Temples - Sun Structures - Cover
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Temples Sun Structures


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 53 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein wundervolles, federleichtes Debüt.

Wem die Beatles auf LSD die liebsten Beatles waren, hingehört. Die frischen Debütanten Temples berauschen mit einem Psychedelic-Acid-Rock-Verschnitt, der wie ein zu langer Blick in ein Kaleidoskop voller warmer Spektralfarben wirkt.

Neulich stieß ich auf einen User-Kommentar, man brauche sich Temples nicht anhören, weil sie ein reiner Rip-off Tame Impalas wären. Das schrie geradezu nach dem Folgekommentar, ja, klar, als ob Tame Impala psychedelische Musik erfunden hätten. Wie wäre es, wenn wir die Sache mit der Retromanie, jenem konstantesten Vorwurf an das Heutzutage im Pop, mal anders betrachten? Irgendwie langfristiger, von weiter weg.

Wie wäre es mit einer These, die sagt, dass Psychedelic Rock nie verschwunden war, dass Garagen Rock nie aus der Versenkung von den Strokes und White Stripes gerettet werden musste, dass Sixties-Soul nicht von Amy Winehouse wiederentdeckt wurde, sondern in subkulturellen Nischen die ganze Zeit gehegt und gepflegt wurde, dass es zwischen Nancy Sinatra und Lana Del Rey jede Menge anderen schwermütigen Diven-Pop gab? Nur weil mal Limp Bizkit eine ganz große Nummer waren? Nur weil wir ein dezimales Zahlensystem haben, muss jede Dekade für sich als abgeschlossene Einheit stehen? Vielleicht schwankt, wechselt, fluktuiert ein öffentlicher Fokus einfach permanent und Blues-, Garagen-, Psychedelic-Rock oder -Soul haben nie aufgehört, elementarer Teil des Pop zu sein? Vielleicht lag man einfach falsch, als man meinte, erst Rap, dann Electro würden für immer die Konsumwelt beherrschen?

Dann jedenfalls könnte es ganz organisch klingen, zu schildern, dass diese Jungspunde aus dem ländlichen Herzen Englands Apologeten eines Sounds aus den Sechzigern sind, wie ihn The Byrds, T.Rex und phasenweise The Beatles damals entstehen ließen: wunderschön träumerische, schwelgerische und belebende Popmelodien, verstärkt mit unaufdringlichen Gitarren-Riffs, die schwindelig, benommen, bedröhnt machen. Und genau das machen Temples in einer derart britischen Leichtigkeit, die staunen lässt.

Was das auf diesem Debüt zum Teil für großartige Songs mit sofort in den Bann ziehenden Refrainläufen sind: „The Golden Throne“, „Shelter Song“, „The Guesser“, „Keep In The Dark“. Es ist nicht neu, okay, aber es ist aus einer neueren Zeit: Mit den Mitteln eines Musikstudios des 21. Jahrhunderts aufgenommen, klingen die Songs dieser Band um das Kreativduo James Bagshaw und Thomas Warmsley dann doch um einiges anders als eine alte Byrds-Scheibe.

Zugespitzter: Wem es nicht passt, dass diese Jünglinge Led-Zeppelin-Gedenkfrisuren und Smartphones in der Skinny-Jeans tragen, dem ist in unserer popkulturellen Gegenwart nicht mehr zu helfen. Wir unterscheiden heute stilistisch auch nicht mehr zwischen 1720 und 1785. Und Jimmy Page hat kein Patent auf seine Rock´n´Roll-Matte. Temples legen ein wundervolles britisches, federleichtes Psychedelic-Rock-Debüt hin. Kleine Beatles auf LSD.

Anspieltipps:

  • The Golden Throne
  • Shelter Song
  • The Guesser
  • Song Structures
  • Keep In The Dark
  • A Question Isn't Answered

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