Sonata Arctica - Pariah´s Child - Cover
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Sonata Arctica Pariah´s Child


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Die im Vorfeld versprochene Rückkehr zu den Wurzeln sollte mit Vorsicht genossen werden. Dennoch machen es die Finnen endlich wieder richtig gut.

Immer wieder gab es Bands, die sich einfach mit aller Macht davon lösen wollten, was sie einst groß machte: Marillion, Helloween, Megadeth - so unterschiedlich diese Gruppen auch im direkten Vergleich sein mögen - haben sich in ihrer Karriere immer wieder neu erfinden wollen. Das ist an und für sich eine lobenswerte Sache, dem mitunter erzkonservativen Gros der Fanscharen machte man es aber nie so wirklich Recht. Besonders lautstarke Äußerungen finden sich dabei immer im Lager des Power Metals. Und im Falle eines der großen Genre-Helden, Sonata Arctica, sowieso. Da gibt man sich von Außen offen genug, um progressive Spielereien als vermeintliche Weiterentwicklung zu honorieren und ist gleichzeitig total angepisst, dass Bandkopf Tony Kakko (Northern Kings, Tuomas Holopainen) und seine Jungs verdammt nochmal nicht so wollen, wie man selbst. Irgendwie verständlich, denn die ersten vier Alben der Band sind allesamt großartig und extrem verehrt, was im direkten Kontrast dazu steht, dass Sonata Arctica einfach keinen Bock mehr darauf hatten. Nachdem Kakko ein für alle Mal seinen Standpunkt klar machte, scheint es im Vorfeld der Veröffentlichung von „Pariah's Child“ dennoch ein Umdenken gegeben zu haben.

Hochtrabend wurde angekündigt, wie traditionell das achte Studioalbum sein soll, dass sie sich wieder der eigenen klassischen Phase annähern wollten. Der Wolf als „Totem-Tier“ ist genau so auf dem Artwork wie auch das alte Bandlogo. Ausgehungerte Fans, die nach dem progressiven „Unia“ (2007) oder dem experimentellen „Stones Grow Her Name“ (2012) endlich wieder ihre Sonata Arctica erwarten, dürften in jener Angelegenheit eine mittelschwere Enttäuschung erleben, wenn sie die Versprechen nicht richtig interpretiert haben. Mittlerweile kann nämlich jeder davon ausgehen, dass Sonata Arctica so, wie sie bis „Reckoning Night“ (2004) klangen, nie wieder klingen werden. Die Band beweist dies auf ihrem achten Longplayer eindrucksvoll - das versprochen Traditionelle lässt sich an einer Hand abzählen, während ein Gros des Werks relativ progressiv, aber auch außerordentlich erwachsen präsentiert wird.

Der große Knicks vor der eigenen Vergangenheit erfolgt direkt mit dem Opener „The Wolves Die Young“. Gerade mit diesem Song hat die Band ein extrem glückliches Händchen bei der Single-Wahl getroffen. Dennoch darf gerne gemutmaßt werden, ob uns die Band nicht ein wenig zu viel versprochen hat. Eine vergleichbare Annäherung an die Jahre 1999 bis 2004 soll sich in den noch folgenden 50 Minuten rar machen, mit starken Momenten wird jedoch nicht gegeizt. Das schlichtweg brillante „Cloud Factory“ zum Beispiel ist sicherlich ein zukünftiger Klassiker, hätte genauso gut auf einem Album wie „Reckoning Night“ oder „Silence“ (2001) stehen können und wäre auch dort eines der großen Highlights gewesen. Und dann wäre da noch das gute „Running Lights”, welches sowohl musikalisch als auch lyrisch ordentlich auf's Gaspedal tritt, während „Half A Marathon Man” ein vergnüglicher Stadionrocker ist, der durch In- und Outro aber merkbar ausgebremst wird und viel zu lang geraten ist. Bei beiden Nummern sei das Album „Winterheart's Guild“ (2003) an dieser Stelle gegrüßt - und beide gehen trotz verpasster Chancen durchaus klar und wachsen bei jedem Hördurchgang. Das gilt auch für „Take One Breath“, welches es allzu deutlich sowohl alten und neuen Fans Recht machen will und irgendwo zwischen „übergeil“ und „Skiptaste“ hin- und herpendelt.

