Swans - To Be Kind - Cover
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Swans To Be Kind


  • Label: Mute Records
  • Laufzeit: 121 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Der blanke Wahnsinn. Michael Gira in seiner wohl produktivsten Phase: Zwei Jahre nach dem Meisterwerk „The Seer“ legen Swans nach.

Wenn surreale Alpträume Realität werden, findet sich die nach wie vor unbeschreibbar düstere und unerbittliche Musik der Swans umgesetzt. So wundert es nicht, dass das Kernstück auf „To Be Kind“, das 34-minütige „Bring The Sun / Toussaint L'Ouverture Part One“, den Niedergang der historisch einmaligen Figur des schwarzen Revolutionsführers und Nationalhelden Haitis thematisiert.

L'Ouverture, in Sklaverei geboren, die Freiheit geschenkt bekommen, die Revolution angeführt, war der Befreier und maßgebliche Protagonist der haitianischen Revolution, der ersten erfolgreichen Unabhängigkeitsbewegung in Lateinamerika, der zweiten nach den USA. 1802 gefangen genommen verstarb er nicht mal ein Jahr später im kargen französischen Gebirgsgefängnis des Jura an der Schweizer Grenze. Wie ein umgekehrter Papillon muss dem Haitianer L'Ouverture die Reise in das düster-kalte, postrevolutionär chaotische und kriegerische Frankreich vorgekommen sein. Die wochenlange Überfahrt, das weiße Europa, Schnee und Kälte im Gebirge, der Kerker als Totenbett: „To Be Kind“ lässt sich wie der Musik gewordene Verlauf eines Martyriums hören. Im Grunde zu grausam, um wahr zu sein, und doch real.

Wahrscheinlich werden diese Jahre als Michael Giras produktivste gelten, auch wenn er bereits in den Achtzigerjahren, beim ersten großen Zyklus seiner Band, Musik von popgeschichtlichem Belang und ungehörter Konsequenz zusammenzimmerte. Aber was seit dem „Comeback“ dieser Band im Jahr 2010 vorgelegt wird, sprengt alle Erklärungsversuche. „My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“, jenes Aufsehen erregende Wiederauftauchen der Swans, war ein Klacks gegen das sprach- und atemlos machende Meisterwerk „The Seer“ von vor zwei Jahren.

„To Be Kind“ steht dem nur minimal nach. Wieder werden wir zwei komplette Stunden in eine aus instrumentaler Monotonie und Wiederholung bestehende Welt mitgenommen, deren Härte und Unannehmlichkeit in der populären zeitgenössischen Musik keinen Platz hat. Und dabei brauchen Swans nicht einmal ein Doppelpedal, Speed-Metal-Riffs oder penetrierende Störgeräusche des Drone oder Doom. Auch „To Be Kind“ ist ein Ehrfurcht einflößendes Opus, das bleiben wird.

Anspieltipps:

  • Screen Shot
  • She Loves Us
  • A Little God In My Hands
  • Nathalie Neal

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