Marcus Wiebusch - Konfetti - Cover
Große Ansicht

Marcus Wiebusch Konfetti


  • Label: Grand Hotel Van Cleef
  • Laufzeit: 46 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Gelungene Gehversuche nach der Tretauto-Fahrt.

Thees Uhlmann tut es, Olli Schulz tut es - Wichtelmänner und Hunde müssen draußen bleiben! Jetzt kann man fast schon davon sprechen, dass der Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch in der Bringschuld steht und auch ein Soloalbum veröffentlichen muss. Vielleicht war es einfach auch nur eine Frage der Zeit, dass er aus dem Sitz seines Tretautos steigt. Interessanterweise war es Wiebusch, der noch während seiner Zeit bei ...But Alive sein erstes Solowerk „Hippiekacke“ (1994) aufnahm und somit Pionierarbeit geleistet hat. Irgendwie. Natürlich zählt das 20 Jahre später nicht mehr, denn immerhin verändern sich Menschen, werden reifer und erfahrener. Doch wenn Marcus Wiebusch auf „Konfetti“ einen geschickten, nostalgischen Blick in selige Jugendzeiten wirft, dann wirkt es dennoch so, als bekomme man eine kleine Verbindung zum vergessenen Solo-Erstling. Steine schmeißt der Wiebusch von heute sicherlich nicht, aber das muss er auch gar nicht. Seine intelligenten, realitätsnahen Beobachtungen zeigen einen Musiker, der von seinen Fans längst erkannt und geliebt wird, der sich streng genommen auch solo nicht wirklich vorstellen muss, der es aber dennoch tut und es letztendlich auch überzeugend genug macht, dass Kettcar-Fans sagen: „Ja, okay. Vielleicht wäre ein Album der Hauptband doch besser gewesen, aber toll macht es der Marcus dann doch.“

„Nimm einen ganz normalen Typen so wie er im Buche steht, gib diesem Typen Anonymität, gib ihm Publikum, das nicht weiß wer er ist, du kriegst das dümmste Arschloch, das man nicht vergisst.“ Wer regelmäßig bei Facebook und Konsorten unterwegs ist, wird Wiebusch in „Haters Gonna Hate“ zustimmen. In dieser wahren, ungeschönten und harten Nummer zeigt er sich modern, kommt mit einem wummenden, pulsierenden Beat um die Ecke und überrascht mit der Elektro-Nummer ungemein. Welchen Sinn macht es, auf Solopfaden zu wandern und dann doch die Musik zu machen, welche man auch mit der Hauptband hätte machen können? Marcus Wiebusch weiß um dieses Problem und hat gleich drei Songs parat, die sich voll und ganz von so mancher Kettcar-Komposition unterscheiden. Doch während „Haters Gonna Hate“ noch überzeugt, flachen die beiden anderen Platzhirsche leider ab. Weniger gelungen sind dabei Wiebuschs Rap-Versuche. Vielleicht hat Kollege Casper in den letzten Jahren einfach einen viel zu großen Impact hinterlassen. Wenn ein Marcus Wiebusch aber in „Der Tag wird kommen“ und ganz besonders in „Jede Zeit hat ihre Pest“ voll und ganz auf Sprechgesang setzt, ist das genauso stilsicher wie ein Jan Delay, der auf einmal Rocker sein möchte. Da kann Wiebusch wie immer textlich glänzen - das Gegenteil von gut ist gut gemeint, um ihn mal selbst zu zitieren.

Mal abgesehen von diesen zwei Ausnahmen, die anscheinend wohl nur geliebt oder gehasst werden können, ist „Konfetti“ aber außerordentlich auf die Stärken seines Protagonisten fokussiert und macht einiges richtig. Seine vollen Stärken spielt Wiebusch aus, wenn er zwar eine klare Grenze zu seiner Stammband setzt, seine Herkunft aber nicht verleugnen will. Das im Vorfeld bereits veröffentlichte Stück „Nur einmal rächen“ ist hier ein gutes Beispiel. Die Blechbläser lassen leichte Erinnerungen an Element Of Crime aufkommen und stehen dem Song gut. Das gilt ebenso für den Opener „Off“, welcher ziemlich ruhig anfängt und sich nach und nach zu einer echten Hymne mausert. Mit dem von Indiepop-Chören unterlegten „Was wir tun werden“ hat er dann einen echten Hit und Ohrwurm am Start, der nicht ohne Grund als Single präsentiert wurde. In dieser Hinsicht ist das großartige, doch viel zu kurz geratene „Springen“ sogar ein noch viel besseres Beispiel. In „Der Fernsehturm liebt den Mond“ und „Wir waren eine Gang“ spielt Marcus Wiebusch hingegen gekonnt mit Melancholie und Nostalgie - besonders mit der zweitgenannten Komposition hat er eine herrlich sentimentale Retrospektive über das Erwachsenwerden, vergessene jugendliche Widerspenstigkeit und darüber, dass selbst der größte, Steine schmeißender Punk irgendwann doch zum Establishment gehören wird, am Start. Das Schlusslicht „Schwarzes Konfetti“ löst sich hingegen wieder ein wenig vom sicheren Kettcar-Einschlag und lässt das Album dann überaus düster und beinahe hypnotisch ausklingen.

Somit ist „Konfetti“ am Ende glücklicherweise nicht nur gut gemeint, sondern auch wirklich gut geworden. Von einigem hätte der Hörer vielleicht weniger gewollt („Jede Zeit hat ihre Pest“), von anderem dagegen gerne mehr („Springen“). Doch wer bisher mit Kettcar etwas anfangen konnte, wird - oh Wunder - auch mit Marcus Wiebuschs Solo-Ausflug ein versöhnliches Erlebnis haben. Denn größtenteils bekommt der Hörer typisches Comfort Food geboten. Große Melodien, Marcus Wiebuschs markante Stimme und gelungene Texte, die oft auf alltäglichen Beobachtungen beruhen und dennoch nicht banal klingen, werden hier vom Kettcar-Frontmann und GhvC-Chef als längst bekannte Qualitäten gesammelt. Auf diese kann man wie immer bauen und wer mit bisherigen Outputs seiner Hauptband glücklich wurde, wird dies garantiert auch mit dem Wiebusch-Solo und darf blind zugreifen - auch wenn der Sänger uns beweist, dass er eben ein Sänger ist und kein Rapper.

Anspieltipps:

  • Off
  • Haters Gonna Hate
  • Der Fernsehturm liebt den Mond
  • Wir waren eine Gang
  • Springen
  • Schwarzes Konfetti

Neue Kritiken im Genre „Indie-Rock“
6.5/10

Wir Sind Für Dich Da
  • 2019    
7/10

Ciao!
  • 2019    
Diskutiere über „Marcus Wiebusch“
comments powered by Disqus