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Oonagh Oonagh


  • Label: Electrola/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn Elfen nicht mehr helfen.

Mal angenommen, der Graf von 17327,Unheilig, und LaFee hätten zu den Klängen von Enyas „Orinoco Flow“ eine uneheliche Tochter gezeugt und sich danach, von Kräuterschnaps beschwipst, darüber lustig gemacht, wie sehr die gecasteten Mitglieder der zu Recht vergessenen Nu Pagadi ihr aufgezwungenes Image hassten - raus gekommen wäre Senta-Sofia Delliponti aka Oonagh. Aber beginnen wir ganz am Anfang: Delliponti sieht schon in ihrer Kindheit Musik als ihre große blablabla … das Nachhaltigkeits-Vehikel Star Search - The Kids beschert ihr im Jahre 2003 einen respektablen zweiten Platz, sie macht Pop-Punk („Scheißegal“, vier Wochen in den Charts), spielt in Musicals und ab 2010 insgesamt drei Jahre bei GZSZ mit. Wie uns die Geschichte gezeigt hat, war die Sendung ein Sprungbrett für erfolgreiche (Jeanette Biedermann, Yvonne Catterfeld) und mäßig erfolgreiche (Just Friends) Stars, sowie für solche, die uns irgendwie nie die Bohne gejuckt haben (Dark Circle Knights). Warum sollte es also für Delliponti nicht auch eins sein? Geschickt vermarktet schickt man diese nun ein Jahr nach ihrem Ausstieg aus dem allabendlichen Qualitäts-Vorabendprogramm unter dem Namen Oonagh auf die Bretter. Mit dem dicken Buch der Klischees in der einen und dem Marionettenkreuz in der anderen Hand, lässt man die putzige Sängerin begleitet von allgegenwärtigem Marketing durch den Limbus der deutschen Fernsehkultur tanzen. Die Krux ist, dass es sich bei Oonagh nicht um ein austauschbares Pop-Püppchen, sondern um ein austauschbares Ethno-Pop-Püppchen handelt.

Damit bekommt der gemeine Daily-Soap-Spacko nun endlich sein passendes Äquivalent, nachdem der gute Graf im Rahmen von RTL2-Werbespots in die Kamera grinsen darf. Nachdem dunkle Romantik oder Sehnsuchts-Schlagerfolk anscheinend beim Publikum gut ankommen, nutzt man deren Unmündigkeit, selbstständig nach guter Musik zu suchen, ein weiteres Mal schamlos aus. Die Melkmaschine wird einfach an die dementsprechende Kuh angesetzt. Im Falle von Delliponti wählt man Natur, New-Age-Mainstream und Tolkien als kleinsten gemeinsamen Nenner. Tatsächlich kommt der Name Oonagh aus dem Walisischen und bedeutet „Die Schönste aller Elfenköniginnen“, aber auch „Die Erste“ oder „Das Lämmchen“. Letztere zwei Begriffe werden dem Publikum einfach mal vorenthalten, da sie schlichtweg nicht in das eingeplant Geheimnisvolle passen wollen. Was bitteschön hat ein Lamm mit Elfen zu tun? Richtig, gar nichts! Schließlich wird die Intelligenz des Publikums (zu Recht?) so sehr unterschätzt, dass die teilweise auf Elbisch (!) gesungenen Refrains Oonaghs genau so authentisch wie Gälisch oder Keltisch sind, wenn die Zielgruppe einfach keinen Plan hat, wie sich eben eine solche Sprache anhört. Solange sich Begriffe wie „Gäa“ oder „Nan Úye“ mystisch anhören, wird’s schon passen. Da wird es schwer, Kritik zu üben, denn immerhin sind Legolas und Arwen Teile unserer Popkultur, allseits bekannt und die Herren hinter dem Fräulein Delliponti immerhin clever genug, nicht Klingonisch gewählt zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren aber Keltisch, Gälisch, Kornisch oder Irisch einfach zu komplex für die Songwriter und die Zunge von Senta-Sofia Delliponti. Was würde J.R.R. Tolkien dazu sagen? Nun, wahrscheinlich wäre es ihm schlichtweg egal.

