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Coldplay Ghost Stories


  • Label: Parlophone/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

So wie Bayern München nicht jedes Spiel gewinnen kann, müssen auch Coldplay mal auf Unentschieden spielen dürfen, um die Tabellenführung zu verteidigen.

Ein neuer Coldplay-Longplayer weckt bei den Menschen Hoffnungen. Hoffnungen auf große Popmusik, mit magischen Melodien und echten Gefühlen. Und zwar mit Songs, die dem Hörer über Monate hinweg im Radio begegnen, in Fußballstadien mitgesungen werden und am Jahresende die Bestsellerlisten anführen. Auf diese Art haben Coldplay in den vergangenen 15 Jahren Stück für Stück eine Stellung in der Musikszene eingenommen, die sie mit mehr als 80 Millionen verkauften Tonträgern zu den größten Bands der Welt zählen lässt. Dennoch ist das Quartett immer bescheiden geblieben und zum Hassobjekt derer geworden, die auf den Erfolg der Briten neidisch sind.

2½ Jahre liegt „Mylo Xyloto“ (10/2011) inzwischen zurück, womit Coldplay zwar ihren gewohnten Produktionsrhythmus einhalten, sich aber dennoch anders präsentieren, als es der Hörer von den vergangenen Werken gewohnt ist. Der Grund: Mastermind Chris Martin hat sich von seiner Frau Gwyneth Paltrow getrennt und verarbeitet diese Situation in den neun Songs des neuen Albums „Ghost Stories“. Für Stadionhymnen, Bombast-Sound und U2-Gitarren ist da natürlich kein Platz. Denn wer wie Coldplay als Warmduscher verschrien ist, macht in Zeiten von Verlust, Trauer und vielleicht auch Wut, kein lautes Rockalbum, sondern introvertierte Songs, die sich dem neuen Trend elektronisch gefärbter Musik annähern. Da stimmt selbst Chris Martin (37) seinen so gefürchteten Falsettgesang wenigstens ab und zu auf eine ganz neue Erträglichkeitsstufe herunter, nur um an anderer Stelle so richtig aufzudrehen und seiner Sirene freien Lauf zu lassen.

„Ghost Stories“ ist das sechste Studioalbum von Coldplay. Und es wird den Coldplay-Hassern schön in die Karten spielen. Denn wer mag schon dabei sein, wenn ein Mann die Trennung von seiner Frau verarbeitet und dieser Mann ausgerechnet Chris Martin heißt, der für seinen Schmalz in Wort und Ton gefürchtet ist. „Always in my head“, „True love“ – bei Titeln dieser Art weiß jeder schon im Vorfeld, wohin der Hase läuft. Allerdings nicht in Verbindung mit einem Coldplay-Album. Denn dieses präsentiert sich minimalistisch, schwebend und nicht so melodieverliebt wie erwartet. Im Vordergrund stehen diesmal rhythmische Feinheiten, die der Musik der Briten ungewohnte Electro- und Ambient-Färbungen verleihen.

Betreut wurde „Ghost Stories“ von den Produzenten Jon Hopkins (Brian Eno, David Holmes, King Creosote), Paul Epworth (Adele, John Legend, Bruno Mars, Bloc Party) sowie dem Studioteam des Vorgängers, Rik Simpson und Daniel Green. Dazu haben die Kollegen DJ Avicii, Madeon und Timbaland ein paar Beats beigesteuert. Große Aufmerksamkeit werden Coldplay damit aber nicht erregen. Das kann und will dieses Konzeptalbum scheinbar auch gar nicht. Denn die Band hat entschieden, dass „Ghost Stories“ zur Schmerztherapie ihres Sängers benutzt wird, in der Pomp und Pathos keinen Platz haben. Einzige Ausnahme ist das Dance-lastige (!) „A sky full of stars“, das stilistisch komplett aus dem Rahmen fällt und sich damit nicht unbedingt einen Gefallen tut. Was soll der Fan also mit einem Album wie diesem machen, das offenbar nur eine Übergangsphase einfängt, auf die gewohnten Hits verzichtet und auch sonst nur einen sehr kurzatmigen Eindruck hinterlässt?

Schon bei der Singleauskopplung „Magic“ war sich die Kritik einig, dass mehr kommen muss, um echte Begeisterung hervorzurufen. Doch diesen Gefallen tun Coldplay dem Hörer nur sehr widerwillig. So muss er sich die Highlights mühsam zusammensuchen, auch wenn dies streckenweise grotesk erscheint, wenn dazu der sphärische Sound in „Always in my head“ oder die Bassspuren in „Magic“ herangezogen werden müssen. Klar, man möchte einer Band, die so Großes geleistet hat, nicht gerne an den Karren fahren. Doch das musikalische Korsett auf „Ghost Stories“ ist so speziell geraten, dass Jubel-Arien diesmal ausbleiben.

Lediglich die schönen Harmonien in „Ink“ können durchgehend überzeugen, während es in „True love“ schon wieder mit dem Schmalz übertrieben wird und das Ambient-Geplucker in „Midnight“ eher blutleer als einfallsreich klingt und Vergleiche mit James Blake deshalb unangebracht sind. Ein Beinbruch ist „Ghost Stories“ dennoch nicht. Denn so wie Bayern München nicht jedes Spiel gewinnen kann, müssen auch Coldplay mal auf Unentschieden spielen dürfen, um die Tabellenführung zu verteidigen.

Anspieltipps:

  • Ink
  • Magic
  • Another’s arms
  • Always in my head

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