Anathema - Distant Satellites - Cover
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Anathema Distant Satellites


  • Label: KScope/EDEL
  • Laufzeit: 72 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Während die Satelliten im All sind, machen es sich die Briten in der allzu sicheren Comfort Zone gemütlich.

Weather Systems“ (2012) war verspielt, spannend, sowohl von einer Schwere als auch Harmonie durchzogen. Das vorangegangene „We´re Here Because We´re Here“ (2010) schließlich kann gar als Meilenstein für die Band selbst gesehen werden. Für Anathema wird es deshalb zunehmend schwerer, da noch einen drauf zu setzen. Und die Anforderungen der Fans und Kritiker sind erdrückend genug, dass jeder noch so kleine Ausreißer nach unten übermäßig kritisch betrachtet und als Wiederholung gewertet wird. Genau das wird bei „Distant Satellites“ der Fall sein und auch wenn das zehnte Studioalbum mal wieder so alles richtig macht, was es richtig zu machen gibt, schleicht sich langsam aber sicher eine kleine Stagnation ein. Die Cavanagh-Brüder, John Douglas und seine Schwester Lee sowie der erstmals im Line-up geführte Keyboarder Daniel Cardoso wissen immerhin, was sie wollen und was sie in den vergangenen Jahren erschaffen haben. Wird das reichen? Vielen schon, anderen hingegen nicht zu 100%.

Nachdem sich die Aufsplittung von „Untouchable“ in zwei Teile auf dem Vorgänger „Weather Systems“ bewährt hat, wird diese Vorgehensweise auf „Distant Satellites“ mit „The Lost Song“ wiederholt, der zunächst als herrlich melancholischer, moderner Progger mit abermals großer Nähe zum Art-Rock präsentiert wird. Die Reprise wird dann wie auch schon bei „Untouchable (Part II)“ als ruhige Reprise von Lee Douglas im Alleingang getragen. Selbst wenn dieses Schema hinreichend bekannt ist, funktioniert es durchaus gut. Mit dem düster-brodelnden „The Lost Song (Part III)“ kommt sogar ein dritter Teil, der interessanterweise in der Mitte des Albums platziert wurde und ebenfalls gekonnt mit Kontrasten spielt. Selbst bei schnelleren und aggressiveren Passagen zeigt sich die ganz eigene Magie Anathemas eine faszinierende In-sich-Gekehrtheit und Hoffnung zu transportieren. Und ja, da ist es wieder, was Anathema ausmacht: das Weite, das höchst Emotionale, das Schwelgerische. Spätestens jetzt hat die Band den Höhepunkt ihres aktuellen Sounds erreicht. Zumindest gefühlt.

Das zeigt sich ganz besonders bei dem beinahe trip-hopigen Titeltrack und dem folgenden Rausschmeißer „Take Shelter“, welche beide davon zeugen, dass aus Experimenten der Vergangenheit ein Sound geworden ist, auf den die Musiker bauen, dem sie vertrauen können. Wenn in „Take Shelter“ ein vom Drumcomputer in den Vordergrund gemischter Beat mit orchestralen Arrangements friedlich koexistiert und als völlig logisch aufgenommen werden kann, wurde jedenfalls eine Menge richtig gemacht. Oder eine Menge falsch. Denn so innovativ und spannend es auch funktionieren mag, so sehr rechnet man mittlerweile mit gerade solchen klanglichen Spielereien. Ähnlich verhält es sich mit dem unter Spannung stehenden Alternative-Progger „Dusk (Dark Is Descending)“ und „Ariel“. Letzteres überzeugt mit einem wunderbaren Duett zwischen Vincent Cavanagh und Lee Douglas. Das hat sich bewährt und funktioniert in dieser wundervollen, hauptsächlich vom Keyboard getragenen Ballade so gut wie eh und je. Aber im Vergleich zu ähnlichen Songs, leidet dieser am Pech des Spätgeborenen.

Vielleicht haben Anathema das selbst gemerkt. So fühlen sich das nichtssagende Intermezzo „Firelight“ und der hyperaktive, im Vergleich zum restlichen Material höchst heterogene Rocker „You're Not Alone“ wie Experimente mit Alibifunktion, letzten Endes jedoch nur wie Störfaktoren an. Zumindest macht „Anathema“ - ja, sie haben 23 Jahre nach ihrer Gründung einen Song nach sich selbst benannt! - so ziemlich alles wieder gut, was es gut zu machen gibt. Diese wunderschöne, spannende und opulente Nummer kann vielleicht als die quintessenzielle Komposition für die „neuen“ Anathema betrachtet werden - angefangen beim verträumten Piano, über den gewohnt hochklassigen Gesang vom Frontmann Cavanagh bis hin zum Grande Finale in Form des vielleicht besten Gitarrensolos, das man jemals von der Band gehört hat. Ein Meisterwerk, welches man noch lange als Referenz für die Briten heranziehen wird.

Und so sehr „Distant Satellites“ bis auf wenige Ausnahmen rund ist, so sehr ist es wohl der erste Schritt in die Richtung einer Stagnation. Die Ironie dabei ist, dass es Anathema mal wieder gewohnt hochklassig machen, ihr Sound über alle Zweifel erhaben ist und sich jeder Anhänger wie immer nicht satt hören wird. Das große Alleinstellungsmerkmal fehlt jedoch, die Herrschaften ruhen sich auf ihren (unglaublich wohl geformten) Lorbeeren aus und setzen auf Dinge, von denen man weiß, dass sie gut funktionieren. Die pure Schönheit der Musik bleibt bestehen und selbst wenn „Distant Satellites“ kaum Überraschungen zu bieten hat, werden Fans gut bedient. Und was wohl bleiben wird ist, dass Anathemas zehntes Studioalbum eine Position als das „mittelmäßigste hervorragende Werk“ einnehmen wird. Aber von so was können viele andere Bands immerhin nur träumen.

Anspieltipps:

  • The Lost Song (Part I, Part II, Part III)
  • Ariel
  • Anathema
  • Take Shelter

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