Jan Delay - Hammer & Michel - Cover
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Jan Delay Hammer & Michel


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Darum sag’ ich Tschüss ihr Spacken. Ich will hier weg, ich geh’ nach Wacken!

Vom HipHop/Rap zum Soul zum Dub zum Reggae zum Funk zum Pop zum Rock. Jan Delay kann scheinbar alles und das Publikum folgt ihm dabei. Warum also nicht mal ein Rock-Album machen, wenn man parallel zu seinen HipHop-Wurzeln auch mit dem Sound der Ramones, Guns ´N Roses, Nirvana, Oasis, Queens Of The Stone Age, Rage Against The Machine, Mando Diao, Lenny Kravitz, AC/DC, The Verve und dem Großmeister des Deutschrock, Udo Lindenberg, aufgewachsen ist? Mit dieser Sozialisation scheint Jan Delay jedenfalls zu wissen, wovon er spricht, wenn er Rockmusik meint.

Theoretisch. Denn was bei Jan Delays (37) stilistischen Häutungen in der Vergangenheit entwaffnend gut funktioniert hat, entpuppt sich auf „Hammer & Michel“ leider in vielen Fällen als gutgemeinte, aber nur wenig authentische Parodie, die inhaltlich auch noch damit zu kämpfen hat, dass Jan Delays Texte häufig aus platten Parolen- und Phrasen bestehen, die echte Rockerfans durchaus als beleidigend empfinden könnten („Ja man, ich nehm nen kleinen Schluck Volvic und gebe nen dreifachen goldenen Vollfick“). Dabei hätte es schon geholfen, wenn das Thema „Rock“ ein paar Nummern kleiner aufgehangen worden wäre.

Für die Aufnahmen von „Hammer & Michel“ griff Jan Delay auf die Musiker seiner Band Disko No. 1 zurück, merkte aber recht schnell, dass eine zweifellos tolle Soul- und Funk-Band nicht von jetzt auf gleich zu einer waschechten Rockband mutieren kann. Also holte er mit Jörn Sander aus dem Stall seines Kumpels Udo Lindenberg einen zweiten Gitarristen dazu, der den Sound fetter und rockiger gestalten sollte. Doch selbst das entpuppt sich lediglich als Kosmetik, da die Kompositionen grundsätzlich nur selten nach ernsthafter Rockmusik klingen.

Zwei Gitarristen und eine Hammond Orgel machen eben noch keinen Quantensprung aus. Und diesen hätte es benötigt, um „Hammer & Michel“ tatsächlich als Rock-Album bezeichnen zu können. Soli, Breaks, Riffs, Bassläufe, Melodien und zu allem Übel auch noch ein kopierter Tom-Morello-Sound (Rage Against The Machine) im Song „Fick“ – das alles klingt nach Reißbrett bzw. Schnapsideen. Doch einige davon machen sogar Spaß.

Der Opener „Liebe“ zeigt, wohin es hätte gehen können, wenn Jan Delay ein bisschen konsequenter gewesen wäre: Mit einem groovenden Rhythmusteppich aus E-Gitarren- und Orgelklängen (inklusive Soli), dem coolen Mittelpart (Stichwort: „Hippie-Scheiße“) und den gerappten Refrain-Zeilen, ist das über sechs Minuten lange Stück der Vorzeige-Rock-Track des Albums. Auch „Dicke Kinder“ rockt, wobei Jan Delay seine Auffassung von Punkrock in Richtung Funkrock umfunktioniert, während „Sie kann nicht tanzen“ in den späten Pop-Rock-Regionen von Mando Diao fischt und sich „Scorpions-Ballade“ um den „Klaus Meine & Rudolf Schenker Gedächtnispreis“ bewirbt.

„Nicht eingeladen“ ist dagegen nur ein lärmender Füllsong, „Action“ gehört mit seinen Bläserriffs eher in die Soul- und Funk-Kategorie, „Hertz 4“ und „St. Pauli“ sind an Udo Lindenberg gemahnende Tracks (einmal als Halbballade und einmal als Partysong) und mit „Wacken“ versucht Jan Delay den Schulterschluss mit den Heavy-Metal-Fans, der aber bis auf ein paar instrumentale Zitate eher zahm ausfällt. „Zahm“ ist am Ende auch das richtige Stichwort für „Hammer & Michel“, das sich als etwas überambitioniertes Projekt herausstellt, das beim Versuch nach echter Rockmusik zu klingen, nur an der Oberfläche kratzt und sich damit fast den Fluchtweg in die musikalischen Bereiche abschneidet, in denen Jan Delay eher zuhause ist und die heuer konzeptionell bedingt zu kurz kommen.

Anspieltipps:

  • Liebe
  • Wacken
  • St. Pauli
  • Dicke Kinder

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