The Phantom Band - Strange Friend - Cover
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The Phantom Band Strange Friend


  • Label: Chemikal/Rough Trade
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
8.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Intelligente, anregende, außergewöhnliche Musik aus Glasgow.

Um Irritationen vorzubeugen: Diese Phantom Band ist nicht die Gruppe, die vom Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit im Jahr 1980 ins Leben gerufen wurde. Hier handelt es sich um eine Formation aus Glasgow, die es seit 2006 gibt. „Strange Friend“ ist ihr drittes Studioalbum mit nicht eindeutig zu klassifizierender Musik. Die den Sound prägenden Synthesizer-Spuren klingen mal nach hässlichen New Wave-Referenzen („Clapshot“), mal simpel wie Spielzeug („The Wind That Cried The World“) und mal betont künstlich-pulsierend, wie es Devo in den 80er-Jahren ausprobiert haben („Doom Patrol“). Bloß nicht von diesen ersten Einschätzungen abschrecken lassen! Am häufigsten klingt die Band nämlich exotisch und raffiniert. Der seriöse, kontrollierte Gesang funktioniert dabei sehr gut als Kontrast zu der verspielten Elektronik. Abgerundet wird das Klangbild noch klassisch durch Gitarren, Bass und Schlagzeug.

So trumpft „Doom Patrol“ mit mächtigen, schon fast schwermetallenen Gitarren auf. Dieser Effekt wird überraschend eingesetzt, aber insgesamt gut organisiert umgesetzt. „Atacama“ ist mehrschichtig aufgebaut. Eine akustische Basis sorgt für Bodenhaftung, während die Synthesizer süße Tonschwaden verbreiten und sanfte Verführung garantieren. Mit seinem gediegenen Gesang erinnert der Titel sogar an Bill Callahan. „ Friends“ spielt mit exotischem Pop-Flair. Man denkt an asiatisch anmutende Tonfolgen, ohne dass diese wirklich ernsthaft verwendet werden. The Phantom Band regt die Fantasie an und entführt den Hörer an ferne akustische Orte.

Auch „Sweatbox“ lässt an fremde Kulturen denken, ohne dass man diese näher zuordnen könnte. Plötzlich holt es den Hörer durch einen flippigen, ausgelassenen Rhythmus zurück in die westliche Hemisphäre. Ein Kulturschock innerhalb von 5 Minuten. Das ist spannend, seltsam und sehr unterhaltsam, was sich die Musiker hier ausgedacht haben. Eine ähnlich undogmatische Herangehensweise an die barrierefreie Verschmelzung von Stilen, Kulturen und Klängen kennt man von Gomez, auch wenn diese Band ihre Schöpfungen ganz anders instrumentiert.

„No Shoes Blues“ weist eine ähnliche Ausrichtung auf: Fremde Lebensformen werfen ihren Schatten auf den Track, ohne ihn zu bestimmen. Ein eigenartiges Aroma durchströmt den Song und gibt ihm eine skurrile Färbung. Das wird sehr charmant in Szene gesetzt. „Women Of Ghent“ wirkt dagegen ein wenig plump. Wahrscheinlich bedingt dies der schnell tickende, wenig originelle Rhythmus. „Galápagos“ passt dann wieder voll ins multikulturell ausgerichtete Gesamtkonzept. Wie verfremdete, falsch verstandene balinesische Gamelan-Musik verwirrt die klimpernde Basis die Gehörgänge. Die konzentrierte Stimme, die sich fast als Sprechgesang offenbart, suggeriert dann jedoch Sicherheit. Aber sie verlässt diese unheilvoll wabernde Klangsuppe, bei der sich der Hörer leicht in den Sound-Schwaden verlieren kann. Das Grummeln verheißt nichts Gutes, verstummt dann aber abrupt.

Ein außergewöhnliches, anregendes, unerwartetes Klangerlebnis ist zu Ende. Und es bleibt nur eins zu tun: Noch mal von vorne zu starten und sich wieder in das erfrischende musikalische Abenteuer zu stürzen. Der neue „Strange Friend“ betört die Sinne und verdreht einem den Kopf.

Anspieltipps:

  • Atacama
  • Friends
  • Sweatbox
  • No Shoes Blues

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