Wallis Bird - Architect - Cover
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Wallis Bird Architect


  • Label: Bird Records/Rough Trade
  • Laufzeit: 40 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Emotionale Wucht trifft schöpferisches Talent.

Anspruchsvolle Architekten planen, sie entwerfen, sie sind präzise bis ins kleinste Detail. Schließlich soll ihr Kunstwerk stabil werden, wenn zugleich auch umwerfend, prägend, bedeutungsvoll. Wallis Bird hat auf ihrem mittlerweile vierten Studioalbum „Architect“ ihren eigenen Schöpfungsstil weiterentwickelt, definiert, ohne ihn zu simplifizieren. Wie ein mächtiges Bauwerk türmen sich zehn Titel vor dem Hörer auf und schreien förmlich nach Anerkennung.

Denn die knapp 40-minütige Platte ist kein Gartenhaus im Grünen. Sie ordnet sich ein in die Reihe pompöser Bauten aus Wallis Birds Wahlheimat Berlin. Dabei wechseln sich die stilistischen Einflüsse passend zur Vielfalt der Hauptstadt andauernd ab: unter dem Dach des Indie-Pops tummeln sich tanzbarer Elektro, minimalistischer R&B, typischer Songwriter-Blues, eine soulige Stimme. Alles ist vorhanden, alles hat seinen Platz.

Getrieben wird Wallis Bird von einem spürbaren Schmerz und von einer enormen Sehnsucht, die in Songs wie „Hammering“ zunächst ganz ruhig besungen wird, bevor der Titel hält was er verspricht und ordentlich drauf haut. So funktionieren einige ihrer Titel: sanfter Beginn, raues Ende. Im letzten Song, „River of Paper“, schreit sich die Irin förmlich die Seele aus dem Leib. Doch obwohl wir Menschen tendenziell gerne wegschauen, wenn andere leiden, fühlt man sich in den fast vier Minuten magisch zu Wallis Bird hingezogen. Da ist jemand, der die ganze harsche Welt in einen Song gepackt zu haben scheint.

Doch die mittlerweile 32-Jährige lässt sich nicht zerfressen von Weltenschmerz und eigenen Sorgen. Das energische „Daze“ hält ebenso kraftvoll dagegen wie „Communion“. Aber auch der Opener „Hardly Hardly“ beweist mit den Zeilen „live your life“, einer faszinierend rauen Stimme und einem wirklich groovenden Rhythmus, dass Wallis Bird durchaus weiß, wie man in dieser Welt besteht. Ihre Stimme kommt übrigens auch im wiederum herzzerreißenden und wortgewandten „The Cards“ zur Geltung. Zu den Texten lässt sich sagen: Tiefgründig, ja. Klischeehaft, nein. Dafür ist die Irin dann doch wieder viel zu selbstbewusst. Das wird spätestens mit den demonstrativen Worten in „Gloria“ deutlich. Kleiner Vorgeschmack? „You wanna leave me honey, then I suggest you pack up and go“. Streicher und zappelnde Beats untermalen diese Zeilen, die gegensätzlich zum Text fast wie ein Festgesang klingen.

Das vorliegende Album ist das Werk eines musikalischen Architekten: es fließt, ohne arrangiert zu wirken. Die Ecken und Kanten, die dieses Album auszumachen scheinen, hätten Hundertwasser vermutlich mehr als ein Stirnrunzeln abverlangt, doch Kunst ist nicht gleich Kunst. Insbesondere die vermeintlichen Ungereimtheiten erzielen die gewünschte Wirkung: man hört zu, man wird aufmerksam. Man spürt, man fühlt, man tanzt. Das gilt zumindest für den, der für ungerade Linien und ausgefallene Formen empfänglich ist.

Anspieltipps:

  • Hardly Hardly
  • Daze
  • The Cards
  • Gloria

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