Behemoth - The Satanist - Cover
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Behemoth The Satanist


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Behemoth hauchen mit einem waghalsigen Drahtseilakt aus Alt und Neu ihrem bisherigen Werk neues Leben ein.

Niemand bei vollem Verstand wird das Oeuvre der polnischen Extreme Metal-Pioniere Behemoth als überflüssig oder gar überbewertet erachten, selbst wenn es auf den letzten Veröffentlichungen „The Apostasy“ (07/2007) und „Evangelion“ (08/2009) schlicht und ergreifend darum ging, Nergal (Gesang, Gitarre), Seth (Gitarre), Orion (Bass) und Inferno (Schlagzeug, Perkussion) als auf den Punkt spielende, kompromisslose Todesblei-Kapelle zu installieren, die ihre Wurzeln eigentlich im rohen Black Metal besitzt. Schließlich haben Fans und Kritiker gleichermaßen diesen Stilwandel, der zwischen „Thelema.6“ (11/2000) und „Zos Kia Kultus (Here And Beyond)“ (10/2002) vollzogen wurde, noch immer nicht ganz verkraftet, obwohl die vier Polen nun schon seit geraumer Zeit handwerklich perfekt und mit voller Hingabe ihren Kurswechsel verteidigen. Der erste Vorgeschmack auf den neuesten Longplayer, der unmissverständlich „The Satanist“ betitelt wurde, traf in Form der EP „Blow Your Trumpets Gabriel“ (12/2013) ein und sorgte, neben einer fabelhaft-schwarzmetallischen Einleitung durch den ansonsten Death Metal-lastigen Titeltrack und den namensgebenden Trompeten im Finale der Nummer, für minutenlange Gänsehaut.

Auf dem nun vorliegenden, zehnten Machwerk des Vierers stößt Erzengel Gabriel erneut die Tore zur Hölle auf und bildet somit den roten Teppich für eine Platte, die vielleicht nicht alle Behemoth-Anhänger erwartet haben, die aber zumindest durch frische Ideen und einen unverbrauchten Blick auf die gesamte Genre-Debatte ordentlich Öl ins Feuer gießt, denn die Grenzen nach dem pfeilschnellen Black-Metal-Bastard „Furor divinus“ verschwimmen zusehends, sodass man sich nach dem Genuss der vollen Dreiviertelstunde von „The Satanist“ besser die Frage stellen sollte, ob eine Klassifizierung bei dieser Band überhaupt noch einen Sinn ergibt und man nicht lieber einfach nur die größtenteils meisterhaften Kompositionen auf sich wirken lassen sollte, ohne die zugrunde liegende Stilrichtung schon im Vorhinein zu verteufeln oder abzufeiern. Nergal & Co. stampfen diese Lagerdebatte nämlich ein für alle Mal in den Boden und legen mit Album Nummer zehn eine durch und durch atmosphärische, in sich durchdachte und fabelhaft inszenierte Extreme-Metal-Platte vor, deren Korpus Elemente aus Black und Death Metal nahtlos in sich zu vereinen vermag.

In diesem Sinne ist es nämlich herzlich egal, ob das düster-voranpreschende „Messe noire“ mit seinen wild um sich schlagenden Highspeed-Einschüben, der knackig und kurzweilig eingeprügelte Bolzen „Ora pro nobis Lucifer“, das mitten durch den Fleischwolf auf der Raubsau reitende „Amen“ oder das rhythmisch-versierte „Ben sahar“ dem einen oder dem anderen Lager angehört, denn ordentlich Bock auf eine livehaftige Darbietung dieser Stücke machen die Kompositionen allemal. Besonders der Titeltrack schöpft aus dem Vollen und setzt mehr auf Aufbau und Stimmung, denn auf schiere Wut und Aggression, schließlich wird diese bereits durch Nergals Organ perfekt abgebildet und sorgt auch im Abschluss „O father o satan o sun!“ für eine unwiderstehliche Mischung aus der bekannten Behemoth-Magie aus erschütternden Drums, einschneidenden Gitarrenriffs und einer mystischen Aura, die hier von einer sphärisch-dunklen Synthie-Schleife ausgeht. Lediglich bei „In the absence ov light“ sind die vier Herrschaften über das Ziel hinausgeschossen und mixen infernale Zustände mit einem in polnisch gehaltenen Spoken Word-Beitrag, der zu guter Letzt in den Boden gerammt wird, ehe geschickt, aber extrem unpassend die Melodie von „My Sharona“ von The Knack als Schlagzeugsolo herhalten muss. Sorry, Jungs, aber das ist auf der gleichen Stufe wie das heillose Durcheinander namens „Lucifer“ auf „Evangelion“.

„Wer den Titel hört, mag denken, dass es ein sehr primitives und eindimensionales Album ist, wer jedoch hinter diese Eindimensionalität schaut, findet etwas Komplexes und Multidimensionales und das trifft auf alles an dieser Platte zu“, berichtet Nergal, der im August 2010 schwer an Leukämie erkrankt ist und erst nach einer anonymen Stammzellenspende ins Leben zurück gefunden hat. Angesichts des großartigen Spannungsbogens und der faszinierenden Verschmelzung von Black und Death Metal auf „The Satanist“ ist es umso erfreulicher, dass Adam Michal Darski den Kampf gegen den Krebs gewonnen hat und uns weiterhin mit seiner Person und seiner musikalischen Weitsicht beehrt. Willkommen zurück, Nergal und Behemoth!

Anspieltipps:

  • The Satanist
  • Messe Noire
  • O Father O Satan O Sun!
  • Blow Your Trumpets Gabriel

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