Whitechapel - Our Endless War - Cover
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Whitechapel Our Endless War


  • Label: Metal Blade/Sony Music
  • Laufzeit: 39 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Phil und seine Jungs legen sich mit Meshuggah, Slayer und dem Internet an.

War es im Bezug auf herausragende oder zumindest richtungsweisende Djent-Alben in diesem Jahr ohnehin schon äußerst ruhig, so kommt nun auch noch das sechsköpfige Deathcore-Geschwader Whitechapel mit seinem fünften Werk um die Ecke und tritt eben jener Szene mit einer kongenialen Fusion beider Welten ziemlich hart und unerbittlich mitten in die Weichteile. Dabei verzichten Phil Bozeman (Gesang), Ben Savage (Gitarre), Alex Wade (Gitarre), Zach Householder (Gitarre), Gabe Crisp (Bass) und Ben Harclerode (Schlagzeug) keineswegs auf ihren brachialen Mix aus Death Metal, Hardcore und Grind-Elementen, sondern fügen lediglich still und heimlich diese weitere Zutat hinzu, die sämtliche Fans mit offenen Mündern zurücklassen wird. „Die Scheibe umfasst alles, was wir bisher gemacht haben. Enthalten sind Elemente von „Whitechapel“ (06/2012) wie von „A New Era Of Corruption“ (06/2010) und „This Is Exile“ (07/2008). Die Blastbeats sind wieder dabei, genauso wie der aggressive Stoff unserer Frühphase, doch gleichzeitig ist es vielschichtiger und oft auch langsamer, eher auf Grooves ausgerichtet, die mittlerweile einen Großteil unseres Sounds ausmachen“, erläutert Saitenzupfer Alex, der zusammen mit seinen beiden anderen Gitarrenkollegen endlich mal aus dem Vollen schöpft und auch eine Riffwand aufzutürmen vermag, die dem Vorhandensein von drei Gitarristen Rechnung zollt.

Wer diese Lobpreisungen nicht glauben kann, der wählt einfach „The saw is the law“ aus und lässt sich von einem unwiderstehlichen Meshuggah-Rhythmus das Trommelfell massieren, während die restlichen Gliedmaßen entspannt im Takt mitwippen. Nach etwa acht bis zehn Wiederholungen dieser meisterhaft inszenierten „Besser exzellent geklaut als schlecht erfunden“-Mentalität auf der höchsten Lautstärke steht zwar die Polizei vor der Tür, aber dann gibt man eben den Bitten der Nachbarschaft nach und spielt auch die anderen Tracks von „Our Endless War“ ab, die schließlich der Wucht von „The saw is the law“ in nichts nachstehen. Lediglich das brutale Grunzfest „Worship the digital age“ bleibt in seinen Web 2.0-Anprangerungen etwas blass und auch „How times have changed“ zappelt als unruhiges Rhythmusgesplatter mehr dem gehobenerem Durchschnitt entgegen. Damit erfüllen Whitechapel nicht ganz den Anspruch, den man nach der Aussage „Es gibt keine Platzhalter und nichts, was um seiner selbst Willen enthalten wäre. Ich stehe hinter jeder Sekunde Musik, die wir darauf gepackt haben“ erwarten durfte, aber bei einem Blick auf die übrigen Tracks verpuffen diese zwei schwarzen Schafe ohnehin zu Staub.

Da wäre vor allem „Let me burn“, der beste Whitechapel-Song seit Bestehen des Knoxville-Sechsers, der nicht nur aufgrund des gedrosselten Tempos eine unglaublich emotionale Kraft in sich trägt. Beginnend mit der Begrüßung „The mouth of hell is open wide tonight“ springt hier nämlich ein groovendes Ungetüm aus den Boxen, welches erst den „sinnlosen Hoffnungsverlust eines Jedermann“ in unserer heutigen Zeit ein Sprachrohr verleiht, bevor der Refrain mit unmissverständlicher, resignierender Wucht und den Zeilen „Spark the flame, let me burn / There's nothing left to live for / I lost everything, so spark the flame and let me burn“ zum finalen K.O.-Schlag ansetzt. Dazwischen wirkt das flotte Geprügel des Deathcore-Panzers „Mono“ mit tiefenwirksamen Breakdowns und Drums mit Schleudertraumagarantie beinahe wie ein Kirmesbesuch, das drückende Doublebassinferno mit thrashendem Slayer-Unterton des Titeltracks verkommt lediglich zu einem präzisen Abrisskommando und der durchgeknallte Chorus von „Psychopathy“ mutet wie die amüsante, wenn auch ziemlich rasante Metal-Version eines Lady Gaga-Tracks an.

Nachdem „Our Endless War“ mit der hinterhältigen Dynamitstange „Blacked out“ dann alles in seine Einzelteile zerlegt hat und der Hörer nach dessen Grindgepolter und zerstörerischem Donnergrollen benommen in den Seilen hängt, setzen Whitechapel noch einen drauf und lassen Phil in dem episch angelegten „Diggs road“ offen über seine Suizidgedanken sprechen, die er nach dem Verlust seiner Eltern in seiner Kindheit hatte. Die besonders ruhige und beinahe kathartische Stimmung des Songs sorgt nicht nur für ein beklemmendes Gefühl, sondern legt auch gekonnt den roten Teppich für eine weitere Runde des „ewigen Krieges“ aus. „´Our Endless War´ kann sich auf alle erdenklichen Kriege beziehen, einen Weltkrieg oder persönliche Kämpfe. Das ganze Leben ist Krieg, ob man glücklich, traurig, deprimiert oder unempfänglich für Emotionen ist. Man muss sich jeden Tag behaupten, um zu überleben, und sich mit großen wie kleinen Problemen auseinandersetzen, wobei der Kampf entsprechend schwer oder leichter fällt", fasst der Knoxville-Sechser die Prämisse hinter seiner fünften Platte zusammen. Egal wie man zu dieser Aussage steht, mit einer vielfältigen und perfekt aufeinander abgestimmten Platte wie „Our Endless War“ im Abspielgerät hat man auf jeden Fall die richtige Wahl getroffen.

Anspieltipps:

  • Mono
  • Blacked Out
  • Let Me Burn
  • The Saw Is The Law

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