Noturnall - Noturnall - Cover
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Noturnall Noturnall


  • Label: Metalville/Rough Trade
  • Laufzeit: 48 Minuten
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4.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Power Metal einer Supergroup, welcher keiner sein will, aber sich allzu schnell wieder danach sehnt, ein solcher zu werden.

Viele vergessen, dass es neben Skandinavien und Finnland noch ganz andere Metal-Hochburgen gibt. Die spanische und vor allem italienische Szene werden nur selten in einem Atemzug mit der prominenten in Nordeuropa genannt. Noch schlechter sieht es mit der brasilianischen aus. Dabei boomt der Metal gerade dort ohne Ende und hat schon längst seinen Weg in den Mainstream gefunden. Anders wäre es für eine Band wie Noturnall wohl auch nicht möglich gewesen, kurz nach ihrer Gründung im Jahre 2013 ein Teil des Brazilian Rock Walk Of Fame zu werden. Und es spricht dafür, wie sehr große Namen doch etwas hermachen können. Alle Mitglieder Noturnalls gehören streng genommen der Angra-Familie an. Da haben wir Aquiles Priester an den Drums (ex-Angra, ex-Almah, ex-Edu Falaschi) und Thiago Bianchi (Gesang), Fernando Quesada (Bass), Léo Mancini (Gitarre) sowie Juninho „Junior“ Carelli (Keyboard), der damals vom ehemaligen Angra-Sänger Andre Matos ins Leben gerufenen Shaman. Alle waren daneben noch in anderen Bands unterwegs. Noturnall ist also eine echte Supergroup des brasilianischen Power Metals, wenn man so will.

Auch das erste Musikvideo, welches in New York gedreht wurde und in dem die Schauspielerin Renata Diffley sowie der wie immer großartige Russell Allen von Symphony X zu sehen sind, lässt aufhorchen. Für eine noch so neue Metalband ist ein Video von diesen Ausmaßen sicher nicht die Regel. Wer also sind diese Noturnall? Was machen sie? Und kann ich mich auf einen weiteren Klopper des südamerikanischen Powers freuen?

Nun, recht schnell mag die Ernüchterung kommen, wenn man sich mit gutem Recht darauf einstellt, irgendetwas in Richtung Angra oder Shaman zu bekommen. So klingen Noturnall auf ihrem ersten, selbstbetitelten Album nämlich definitiv nicht. Wenn es um große Namen der brasilianischen Szene geht, dann sind Noturnall in Sachen Härte und Dynamik sogar sehr viel näher an Sepultura als an Vertretern des Power-Subgenres. Ihr erstes Album knallt gewaltig, deckt Elemente des Heavy-, Thrash- und Prog-Metals ab und hört sich nicht selten wie Symphony X in ihrer aktuellen und somit von Fans stark kritisierten, unnötig harten Phase an. Russell Allen sei Dank - dieser hat nämlich das Album produziert, was so einiges erklärt. Da gleich vier Bandmitglieder federführend bei Shaman sind, wirkt Noturnall nur noch mehr wie ein kleines Experiment, welches diesen Melodiefetischisten die Möglichkeit gibt, ordentlich auf die Kacke zu hauen.

Ob Noturnall darauf durchgängig Bock haben, bleibt dahin gestellt. Immerhin zeigt „Sugar Pill“, woher sie eigentlich kommen - der Song ist der einzige, den man den Jungs wirklich abkauft, stellt er in seiner Form als Power-Schinken doch dar, was sie alle am besten können. Auch die direkt folgende, sehr piano- und keyboardlastige Ballade „Last Wish“ erinnert stark an die Arbeit Shamans, vor allem an die des fantastischen Debütalbums selbiger. Das Schlusslicht „The Blame Game” erfreut dann mit einer grandiosen Symbiose von gutem Gesang, einem Piano und akustischer Gitarre. Die gezielt softere und vielleicht sogar poppigere Gangart, ist ein krasser Gegensatz zum restlichen Material auf Noturnalls Debütalbum. Dieses ist wie schon erwähnt beinhart, was an und für sich kein Problem ist, aber teilweise auch ziemlich beliebig. Moderner Thrash kriegt hier seine Nuancen durch technische Arrangements, allen voran das zwar erhabene, doch viel zu oft in den Vordergrund gemischte Schlagzeugspiel Aquiles Priesters. Virtuose Gitarren- und Keyboardsoli sind schließlich die typischen Zutaten für generischen Prog Metal. Super gespielt, keine Frage, aber auch mittlerweile sehr viel dienlicher im Bezug auf Songwriting gehört. Einen weiteren Clone Dream Theaters braucht niemand, einen von Symphony X' moderner Ausrichtung noch viel weniger. Noturnall sind beides. Und der Hörer merkt es regelrecht, wie sehr einer der angesprochenen weniger harten Tracks zur Erlösung der Band wird, wie viel inspirierter hier musiziert wird.

Vielleicht ist es auch einem Trend geschuldet, dass die Shaman-Jungs mit aller Macht einen auf hart machen wollen. Immerhin hat man beim Worte Metal gewisse (eventuell auch engstirnige) Vorstellungen und Erwartungen. Oder anders ausgedrückt: Beim großen US-amerikanischen Markt kommt der europäische Power Metal, der von einem Gros der brasilianischen Szene bevorzugt wird, weniger an. Will man Noturnall nun Ausverkauf vorwerfen? Nun, das eigentlich auch nicht. Den Musikern wäre egal in welcher Form der große, internationale Erfolg zu wünschen. Dass es sich bei der Idee Noturnalls um eine handelt, die weder Fleisch noch Fisch ist, lässt dann aber dennoch insgeheim hoffen, dass irgendwann der Tag kommt, an dem eine Gruppe wie Shaman plötzlich durch die Decke geht. Dort bleibt der Schuster nämlich bei seinen Leisten und das merkt man ohne Zweifel.

Anspieltipps:

  • Sugar Pill
  • Last Wish
  • The Blame Game

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