Michael Jackson - Xscape - Cover
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Michael Jackson Xscape


  • Label: Epic/Sony Music
  • Laufzeit: 74 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Respektloses Spucken auf eine Idee, eine Vision, ein Erbe.

Es mag makaber klingen, aber das Ableben eines Stars sorgt fast immer für volle Kassen. Genregrößen wie 2Pac oder Ronnie James Dio werden mit Tribut-Alben geehrt, während ein Arbeitstier wie Johnny Cash dafür gesorgt hat, dass wir noch viele Jahre mit Neumaterial versorgt werden. Und Michael Jackson? Nun, auch er soll angeblich mehr als 100 unveröffentlichte Tracks hinterlassen haben - die kalkulierte (und wohl dosierte) Veröffentlichung dieser fing bereits mit „Michael“ (2010) an. Hier haben wir einen mehr oder weniger jährlichen Rhythmus von Re-Releases, Livedokumenten, Remixes und Studioalben, welche eigentlich gar keine im herkömmlichen Sinne mehr sind. Stattdessen ist auch nach „Michael“ das neue „Xscape“ eine bloße Kompilation acht bisher unveröffentlichter Kompositionen, welche allesamt in den Jahren 1983 bis 2001 entstanden und deshalb außerordentlich heterogen sind. Daher bietet „Xscape“ zwar viel Neues, aber nichts, was als Gesamtwerk gesehen werden kann. Alle Songs stammen vom King Of Pop selbst und dennoch klingt „Xscape“ fremd, kalt und irgendwie falsch. Dieses Album rettet sich damit, dass die hier vorgestellte Deluxe Edition mit den weitgehend unangetasteten Originalversionen den bitteren Nachgeschmack der Remixes gerade so überdecken kann.

Die Produktion von Stargate, dem beinahe obligatorischen Timbaland-Beitrag oder L.A. Reid machen genau das, was die acht „neuen“ Songs nicht brauchen: Sie entfernen sie so sehr von Michael Jackson selbst, dass sie einfach nur entfremdet wirken. Zur Erinnerung: Michael Jackson ist tot, er hätte kaum eine Vorstellung davon haben können, wie sein Material am besten im Jahre 2014 angekommen wäre. Timbaland und Co erdreisten sich, den Markt mit vermeintlich zeitgemäßen Überarbeitungen zu beliefern und vergessen wie so oft, dass gute Musik zeitlos ist. Wo ist da die Seele von Michael? Wo ist sein Esprit? Lediglich das beinahe lächerlich von Americas „A Horse With No Name“ abkupfernde „A Place With No Name“ wirkt in der neueren Version besser - weil, mal abgesehen vom Nanana-Singalong des America-Songs, die Nähe zu diesem weitgehend kaschiert wird.

Die restlichen sieben Original-Tracks dagegen werden den Fans des King Of Pop durchaus zusagen, lassen sie seine Handschrift doch ohne Frage erkennen. „Chicago“ zum Beispiel ist ein leicht melancholisch-verträumter, moderner Song, welcher sich dennoch nicht scheut, die 80er-Jahre als klare Basis anzuerkennen. Die Wirkung ist weitaus intensiver als der eigentliche Albumtrack, der mit seinen übersteuerten Bumsbeats lediglich noch als Techdemo für darauf ausgelegte Kopfhörer von Dr. Dre taugt. Ähnliches gilt für „Do You Know Where Your Children Are“ (an dieser Stelle folgt kein geschmackloser Witz) sowie für das soulige „Blue Gangsta“ - Meister Jackson hat sich sicher etwas dabei gedacht! „Slave To The Rhythm“ und der flotte, sehr gelungene Titeltrack schließlich sind die Gegengewichte zum balladesken Beitrag, welcher sowohl ordentlich („Loving You“) als auch belanglos („Love Never Felt So Good“) präsentiert wird.

Wirkliche Hits und künftige Evergreens finden sich natürlich nicht. Wer auch nur einen Track des Kalibers „Thriller“, „Smooth Criminal“, „Give In To Me“ oder auch „Earth Song“ erhofft, ist erwartungsgemäß schief gewickelt, wobei „Chicago“ und der Titelsong qualitativ auch auf den großen Klassiker-Alben des Interpreten eine gute Figur gemacht hätten. Rund und authentisch sind die Songs aber dennoch, was gerade deshalb ironisch wirkt, weil sie als bloßer Bonus auf „Xscape“ gepackt wurden. Hätte es nicht eigentlich umgekehrt sein sollen? Darum sollte jeder, der die Möglichkeit hat, unbedingt die erweiterte Ausgabe von „Xscape“ erstehen, die angebotenen Hauptracks lediglich als Vergleich zu den Originalen sehen und schnellstmöglich vergessen. Dieses posthume Werk beginnt erst bei Track 9. Dann, wenn Timbaland und Stargate mit ihrer Leichenfledderei zu Gunsten vermeintlicher Hörgewohnheiten des 21. Jahrhunderts fertig sind und der Hörer den echten Jackson hören darf. Solch eine peinliche Fehlentscheidung sollte man auf zukünftigen Veröffentlichungen bisher unbekannter Musik sowohl den Fans als auch der musikalischen Vision eines bemerkenswerten Musikers ersparen.

Anspieltipps:

  • Chicago (Original Version)
  • Slave To The Rhythm (Original Version)
  • Do You Know Where Your Children Are (Original Version)
  • Xscape (Original Version)

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