Dies gelingt dem Pärchen „Blood“ und „What Did You Do In The War, Dad?“ übrigens sehr viel besser. Tatsächlich sind beide Songs sogar der Kompromiss schlechthin - weitaus mehr als es die Musiker mit einem Album wie „The Days Of Grays“ (2009) bereits probierten. Beide Kompositionen sind mit Sorgfalt und Bedacht geschrieben und bringen den progressiven Einschlag, für den sich die Band einst entschieden hat, eindrucksvoll auf die Spitze. Was Sonata Arctica damals mit „Unia“ anpeilten, hat endlich Hand und Fuß, ist gleichermaßen komplex wie auch eingängig. Hier überzeugen die Finnen mit absoluter Reife - auch in Sachen Songtext! Ähnlich gut ist das als klarer Höhepunkt einkalkulierte Schlusslicht „Larger Than Life“, das mit seinem orchestralen Bombast stärker an die Kollegen von Nightwish erinnert, als es je eine Komposition Sonata Arcticas zuvor tat. Die hervorragende Gesangsleistung und die tolle Punchline werden durch ein wenig Leerlauf getrübt, was „Larger Than Life“ davon abhält, auf einer Stufe mit Songs wie „White Pearl, Black Oceans“ oder „The Power Of One“ zu stehen. Dennoch haben wir es ohne Zweifel mit einer der besten Kompositionen der Band seit zehn Jahren zu tun. Und Rohrkrepierer wie das „Wildfire“-Doppel von „Stones Grow Her Name“ schlägt der Longtrack eh allemal.

Die völlig wahnsinnige Vereinigung von Power Metal, rotzigem Rock und Spoken Word (!) in Form von „X Marks The Spot“ ist schließlich das „Champagne Bath“ oder „Cinderblox“ von „Pariah's Child“ und beinahe auf eine freche Art und Weise als Mitmachnummer für noch kommende Konzerte konzipiert. Der Außenseiter und Geheimtipp des Albums! Bleibt nur noch das direkt folgende „Love“. Die Quotenballade ist leider derart belanglos, dass man der Band mittlerweile jegliches Talent, langsame Nummern zu schreiben, absprechen will. Nach wirklich grandiosen Powerballaden der Vergangenheit hatte sie anscheinend nichts mehr zu sagen - „Love“ könnte da der absolute Tiefpunkt sein.

Die angeworbene Rückkehr zu den Wurzeln muss im Falle von Sonata Arcticas „Pariah's Child“ richtig verstanden und eingeordnet werden. Löst man sich als Fan erst einmal von der Vorstellung, eine Kopie von Alben wie beispielsweise „Ecliptica“ (1999) oder „Silence“ zu bekommen, zeigt sich die wahre Klasse von „Pariah's Child“. Fakt ist, dass die Band mittlerweile so sehr gereift ist, dass sie dies erstens gar nicht mehr will, und zweitens wahrscheinlich auch gar nicht mehr kann, da beispielsweise der Einfluss des ehemaligen Bandkollegen Jani Liimatainen (Cain's Offering) fehlt und man sich über die Jahre hinweg einfach zu sehr vom reinen Power Metal distanziert hat. Die Enttäuschung, einfach nicht die alten Sonata Arctica in Reinkultur zu bekommen (bemerke: Die B-Seite „One-Two-Free-Fall“ oder „Flag In The Ground“ sind näher an diesem Sound als jeder Song auf „Pariah's Child“), verwandelt sich rasch in Freude über wahrhaft gute Kompositionen, welche die der vorhergegangenen drei Alben qualitativ locker übertrumpfen. Und am Ende wird es dem Anhänger der Finnen wie Schuppen von den Augen fallen: Dies sind definitiv nicht die Sonata Arctica in ihren frühen Jahren, dies sind aber ebenso wenig die Sonata Arctica der jüngeren Vergangenheit. Die Midlife-Crisis ist vorbei, die Band bietet uns die Versöhnung an - dieses „Comeback“ ist anders als erwartet, aber es ist eins!

Anspieltipps:

  • Cloud Factory
  • Blood
  • What Did You Do In The War, Dad?
  • X Marks The Spot
  • Larger Than Life

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