Actress - Ghettoville - Cover
Große Ansicht

Actress Ghettoville


  • Label: Werkdiscs/Rough Trade
  • Laufzeit: 69 Minuten
Artikel teilen:
6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Minimalistische Dystopie für Seele und Kunst - fragmentiert, kalt und distanziert.

Ambient mit Techno-Infusion. Damit konnte man Darren Cunninghams Musik bis 2010 noch beschreiben. „Splazsh“ war gefüllt mit experimentellen und sphärischen, mal beat- und basslastigen Tracks. Auf seinem dritten Album schien Actress all dies allerdings wieder zu zerlegen. „R.I.P.“ wurde ein knisterndes, körniges Werk. Techno- und House-Einflüsse waren darauf immer noch identifizierbar, doch hatten die Melodien aus geisterhaften Synthies überhandgenommen. Actress machte seine Musik noch unzugänglicher als sie ohnehin schon war. „Ghettoville“ setzt diese Entwicklung fort: noch minimalistischer, noch kälter.

Schon in der Selbstbeschreibung wird klar, mit welchen Gefühlslagen Cunningham seinen Actress-Charakter und dessen Musik füttert. Auf seinem als vorerst letztes Werk angekündigten Longplayer scheint er sein Alter-Ego erneut auseinander und wieder zusammen zu bauen. Doch das Resultat wirkt nackt und verletzlicher als zuvor. Die Melodien scheinen ihm verloren gegangen zu sein, aus den Lautsprechern tönen nur gedämpfte Klänge aus der Ferne, wie entfernte Züge. Im Vordergrund ertönen ein sich wiederholendes, befremdliches Kratzen und ein kurzer, schriller Ton wie eine aufschlagende Spitzhacke.

Keine Frage, die ersten 12 Minuten des Albums, die ersten zwei Stücke, sind schwere, anstrengende Kost, die herzlich wenig Lust auf mehr macht. Sie wirken karg, verzweifelt und nicht von dieser Welt. Doch das scheint die emotionale Verfassung zu sein, die Actress vermitteln will. Metallische Soundlandschaften, leblos und grau, als Bildnis der Leere und Seelenlosigkeit. „Ghettoville“ bricht aus dieser Welt, die sowohl Dystopie als auch erschreckendes Zukunftsbild der Kunst darstellen könnte, nie aus.

Manchmal werden die Stücke komplexer, zu dem beunruhigenden, leeren Beat gesellt sich eine distanzierte, kalte Melodie, teils zusammengewürfelte Soundschnipsel, die wie ein Ganzes klingen, aber doch nicht recht zusammenpassen. Eine Frankenstein'sche Schöpfung, als hätte jemand ein Radio mit schlechtem Empfang gleich mehrfach gesampled oder versucht, Musik mit Handyaufnahmen aus dem Club zu basteln. Sicherlich übt auch das seinen Reiz aus, das Fremde, die Abgründe, Musik gewordene zwischenmenschliche Kälte. Als hätte man den grauen Männern aus Momo einen Soundtrack gewidmet. Actress scheint vor den grauen Männern warnen zu wollen. Es ist eine gruselige Warnschrift, die bei den meisten aber wohl vor allem eins schafft: den Drang, wegzugucken.

Anspieltipps:

  • Rap
  • Our
  • Time
  • Towers

Neue Kritiken im Genre „Ambient“
7.5/10

Essential Album Collection Vol. 1
  • 2019    
Diskutiere über „Actress“
comments powered by Disqus