Roger Cicero - Was Immer Auch Kommt - Cover
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Roger Cicero Was Immer Auch Kommt


  • Label: Starwatch/WEA
  • Laufzeit: 48 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Runderneuerter Sound des Swing-Charmeurs nach drei Jahren Veröffentlichungs-Pause.

Wer Roger Ciceros schonungslos offenes Buch „Weggefährten“ gelesen hat, der weiß, dass viel mehr in ihm steckt, als der smarte Entertainer, der häufig in seinen Liedern Lebensberatung anbietet und musikalisch zwischen Jazz und Pop pendelt. Der ausgebildete Jazz-Sänger mit der angenehmen, geschmeidig warm fließenden Stimme schreibt in seiner Abhandlung nicht nur über die persönliche problematische Reifung, sondern reflektiert auch über musikalische Helden. Mit seinen Vorbildern im Rücken und seinem Vater, dem virtuosen Jazz-Pianisten Eugen Cicero vor der Brust, hat er es zu einem vielbeachteten Vorsinger einer Swing-Big-Band gebracht. Sein neues, fünftes Album entstand nach einer dreijährigen kreativen Veröffentlichungs-Pause, die ihm nicht nur reduziertere Klänge näher brachte, sondern in der es auch im Privaten zu einschneidenden Änderungen kam. Dies äußert sich offenkundig in seinen aktuellen Einspielungen.

Mit seinem beschwingten oder auch nachdenklichen Big-Band-Pop hat Roger Cicero auf dem deutschsprachigen Markt so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Er vertont seine Lieder mit einer milden, volltönenden Stimme und bringt die Emotionen dabei so präzise auf den Punkt, wie es auch Frank Sinatra getan hat. Dass auch Tiefgang und Überzeugungskraft zu seinem Repertoire gehören, hat er immer wieder bewiesen. Nicht nur in seiner Paradenummer „In diesem Moment“, sondern zum Beispiel auch bei seiner Zusammenarbeit mit dem Julia Hülsmann Jazz-Trio („Good Morning Midnight“ von 2006). Hier coverte er übrigens ganz speziell „Riverman“ von Nick Drake.

Wenn man sein Buch gelesen hat, weiß man auch, dass der Mann nicht nur ein leidenschaftlicher Musiker ist, sondern auch ein guter Analytiker mit einer musikalischen Vision. Er schätzt unter anderem Stevie Wonder, Prince, James Taylor, Nick Drake und Rio Reiser. Dessen „Straße“ interpretiert er hier in einem Jazz-Arrangement neu. Versucht man allerdings, Rückschlüsse von seinen Vorlieben auf die Umsetzung der eigenen Musik zu ziehen, dann fragt man sich, ob er bisher seine Vorstellungen und Möglichkeiten schon voll ausgeschöpft hat, oder ob er hauptsächlich die Musik gemacht hat, die von ihm erwartet wurde.

Jedenfalls schafft Roger Cicero es, seiner neuesten Kreation einen ausgeglichenen Charakter zu verleihen. Die Songs sind rund und sauber produziert, ohne zu poliert zu wirken. Der Sound ist merklich reduzierter als vieles auf seinen vorherigen Alben. Tasten- und Saiteninstrumente verdrängen die Dominanz der Bläser. Die Swing-Komponenten wurden zurückgenommen und es gibt einen Wechsel in Richtung Singer/Songwriter-Pop. Nicht nur die Piano-Einlagen erinnern manchmal an den ausgewogenen, zurückgenommenen, sympathischen Pop-Jazz von Norah Jones.

Die Inhalte drehen sich um die Vermittlung von Tipps zur Lebenshilfe und bieten griffige Alltags-Philosophie. Natürlich geht es auch um Liebesdinge und bei seinen intensivsten Stücken auch um die großen Fragen des Lebens. Vermehrt werden auch persönliche Erlebnisse verarbeitet, wie Trennung und die schwere Erkrankung eines Freundes. Es gibt keine Füller bei der neuen Kollektion, jedoch einige Lieder, die besonders aufhorchen lassen. Das eröffnende „Was immer auch kommt“ swingt locker und wird wortgewandt und defensiv von einem beseelten Refrain begleitet. Die erste Single-Auskopplung „Wenn es morgen schon zu Ende wär'“ ist eine klassische, erbauliche, radiotaugliche, soulige Power-Pop-Nummer. Sie ist ein Plädoyer dafür, bewusst zu leben und vermittelt die Botschaft, dass Sicherheit im Leben eine Illusion ist.

Bei „Wenn du die Wahl hast“ spielt Roger Cicero gekonnt mit cleveren Tempo- und Stimmungswechseln. „Endlich wieder frei“ ist eine jazzige Mitternachts-Ballade mit betörendem Trompeten-Solo. Singer-Songwriter-Stoff mit Beatles-Referenzen kann man bei „Durch deine Augen“ genießen. Durch den Hintergrund-Chor schimmert hier sogar die Soft-Rock-Eleganz der Eagles. Das nachdenklich-hymnische „Hollywood“ wird durch attraktive, füllende Bläsersätze und eine ab und zu fauchende Hammond-Orgel durchzogen. „Knapp daneben“ ist ein anschmeichelnder Mid-Tempo-Song mit locker trabendem Rhythmus und geschmackvollen Piano- und Bläser-Einschüben.

Die Aufnahmen bieten durchweg gute Unterhaltungsmusik. Sie sind trotz ihrer Leichtigkeit frei von Kitsch und Schmalz. Die gefühlsecht dargebotenen Texte sind tröstlich, geben Denkanstöße und skizzieren nachvollziehbar Lebenssituationen. Der Eurovision Song Contest-Teilnehmer von 2007 singt charaktervoll, elegant, betörend und so leidenschaftlich wie eh und je. Er liefert insgesamt die konstanteste Leistung seiner bisherigen Karriere ab. Es hat den Anschein, dass Roger Cicero jetzt endgültig zu sich gefunden hat, seine individuelle Nische voll und ganz ausfüllt und sich dabei hörbar wohl fühlt.

Anspieltipps:

  • Was immer auch kommt
  • Wenn es morgen schon zu Ende wär'
  • Wenn du die Wahl hast
  • Endlich wieder frei
  • Durch deine Augen
  • Hollywood
  • Knapp daneben

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