken.

Wirklich grottig ist „Alles was du willst“ nicht. Das Problem ist die abermalige Mittelmäßigkeit eines Sounds, der bereits in die Mittelmäßigkeit gerutscht ist. Und dann sind da die Innovationsarmut und der Hintergrund, dass es die Band ja eigentlich besser könnte, aber mit dem Majordeal in der Tasche keine großen Experimente eingehen will. Luxuslärm verfolgen weniger ihren Stil - sie käuen ihn wieder. Fans werden sich auch mit dem vierten Studioalbum arrangieren können. Sie kriegen eben das geboten, was sie schon kennen und mögen. Wie lange das gut gehen wird, ist dagegen eine andere Sache. Da werden die Medien noch ein Wörtchen mitzureden haben. Geklappt hat es in der Vergangenheit ja schon oft. Es ist aber auch zu Recht schon nach hinten los gegangen. Imaginäre Stimmen zu „Alles was du willst“ gefällig? „Verräter“ schreien Menschen, die zu Zeiten von „1000 km bis zum Meer“ ernsthafte Erwartungen an Luxuslärm hatten. „Erfolgreiche, ernstzunehmende Künstler“ ist das Lob der Industrie. „Völlig egal“ wird aus der Ecke der Leute kommen, die sich gar nicht erst um Sachen kümmern, die unnötig gehyped werden. Und wie so oft ist die goldene Mitte wohl der einzig vernünftige Weg.

Anspieltipps:

  • Verschenkt
  • Regen, der nach oben fällt
  • Thelma & Louise

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