Lily Allen - Sheezus - Cover
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Lily Allen Sheezus


  • Label: Parlophone/WEA
  • Laufzeit: 44 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die böse Zunge des Pop teilt wieder kräftig aus, verhebt sich aber bei den eigenen Beats.

Im Jahr 2006 schlug Lily Allen mit ihrer bösen Zunge und dem dazugehörigen Debütalbum „Alright Still“ (07/2006) gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Pop-Connaisseure lobten die frech-charmant dargebotenen Texte, sowie das luftig-lockere Soundkleid aus Reggae, Ska und sonstigen Versatzstücken, das sich einen Dreck um normale Hörgewohnheiten scherte, und die normale Radiohörerschaft wähnte sich ob der spaßigen, wie abwechslungsreichen Darbietung in Sicherheit und feierte mit, selbst wenn sie oft das Ziel von Allens scharfer Beobachtungsgabe waren. Drei Jahre später wandelte sich das Blatt und „It´s Not Me It´s You“ (02/2009) erschien als rundum glücklich machendes Pop-Konglomerat mit Squaredance („Not fair“), russischer Folklore („Never gonna happen“), Swing („He wasn´t there“) oder Feelgood-Musicalnummer („Fuck you“). Im Vergleich zum ersten Auftritt der bissigen Dame bekam man dieses Mal jedenfalls das Gefühl, Produzent Greg Kurstin (Kylie Minogue, Britney Spears, Nelly Furtado) wollte einen Popstar im glitzernden Disneyprinzessinnenkostüm heranzuzüchten, der in der Lage war, die Dinge beim Namen zu nennen. Spaß machte die zweite Runde der scharfzüngigen Lily aber trotzdem.

Nach zwischenzeitlicher Heirats- und Babypause ist Lily Allen wieder zurück und thematisiert mit Textzeilen wie „Forget your balls and grow a pair of tits“ in der ersten Singleauskoppelung „Hard out here“ gleich einmal Misogynie und lässt sich im dazugehörigen Video von halbnackten Frauen umtanzen. Brillanter kann ein Comeback kaum inszeniert werden. Die weiteren Schnipsel aus „Sheezus“ (angelehnt an die letzte Elektro/HipHop-Dekonstruktion „Yeezus“ von Rapper Kanye West), die nach und nach bekannt wurden, stießen allerdings nicht auf die gleiche Zuneigung, ließ der allzu brave Nanana-Sound von „Air balloon“ schließlich die kratzbürstige Tragfläche eines „Fuck you“ und die Anprangerung des ausschweifenden Feieralltags einiger Möchtegern-Celebrities namens „Our time“ überhaupt einen nennenswerten Beat vermissen und das mit satten Tiefen ausgestatte „Sheezus“ kämpfte auf minimalistischer Ebene um Aufmerksamkeit und ergatterte sich maximal einen Eintrag in der langen Liste der „Hate it or love it“-Popsongs.

Wer es bereits gemerkt hat, das neueste Werk von Lily Allen hat mit einer kleinen Identitätskrise zu kämpfen. Fans der ersten Stunde werden zwar im spritzigen „L8 CMMR“ oder dem mit hawaiianischer Gelassenheit versetzten „Life for me“ Anknüpfungspunkte an ihr Debüt finden, ob hierfür allerdings zwingend Autotune vonnöten war, wagen wir zu bezweifeln. Dazwischen setzt sich die Engländerin mit der großen Klappe jedoch mehr als einmal so richtig in die Nesseln, wenn sie z.B. in „Insincerely“ über einen relaxten, aber völlig generischen Backbeat über das Web 2.0 herzieht, „Take my place“ seichten Synthiepop als Balladenfundament heranzieht oder das sexuell aufgeladene „Close your eyes“ mit einer Barry White-Gedächtnismelodie bestückt, aber nicht vom Altmeister der musikalischen Beischlafuntermalung gesungen wird. Ansonsten zappeln unkontrollierte Elektrosamples in schlechter Kanye West-Manier aus den Boxen („URL badman“), „As long as I got you“ versucht mit Westerntouch die Genialität eines „Not fair“ wiederzubeleben und die partytaugliche Crunk-Einbindung in „Silver spoon“ stolpert mehr schlecht als recht über ihre eigenen Füße.

Wie man es auch dreht und wendet, Lily Allen ist mit „Sheezus“ nach fünfjähriger Abstinenz nicht wirklich der große Wurf oder ein aufsehenerregendes Comeback gelungen. Die Musik vermisst die durchgeknallten Ideen des Debüts und die scharfzüngigen Texte werden oftmals von der blassen Klangkulisse untergraben, die auf „It´s Not Me It´s You“ zumindest noch ein halbes Dutzend Hits abgeworfen hat. Wer sich allerdings mit der etwas oberflächlicheren Ader des dritten Werkes anfreunden kann, bekommt immerhin ein auf textlicher Ebene hervorragendes Album spendiert, das durchaus Spaß machen kann. Dieselben Begeisterungsstürme wie die beiden Vorgänger ruft „Sheezus“ aber zu keiner Zeit hervor, dafür fehlt es einfach an ausreichend interessanten Soundideen.

Anspieltipps:

  • L8 CMMR
  • Air Balloon
  • Life For Me
  • Hard Out Here

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