Der Hörer selbst sieht es dann allerdings als Erlösung an, wenn elbische Punchlines ertönen. Auch wenn sie sich besonders mit dem Hintergedanken, dass man es einfach nicht besser konnte, besonders lächerlich anhören, so wird man wenigstens für eine kurze Zeit von strunzdummen deutschen Texten verschont, die allenfalls von besonders leicht gestrickten Hobby-Esoterikern als irgendwie tief oder bedeutungsvoll angesehen werden. Menschen, die Frauentausch als authentisch oder Gregorian als anspruchsvoll (Da singen Mönche. Mönche!) empfinden, fahren drauf ab, wenn Oonagh in „Gäa“ ein ach so poetisches „Du webst die Welt bis ans Ende der Zeit“ schmettert, wenn sie in „Faolan“ mit Begriffen wie „dunkle Hand“ und „Schicksal“ beeindrucken will, wenn in „Avalon“ natürlich von den obligatorischen „Fabelwesen“ und in „Orome“ von den „Wäldern der Ahnen“ die Rede ist. Das wirkt wie ein billiger Fantasy-Crashkurs für die YOLO-Generation, wie Eskapismus für den Werbeblock zwischen Dschungelcamp und DSDS. Hashtag: #zauberelfe für RTL-Zuschauer, #unglaubwuerdigkeit für Menschen, die grundsätzlich nichts ernst nehmen, was uns Werbetrailer als Highlight verkaufen wollen.

Die Shanty-Schlager-Süßwassermatrosen von Santiano werten die drei Tracks, in denen sie gefeatured werden, übrigens nur am Rande auf. Immerhin kann deren Frontmann mit seiner markanten Stimme für eine kleine Auflockerung sorgen, was die von Elfenprinzesschen Oonagh direkt zur reinen Makulatur degradiert. Das hilft einem Mittelalter-Popper wie „Vergiss mein nicht“ oder „Minne“ letztendlich aber auch nicht - auf jedem noch so kleinen Szenemarkt würde man über die ungelenke Trivial-Romantik, über das ganze schamlos gebotene Schema F, nur müde lächeln. Übrigens: Oonagh soll Santiano im Studio kennen gelernt haben. Diese waren direkt so begeistert, dass sie sich als Duettpartner anboten und sie flugs als Support-Act ihrer kommenden Tour engagierten. Interessanterweise zeigen sich Personen wie Andreas Fahnert (Gitarrist bei Santiano), Hartmut Krech, Thorsten Brötzmann oder Mark Nisse für die Songs auf Oonaghs Album verantwortlich - letztere drei waren übrigens auch für das Songwriting Santianos zuständig. Das soll an dieser Stelle einfach mal unkommentiert bleiben.

Ansonsten knödelt sich das Album musikalisch durch die bunte Welt des Ethno-Pops. Die Flöten nudeln süßlich und die Trommeln wemmsen so, dass der Viervierteltakt-Zombie auch in den einkalkulierten entrückt-verträumten Sphären mitklatschen kann. Dezente elektrische Beats machen es noch massenkompatibler und bieten dem Zielpublikum einen gefühlt rettenden Kompromiss, bevor man sich noch in die viel zu sperrigen Gefilde des New Age, Trip Hops, (Neo-) Folks oder in die der Weltmusik begibt. Wer dachte, dass man uns mittlerweile mit Songs der Marke „The Spirit Of The Hawk“ verschont, bekommt mit Oonagh ein durchgängig unglaubwürdiges „Hey-ama-heya-mama-heya-mama“ in Albumlänge tief in die Gehörgänge gerotzt. Das ist von Mystik so weit entfernt wie Onkel Dieter von künstlerischen Ambitionen.

Der Lichtblick des Albums: Senta-Sofia Delliponti hat schon in Musicals mitgewirkt und kann so schön singen, was ja bekanntlich reicht, grandiose Musik zu machen. Nebenbei sieht sie tatsächlich verdammt hübsch aus, vor allem in ihrem wallenden Ökomiezen-Outfit. In ihm hopst sie beispielsweise im Musikvideo der Single „Gäa“ durch beeindruckende Naturkulissen und wirbelt bedeutungsschwanger mit den Armen herum, als sei sie außer sich vor Freude, das Aufnahmeritual der Kräuterhexen Zirkel e.V. Luschendorf bestanden zu haben. Sharon den Adel (Within Temptation) hätte es in den Nullerjahren nicht besser hingekriegt. Am Ende darf sich Oonagh sogar einem Tümmler nähern, dem die ganze Sache etwas peinlich zu sein scheint. Ein wenig Respekt hätte aber auch nicht geschadet: Wer so sehr auf Enya macht, muss auch Delphine irgendwie einbauen. Die fehlen aber. Genau so wie einige andere Dinge fehlen, die einfach elementar sind, wenn man ein derartiges Genrewerk aufnehmen will. Oonaghs Debütalbum ist daher eine durch und durch kalkulierte Angelegenheit. Es bietet Fantasy für Menschen, die Peter Jacksons Herr der Ringe gerade mal auszugsweise gesehen haben (weil langweilig und nerdig) und denen man streng genommen so ziemlich alles andrehen kann, wenn man es vermag, schöngeistiges Gehabe auch nur in Ansätzen zu heucheln. Fazit: Der hässliche Fettsack im von filigranen Wesen bewohnten Elfenwald. Letztere stoßen ihn eiskalt aus. Wir sollten es ihnen gleich tun.

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