Nazareth - Rock´N`Roll Telephone - Cover
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Nazareth Rock´N`Roll Telephone


  • Label: Union Square Music
  • Laufzeit: 78 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
3.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Abschied vom Bandgründer McCafferty erfolgt leider eher unspektakulär.

Moment mal! Ein Rock’n’Roll-Telefon? Vielleicht liegt es am Genre oder am Alter, wenn Urgesteine plötzlich mit so uninspirierten, grenzdebilen Titeln um die Ecke kommen. Irgendwie subversiv oder gar cool ist das nicht. Eigentlich nur bieder und ziemlich nichtssagend. Dass Nazareth alte Genrehelden sind, dem Metal den Weg ebneten und durchaus mit so großen Namen wie AC/DC in einem Atemzug genannt werden dürfen, steht außer Frage. Ob sie nun Rock 'n' Roll oder Hardrock machen und was ihre eigene Definition der gespielten Musik auch immer sein mag, kann dem Hörer eigentlich egal sein und wer irgendwann in den vergangenen 45 Jahren eingestiegen ist, weiß auch, was er zu erwarten hat. Danke also für die Erinnerung, dass wir es eben mit dem Telefon des Rock 'n' Roll zu tun haben und dafür, dass wir erinnert werden, wer oder was Nazareth überhaupt sind!

Als 23. Studioalbum nimmt „Rock 'n' Roll Telephone“ insofern eine Sonderstellung ein, weil es sich um das letzte mit Dan McCafferty am Mikro handeln wird. Der charismatische Frontmann wirft aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch. Somit bleibt nur noch Pete Agnew als Gründungsmitglied des schottischen Rock-Schlachtschiffs übrig. Ersetzt wird McCafferty von Linton Osborne, welcher bereits live die Stellung hält und auch im Studio künftige Songs einsingen wird. Für langjährige Fans ist die Situation schwierig und das Ende einer sehr langen Ära.

Deshalb sind die Erwartungshaltungen groß: „Rock 'n' Roll Telephone“ soll dem Sänger natürlich einen würdigen Abschied bescheren. Das funktioniert nur bedingt. Vielleicht ist nach 45 Jahren auch nur alles gesagt worden, was es zu sagen gab. Dass Nazareth also keinen weiteren, großen Klassiker einspielen und der Abschied vom Sänger wohl das größte Alleinstellungsmerkmal für die 23. Scheibe ist, sollte da eigentlich fast klar sein. Deshalb bewegen sich die elf Kompositionen des Albums allesamt in einem Bereich, der Fans entgegen kommt, aber sicherlich nicht mehr die Kinnlade runter klappen lassen wird. Wenn Nazareth mit einem straighten, erdigen und zackigen Hardrock um die Ecke kommen, funktioniert es nach wie vor am besten und bringt ordentlich Laune. Da wären das banale aber wirkungsvolle „Boom Bang Bang“, das fröhliche „Speak Easy“, das ziemlich coole „Punch A Hole In The Sky“ und das galoppierende „God Of The Mountain“ zu nennen. Mehr als Standardkost servieren Nazareth hier allerdings auch nicht. Für eine Band, die so lange standhaft geblieben ist, ist das aber nicht nur ausreichend, sondern auch wirklich in Ordnung. Sie wissen halt um ihre Stärken.

Und das ist einem Musiker wie Dan McCafferty schon würdig. Leider reißen dann einige Songs „Rock 'n' Roll Telephone“ in den Keller. „Back 2B4“ und der direkt folgende Fußeinschläfer „Winter Sunlight“ sind Pop-Rock-Schmonzetten der uninspirierten Art, welche zudem kaum zu McCaffertys Gesang passen und im direkten Vergleich zu den stärkeren Titeln des Albums songwriterische Defizite aufweisen. Richtig scheußlich ist „Long Long Time“, welches Samples und Scratching mit einer völlig deplatzierten und ungekonnten Rhythm-'n'-Blues-Ballade kombiniert und in etwa so was wie einen modernen Song darstellen soll. Mit Verlaub: Sowas ist im Jahre 2014, geschlagene 46 Jahre nach der Bandgründung, ganz sicher nicht mehr hip, sondern peinlich und von Unwissenheit zeugend. Deshalb fällt es schwer, Nazareth zu verzeihen. Denn eigentlich wissen sie - wie bereits erwähnt - um ihre Stärken und Schwächen. Dagegen wirkt „The Right Time“ als ruhige, zurückhaltende und eigentlich ziemlich unspektakuläre Ballade wie pures Gold - und Nazareth hatten schon sehr viel Stärkeres am Start.

Wer die Wahl hat, sollte übrigens zur Deluxe Edition mit zwei CDs greifen, welche fünf ordentliche Live-Versionen älterer Songs bietet und mit „Just A Ride“ und „Wanna Feel Good?“ zwei B-Seiten am Start hat, welche interessanterweise das komplette Hauptalbum in den Schatten stellen. Warum sie es nicht auf das Album geschafft haben, wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben und steht stellvertretend für so einige verpasste Chancen, unter denen „Rock 'n' Roll Telephone“ leidet. Dem Legendenstatus der Schotten wird das (glücklicherweise) keinen Abbruch tun, aber ein wirklicher Knaller hört sich ebenfalls anders an. Mit viel Licht und ebensoviel Schatten verabschieden sich Nazareth also von ihrem Frontmann. Mal werden sie ihm gerecht, mal tun sie es nicht. Aber zur Not bleiben ja immer noch Werke wie „Razamanaz“ (1973) oder „Hair Of The Dog“ (1975), welche die Anhänger der Altrocker von den großen Stärken der Gruppe überzeugen und es wohl ewig tun werden.

Anspieltipps:

  • Boom Bang Bang
  • Punch A Hole In The Sky
  • God Of The Mountain
  • Just A Ride
  • Wanna Feel Good?

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