Fondermann - Quiddje - Cover
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Fondermann Quiddje


  • Label: K-Klangträger
  • Laufzeit: 36 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Nostalgisch verklärter Nordlicht-Rock mit deutlichen Elementen des Verbrechens.

Element Of Crime! Der Name des Regener-Kutters muss immer hinhalten, wenn eine Band damit flirtet, kauziger Nostalgie einen musikalischen Rahmen zu verpassen, wenn unglücklich verliebte Endzwanziger mit abgestütztem Kopf in verrauchten Kneipen am Bierglas nippen. Da genannte Band an und für sich seit jeher einzigartig ist und es wohl auch immer bleiben wird, freut sich der Fan darüber, wenn andere Musiker versuchen, sich im Fahrwasser der Helden zu bewegen. Irgendwie anders werden sie eh immer klingen, während der unverbrauchte Genremix aus Rock, Pop und Chanson – um nur einige zu nennen - als klare Ausnahmeerscheinung fungiert. Ritchy Fondermann bildet da keine große Ausnahme. Neben Neil Young zählt der von Bands wie Antikörper, The Varanes und Highschool Nightmare bekannte Musiker und Produzent die Elements auch als seine Lieblingskünstler. Der Einfluss ist auf seinem Debüt-Solowerk unüberhörbar.

„Quiddje“ ist größtenteils recht unaufgeregt und gemächlich; von einem Musiker, der im Punk beheimatet ist, mag man etwas anderes erwarten. Schaut man sich aber die Entwicklung diverser Vertreter der „Hamburger Schule“ an, ist das auch nicht wirklich ungewöhnlich. Man vergleiche nur Marcus Wiebuschs ehemalige Band ...But Alive mit Kettcar. Flotter wird’s dennoch immer wieder. Und sowieso: „Quiddje“ ist durch und durch das Geisteskind eines Hamburger Jung. Von einem, der im Jahre 1993 in die Stadt zog und der nie wirklich als Hamburger gesehen wurde (ein Quiddje eben), und der doch - sofern man das als Nicht-Hamburger sagen darf - den Esprit der coolsten Stadt Deutschlands wie schon die ganz Großen vorher locker rüber bringt.

„Wenn mich heute jemand fragt woher ich denn bin, sage ich Hamburg. Alles andere macht keinen Sinn“, sagt er über seine Wahlheimat und das bringt die Sache auf den Punkt. Von Fernweh, der Stadt, der Provinz, von Liebe, unerwiderter Liebe und dass man als Künstler irgendwie doch immer als Taxi- oder LKW-Fahrer endet, singt Fondermann. Mal augenzwinkernd, witzig oder mit ausgelassenem Lokalpatriotismus („Taxi“, Titeltrack), dann tonnenschwer melancholisch und irgendwie leicht angetrunken („Wer hat uns die Zeit geklaut“, „Feuerwasser“, das aggressive „Zu spät“). Da finden sich die EoC-Gedächtnisblechbläser und -gitarren genau so wie die See-Romantik des „Post-Shantys“ - freilich ohne in unfreiwillig komischen Untiefen des Privatfernseh-Ozeans (Santiano) zu schippern.

Fondermann vermeidet es gleichermaßen, billige Sentimentalität zu verkaufen, als auch die unnachahmlich poetische Sprache Sven Regeners zu kopieren. Leicht verständliche aber nicht banale Texte zeugen davon, dass er 'ne ehrliche Haut ist, die sich nicht verbiegen muss, aber dennoch als echter Genrevertreter identifiziert werden kann. Ein gemäßigter, leicht melancholischer Rock erinnert beispielsweise deutlich an Tomte zu Zeiten ihrer „Hinter all diesen Fenstern“ (2003). In Songs wie „Der Fährmann“, „Der Tag an dem es regnete“ und ganz besonders „Tausend Kilometer“ setzt Ritchy Fondermann hier ein deutliches Ausrufezeichen. Das musikalische Wetter ist intensiv und darf in einem „Der Fährmann“ gerne so aufgedreht werden, dass die Bars so laut wie Kriege werden.

Noch bis vor einigen Jahre wollten sie doch alle so klingen und scheiterten dabei kläglich. Heute kann ein Fondermann auf solche Trends pfeifen - sie gehören längst der Vergangenheit an und sind doch als Liebhaberobjekt immer noch höchst relevant. Schon alleine wenn es mit der Authentizität stimmt, denn wer eben aus Hamburg kommt, der kommt auch daher - Piepe, ob er hingezogen ist oder dort geboren wurde. Und deshalb wird „Quiddje“ zum Gewinner, den außer St.-Pauli-Jüngern und anderen Eingeweihten irgendwie keiner auf dem Schirm hatte. Besonders Freunde der bereits angesprochenen Bands finden in Ritchy Fondermanns Musik eine der vielleicht besten Alternativen der letzten Jahre, wobei genug Potential vorhanden ist, auch ein größeres Publikum anzusprechen. Denn so ein Fondermann, das ist ein kauziges Nordlicht und ein romantischer Underdog zugleich, ein Typ, mit dem man gerne mal 'n Bier trinken möchte. Fazit: glaubwürdig, stilsicher, dann und wann herrlich verschroben.

Anspieltipps:

  • Wer hat uns die Zeit geklaut?
  • Quiddje
  • Feuerwasser
  • Der Fährmann
  • Tausend Kilometer

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