Anette Olzon - Shine - Cover
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Anette Olzon Shine


  • Label: Edel Records
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Große Stimme, große Melodien, große Emanzipation – dieses Solowerk erweist sich als absoluter Glücksgriff.

Wer hat eigentlich auch so sehr Angst um die gute Floor Jansen? Nachdem Tarja Turunen und auch Anette Olzon von Nightwish raus geekelt wurden, wird die traurige Wahrheit wohl sein, dass es auch Jansen nicht anders ergehen wird. Aber oft ist es im Leben so, dass man aus jedem schlechten Erlebnis auch etwas Gutes ziehen kann. Im Falle von Anette Olzon, welche den Nightwish-Alben „Dark Passion Play“ (2007) und „Imaginaerum“ (2011) ihre Stimme lieh und sicherlich auch den gesamten Sound der Finnen prägte, kann man voll und ganz davon sprechen, dass ihr die Emanzipation von der Holopainen-Gruppe gelungen ist. Dabei denkt die liebe Anette gar nicht erst daran, den über die Jahre zusammengestellten Fankreis mit einer billigen Kopie ihrer letzten Band abzuholen, sondern geht den komplett anderen Weg und entfernt sich sogar vom Metal-Genre. Und das steht ihr verdammt gut.

Damit beweist sie ihr Wissen darum, dass Tuomas „McDuck“ Holopainen ein Genie ist, er immer schon den Strippenzieher von Nightwish darstellte und der Sängerposten eben ein solcher war, ist und sein wird - und nicht mehr. Damit erscheinen die Solopfade einer Tarja Turunen - ironischerweise nun eine Labelkollegin Anettes - so lange peinlich, bis ein „Colours In The Dark“ (2013) und der eingeplante Genre-Wechsel deutliche Grenzen aufzeigt. Anette Olzon verstellt sich glücklicherweise nicht und macht von Anfang an reinen Tisch. Die Opulenz und eine hervorragende Produktion hat sie sich von ihrer ex-Band abgeguckt, während der Sound selbst davon zeugt, worauf die Schwedin am meisten Lust hat, was zu ihr passt und was sie mit einem guten Gewissen unter ihrem Namen veröffentlichen kann und will. Oder mit anderen Worten: „Shine“ ist nicht das Album einer ehemaligen Nightwish-Sängerin, „Shine“ ist das Werk einer Solokünstlerin.

Wer Olzons alte Band Alyson Avenue kennt, wird sogleich Ähnlichkeiten sehen. Das Solodebüt „Shine“ ist zeitgemäßer Pop, voll und ganz auf die Stimme seiner Protagonistin ausgelegt, über weite Strecke ruhig oder balladesk, dann aber umso kraftvoller und in seltenen Momenten auch experimentell genug, um sich von glattgebügelten Kalkül-Interpreten abzusetzen. So gibt es direkt zu Anfang eine Hommage an die junge, spitzbübische Kate Bush - das von sphärischen Keyboards und Marschtrommeln getragene „Floating“ verneigt sich deutlich vor „Army Dreamers“ („Never For Ever“, 1980). Rockig hingegen wird es in „Hear Me“, „Moving Away“, im flotten Titelsong und den im Vorfeld veröffentlichten Tracks „Falling“ und „Lies“. Hier lässt sich noch am ehesten die Nähe zu Nightwish hören, auch wenn Anette weitaus straighter zur Sache geht und direkt zum Punkt kommt.

Richtig auftrumpfen kann die Sängerin, wenn sie ihre facettenreiche Stimme zu Schau stellt und zeigt, wozu sie in der Lage ist. „One Million Faces” und das verträumte „Invincible” sind dafür gute Beispiele. Mit Kraft und Zerbrechlichkeit geht Anette Olzon spielerisch um und liefert durchgängig eine Performance ab, welche sich als eine weitere Steigerung nach „Imaginaerum“ entpuppt. Leider ist die Gesamtspielzeit von 38 Minuten nicht gerade üppig. Auch wenn sich kein einziger schwacher Song auf dem Album finden lassen will, hätte man von einer Platte, an der seit dem Jahre 2009 gearbeitet wurde, mehr erwartet. Ein Abzug in der B-Note ist somit trotz der hohen Qualität unvermeidbar. Dennoch sollten sich die Fans Anette Olzons dieses Album keinesfalls entgehen lassen. Und auch der eine oder andere Neuzugang einer anderen Zielgruppe sollte ebenfalls eine überaus schöne Entdeckung machen. Vielleicht wird es dennoch einige Unkenrufe aus dem Metal-Lager geben: Ausverkauf, Kommerz, Abkehr von der Musik, die Anette erst richtig groß gemacht hat. Anette Olzons Gegenargument ist, dass gerade der Sound, welcher sich von Nightwish entfernt, das ehrlichste ist, was sie hätte machen können. Und damit hat sie im direkten Vergleich mit Tarja zumindest in dieser Hinsicht die Nase vorn.

Anspieltipps:

  • Floating
  • Lies
  • Hear Me
  • Moving Away
  • One Million Faces

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